„Wenn wir so weitermachen, sind wir in 15 Jahren weg“, warnt der Knorr-Bremse-Chef
Wenn Europa die Herausforderung durch die Industriemacht China bestehen will, muss es in der Wirtschaftspolitik umdenken, fordert Knorr-Bremse-CEO Marc Llistosella. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, sind wir in 15 Jahren weg“, warnte der Chef des Autozulieferers im Gespräch mit dem Pro-Newsletter „Industrie & Handel“ des Nachrichtenmagazins „Politico“.
Pro-Newsletter „Industrie & Handel“ des Nachrichtenmagazins „Politico“Europas Reaktion auf den China-Schock hält er für „zu kurz gesprungen“. Die EU beschwere sich zu viel, tue aber zu wenig, um die eigene Industrie wettbewerbsfähiger zu machen.
„Bei China müssen Zölle sehr spezifisch sein“, mahnte der Manager, der selbst lange in Asien gearbeitet hat. Umfassende Zölle gegen die Volksrepublik lehnt er ab. Europa dürfe sein Heil gerade jetzt nicht in Abschottung suchen. „Protektionismus gibt ein vermeintliches Sicherheitsgefühl, was dazu führt, dass man immer schlechter wird“, warnt Llistosella.
Völlig neue Stufe des Wettbewerbs
Nicht alles, was China macht, sei fair. Europa müsse aber auch erkennen, wo China „echte Wettbewerbsvorteile“ hat. Neben einem „großen Hunger und einer unglaublichen Leistungsbereitschaft“ nennt Llistosella ein konkretes Beispiel: „An deutschen Universitäten haben wir in den Ingenieurwissenschaften jährlich noch rund 132.000 Absolventen, in China sind es 1,3 bis 1,5 Millionen, also Faktor 10. Es wird schwierig, das zu kompensieren.“
Europa müsse verstehen, dass Chinas Aufstieg eine völlig neue Stufe des Wettbewerbs bedeute. „Vergessen Sie Staatskapitalismus oder Staatskommunismus“, sagt der Top-Manager. „Das ist faktisch der absolute Raubtierkapitalismus. Die 120 Pkw-Anbieter in China bekämpfen sich bis aufs Blut.“
Knorr ist als Weltmarktführer für Bremssysteme für Lkw und Züge Teil dieses Wettbewerbs. Weltweit setzt das 1905 gegründete Unternehmen mit circa 30.000 Beschäftigten rund acht Milliarden Euro um. Als „global regionales Unternehmen“ produziert Knorr-Bremse weltweit und ist in China bereits seit Jahrzehnten aktiv, derzeit mit acht Fabriken.
„Im Lkw-Geschäft sind wir teilweise über 80 Prozent lokalisiert“, sagte Llistosella. Das gilt für alle Märkte. „Bei Rail sind wir etwas zurückhaltender aufgrund der Property Rights, aber auch dort sind wir zu 65, 70 Prozent lokal.“
Chinas Stärken akzeptieren und Schwächen nutzen
Der EU empfiehlt Llistosella, auf die Volksrepublik zuzugehen, von China zu lernen, aber auch dessen Schwächen zu nutzen.
„Chinesen sind Händler, und mit Händlern kann man handeln“, sagte Llistosella. „Sie wollen ihre Autos loswerden, und sie müssen ihre Autos loswerden. Ihre Überkapazitäten sind so dramatisch. Ihr Markt bricht gerade ein. Sie müssen exportieren, sonst implodiert die gesamte chinesische Automobilindustrie.“
Europa sollte das nutzen. Chinesische Autos seien ja nicht schlecht. Die EU könne sagen: „Dann produziert sie doch bei uns. Local Content ist dann aber vorgeschrieben. Subventionen kriegt nur ein E-Fahrzeug mit 80 Prozent Local Content inklusive Batterie.“
China müsse seine Batterietechnologie nach Europa bringen, mit Joint-Venture-Partnern. „Das haben sie mit uns auch gemacht“, sagt der Manager. „Sie können Siemens nehmen, Knorr-Bremse oder jemand anderen, aber sie brauchen einen Partner.“
Warnung vor China-Attacke bei Nutzfahrzeugen:
Ein Risiko sieht Llistosella im Lkw-Markt, der in Europa weitgehend von sechs europäischen Herstellern bedient wird. Sie würden aber gar nicht oder zu wenig in Osteuropa produzieren. Das öffne das Einfallstor für chinesische Player. Wenn die dort Produktion ansiedeln, freuten sich die nationalen Regierungen. „Wir würden wahrscheinlich auch zuliefern“, sagte Llistosella.
„Der Lkw-Markt in Europa wird sich in den nächsten drei bis fünf Jahren massiv ändern“, warnt er. „Bei elektrischen Stadtbussen passiert das schon. Da ist das Einfallstor geöffnet worden.“
Europa sollte China dennoch einladen, in der EU zu investieren und hier zu produzieren, „aber nach den gleichen Bedingungen, zu denen europäische Firmen in China arbeiten dürfen, also mit Joint Ventures und Knowhow-Transfer.“
Die EU bereitet mit dem Industrial Accelerator Act gerade Vorschriften vor, die darauf zielen, chinesische Investitionen in Europa zu erschweren.
Warnung vor Selbstgerechtigkeit
Llistosella warnt vor einer doppelten Doppelmoral Europas. „Wenn wir uns beschweren, dass die Chinesen jetzt unfair sind, sollten wir nicht vergessen, dass wir auch sehr unfair waren“, sagte er.
Erstens: „Wir überschwemmen westafrikanische Staaten mit T-Shirts aus Bangladesch, da kann kein Mali mithalten. Wir überschwemmen die Länder mit Nahrungsmittelüberschüssen aus der EU. Da kann der Bauer im Tschad nicht mithalten. Das ist nicht fair. Aber darüber reden wir nicht.“
Zweitens habe Deutschland über Jahrzehnte von China profitiert. „Wir haben massive, überproportionale Gewinne aus dem chinesischen Markt gezogen“, sagt er. „Da sind zig Milliarden aus China gekommen. Viele haben sich dumm und dämlich verdient. Die deutsche Automobilindustrie hat die letzten 20 Jahre unfassbar an China verdient – und jetzt dreht sich das Blatt.“
„Als erstes brauchen wir eine ehrliche Bestandsanalyse“
Dies sei absehbar gewesen. Aber „das Geld aus China hat auch übertüncht, was schon damals lief: nämlich eine Schwächung des Markenwertes der Deutschland AG.“
Deutschland müsse dies endlich anerkennen. „Als erstes brauchen wir eine ehrliche Bestandsanalyse“, fordert Llistosella. „Wettbewerb heißt, das beste Personal in die beste Position zu bringen. Du brauchst die beste Struktur mit den besten Prozessen. Haben wir die in Deutschland? Haben wir nicht.“
Eine echte, schmerzende Analyse verweigere Deutschland seit Jahren. „Es weigert sich, die Bildungseinrichtungen wirklich kompetitiv aufzusetzen. Es weigert sich, klar zu sehen, in welchen Industriezweigen wir überhaupt wettbewerbsfähig sein können. Wir können im Stahl nicht wettbewerbsfähig sein.“
Llistosella vermisst bei Europas Eliten Verantwortung für die nächsten Generationen. „Das Schlimmste, was unsere Kaste der Gebildeten, Gutbürgerlichen, Welterfahrenen sagen könnte, wäre: ‚Für uns reicht es ja noch.’ Das ist fatal, abstoßend und unsozial. Das lehne ich ab“, sagt Llistosella. Europa sei das Beste, was er in der Welt gesehen habe. „Aber wir lassen gerade alles durch die Hände rinnen.“ Europa müsse ehrgeiziger sein. „Pizzadienste als wirtschaftlicher Kern, das können wir doch nicht wollen, weder für uns, noch für die Kinder.“
Romanus Otte ist Senior Reporter bei „Politico“ Deutschland. Den Newsletter „Industrie und Handel“ können Sie hier abonnieren.