Wenn der Mob mobil macht in Mossingham
Vielleicht sollte man es doch mal mit dem moosigen Arsch der Welt versuchen, wenn man das mit der Stadt mal nicht mehr aushält. Da ist die Welt nämlich herrlich harmlos und schön. In Mossy Bottom (was man durchaus mit „Moosiger Arsch“ übersetzen kann) jedenfalls, wie es überall schön ist in den Hügeln über Oxford und Cambridge und Henley. Ehemals Kernland der Konservativen. Heimat eines Supercheckerbunnies namens Shaun.
Shaun, schmächtiges, wolliges Kerlchen und geborener Anführer, ist, das muss man Menschen, die seit der Jahrtausendwende keine Kinder zu unterhalten hatten, sagen, das berühmteste Schaf der Welt. Im Plastilinkosmos der Wallace-und-Gromit-Erfinder von Aardman irgendwann in den 1990er-Jahren geboren, mittels Stopmotion-Technik zum Leben erweckt in gut 200 Fernsehfolgen und zwei Kinofilmen.
Wir sind heute hier, weil sich die Aardmänner gern einen Spaß daraus machen, Gegenwart in Schafgeschichten zu spiegeln (die Olympischen Spiele beispielsweise) und allerlei traditionelles Shire-Verhalten. Und natürlich, das ist ihr eigentlicher Hauptspaß, lassen sie Shaun, seine Wollfreunde, die anarchischen Schweine von der Nachbarfarm, Bitzer, den Hund, und den Farmer ohne Namen, mit Genres jonglieren. Es landeten schon mal Außerirdische in Mossy Bottom, was dazu führte, dass nach Herzenslust mit Sci-Fi-Klassikeranspielungen durch die schöne Gegend geworfen wurde.
Dass seit Shauns „Ufo-Alarm“ sieben Jahre ins Land gingen, bis „Spuk im Kürbisfeld“ fertig wurde, liegt am extrem langsamen Produktionsprozess (mehr als zwei Sekunden lassen sich pro Drehtag kaum produzieren). Das hatte auch was Gutes. Der Halloween-Horror von Mossingham ist die perfekte Einstiegsdroge für die ganze Familie in jenes Genre, das gerade boomt wie kein zweites – das mit Monstern, Untoten und sonstigen spukigen Gestalten.
Als splatteriger Gegenwartsspiegel taugt Shauns Albtraum von Mossy Bottom im Gegensatz zu den aktuellen Horrorfilmen höchstens am Rand. Aber die sind ja auch für Fortgeschrittene. „Spuk im Kürbisfeld“ ist für alle. Lustig und skurril und versponnen wie immer für die Kleinen. Für die Großen fliegen so viele Gruselfilmzitate herum wie in den Originalen Blutspritzer und Körperteile.
Die Geschichte geht so: Es geht auf Halloween zu. Die Schafe haben in einem Geheimbeet die schönsten Kürbisse gezüchtet fürs spätere Schauder-Ausleuchten ihrer Scheune. Als der Farmer allerdings, trottelig und kurzsichtig wie er ist, hindurchlatscht und die herrliche Ernte in Brei verwandelt, ist das Entsetzen groß. Aber Shaun hat wie immer eine Idee. Und ein Buch. Das heißt „Homemade Science“. Da steht ein Rezept für einen Zaubertrank drin, mit dem man alles in Windeseile wahnsinnig groß wachsen lassen kann.
Die Kürbisse gedeihen dufte. Wir wären aber nicht in Mossy Bottom, wenn nicht das ultimative Chaos direkt um die nächste Ecke lauern würde. Der Farmer nämlich wollte auf ein Country-Music-Event mit seiner Angebeteten, der jungen Tierärztin von Mossingham. Die alte Country-Kluft passte noch mehr schlecht als recht. Die Geheimratsecken störten ihn aber. Ein bisschen Haartinktur könnte helfen, dachte er. War aber die von Shaun. In bester „American Werewolf“-Manier verwandelt der Ärmste sich in ein haariges Monster.
Zauberlehrling von Mossingham
Mossingham ist in Aufruhr. Der Mob macht mobil und rückt aus zur Big Foot-Jagd. Die Tierärztin ahnt was und will das vermeintliche Untier in Sicherheit bringen („Spuk im Kürbisfeld“ hat auch was von „Die Schöne und das Biest“). Nach einem kleinen Fettversehen trägt Shauns Buch plötzlich den Titel „Mad Science“. Und der sonst so findige Shaun hat zunehmend was von einem irren Wissenschaftler und von Goethes „Zauberlehrling“ und verliert zum ersten Mal die Fassung. „Spuk im Kürbisfeld“ ist auch die Geschichte der Normales-Schafwerdung eines Superhelden.
Nebel wallt. Türen quietschen in den Angeln. Die Schafe tanzen „Thriller“. Und der volle Mond scheint über eine derart fabelhafte Fülle von Details, dass man aus dem Staunen wieder einmal nicht herauskommt und man hinterher gleich wieder ins Kino will, um nachzuschauen, ob man nicht was übersehen hat (hat man bestimmt). Irgendwas im Hintergrund (das Röntgenbild vom Hund in der Tierarztpraxis mit den vielen Schlüsseln im Bauch zum Beispiel) oder eines der Dutzenden mehr oder weniger versteckten Genre-Zitate, die hier gar nicht gespoilert werden sollen.
Vielleicht bis auf unseren Lieblingsmoment. Einmal stehen die Schafe in der Dusche des Farmers hinter dem Vorhang (Dusche? Hitchcock! „Psycho“!). Die Geigen messern im Flageolett auf die Schafe los wie damals bei Hitchcock auf Janet Leigh. Was da kreischt, ist aber nur Shirley, das dickste Schaf aus Shauns Herde, mit ihrer Zahnseide.
„Spuk im Kürbisfeld“ ist vielleicht nicht der stringenteste der Shaun-Filme, aber es gibt kaum etwas Klügeres, Lustigeres, Fantastischeres, was man an nieseligen Herbsttagen machen kann. Auf Halloween (das zum Glück fast gar keine Rolle spielt) muss man ja nicht warten.