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Was es wirklich mit Wagners „Rienzi“ auf sich hat

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Worauf „Rienzi“ zurückgeht

Edward Bulwer-Lytton (1803–1873), britischer Romanautor und Politiker, wurde mit „Die letzten Tage von Pompeji“ (1834) berühmt. 1835 erschien von ihm der dreibändige Roman „Rienzi, der letzte der Tribunen“. Der Titelheld, Cola di Rienzo (1313–54), war ein römischer Politiker und Volkstribun. Er ist eine bis heute umstrittene Figur: Für die einen ist er ein Humanist und Fixstern des Renaissance-Humanismus, für die anderen ein größenwahnsinniger Tyrann. Er kam aus einfachen Verhältnissen, brachte es aber zum vom in Avignon residierenden Papst ernannten Notar der römischen Kammer. Ihm, der ein großer Bewunderer des untergegangenen Römischen Reichs war, wurden die Ursachen für die Misere immer klarer: die gewaltsamen Kämpfe zwischen den Familien Colonna und Orsini um die Macht.

1347 eroberte Cola di Rienzo mit dem revoltierenden Volk das Kapitol und vertrieb den verhassten Stadtadel. Er rief neuerlich die Republik aus, die Römer verliehen ihm den Titel eines Tribuns. Doch di Rienzos Ziele wurden nicht von jedem geteilt. Die verfeindeten Adelsfamilien verbündeten sich gegen ihn. Am 8. Oktober 1354 wurde di Rienzo vom Aufstand überrascht und verhaftet. Er wurde von einem Handwerker hinterrücks ermordet, seine Leiche wurde geschändet und vor dem Palazzo Colonna für zwei Tage aufgehängt.

>>> WELT-Autor Peter Huth tickert live von den Bayreuther Wagner-Festspielen. Seine Berichte lesen Sie hier.

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Wie „Rienzi“ entstand

Nach der Komposition seiner ersten, von Weber und Marschner beeinflussten vollständigen Zauber- und Märchenoper „Die Feen“ (die erst 1888, fünf Jahre nach seinem Tod, in München uraufgeführt wurde) und der auf Shakespeares „Maß für Maß“ zurückgehenden Oper „Das Liebesverbot“, die 1836 unter katastrophalen Umständen in Magdeburg uraufgeführt worden war, suchte der bitterarm im Pariser Exil lebende Richard Wagner einen neuen Stoff. 1837 entdeckte er Bulwer-Lyttons „Rienzi“-Roman und war fasziniert von dem Stoff, der seine einzige wirklich historisch-politische (wenn auch frei mit der Wahrheit umgehende) Oper werden sollte. Er komponierte das Werk von 1838 bis 1840 in Paris, umtost von den Erfolgen Meyerbeers und Spontinis, deren Grand Opéras er mit seinem monumentalen Wurf nacheifern wollte.

Was in „Rienzi“ passiert

Die Oper spielt an fünf aufeinanderfolgenden Tagen. Rienzi stellt sich gegen den Terror, den die verfeindeten Adelsfamilien Orsini und Colonna in Rom verbreiten, und gewinnt die Bürgerschaft für einen Aufstand. Schon bald kann Rienzi eine Verfassung in Rom installieren – und sich als Volkstribun. Auch die Geistlichkeit steht auf seiner Seite. Die vertriebenen Nobili planen die neuerliche Inbesitznahme Roms. Ein von ihnen auf Rienzi verübtes Attentat scheitert, der Tribun begnadigt sie, zum Unwillen des Volkes.

Neuerlich ziehen die Nobili mit einer Armee gegen die Stadt. Rienzi führt die Plebejer in die Schlacht, die Nobili-Anführer Orsini und Colonna fallen. Rienzi wird als Sieger gefeiert, doch hat er einen neuen Feind: Adriano di Colonna, der Verehrer seiner Schwester Irene, will seinen Vater rächen. Adriano hetzt die Plebejer und die Kirche durch eine Intrige gegen Rienzi auf. Rienzi erkennt die Verlorenheit seiner Lage; nur Irene, seine Schwester, hält noch zu ihm. Die Plebejer setzen das Kapitol in Brand, Rienzi und Irene gehen stolz und von allen verlassen unter; ebenso Adriano, der von Irene nicht lassen kann.

Wie „Rienzi“ auf die Bühne kam

Rienzi ist die dritte vollendete Oper Richard Wagners und sein erster musikalischer Erfolg, mit dem er seinen Durchbruch erreichte. Die Uraufführung fand am 20. Oktober 1842 am Königlichen Hoftheater in Dresden statt. Solisten waren Joseph Tichatschek und als Adriano die vom Komponisten sehr geschätzte Wilhelmine Schröder-Devrient, später die Wagnerinterpretin des 19. Jahrhunderts schlechthin.

Einige Zugeständnisse an die Zensur ließen sich nicht vermeiden: So musste die Figur des Kardinals, der Rienzi am Ende verrät, im katholischen Königreich Sachsen in Raimondo umbenannt werden. Darüber hinaus war die Oper für damalige Verhältnisse äußerst umfangreich – die Überlänge späterer Wagneropern wurde hier vorweggenommen –, was zu einigen Streichungen, etwa der großen, fast 40 Minuten langen Pantomime im 2. Akt, führte.

Wie „Rienzi“ wirkte

Wagners erste Frau Minna und sein schärfster Gegner, der Wiener Kritiker Eduard Hanslick, hielten den von Meyerbeers Grand Opéra und dem von Wagner geliebten italienischen Belcanto beeinflussten „Rienzi“ für dessen beste Oper. Er selbst war sich dessen nicht sicher, nannte die „Jugendsünde“ scherzhaft, seinen „Schreihals“. Während des 19. Jahrhunderts wurde die musikalische Gestalt des „Rienzi“ mehrmals umgeändert. Wagner selbst teilte die Oper 1843 in zwei Hälften („Rienzis Größe“ und „Rienzis Fall“), später kürzte er selbst das Werk auf einen Abend.

Eine definitive Werkgestalt hat Wagner nicht hinterlassen, die Aufführungspartitur verbrannte schon früh in Dresden. Cosima Wagner inszenierte „Rienzi“ in Berlin als Musikdrama, wofür Felix Mottl und zwei andere Kapellmeister das Stück in der Art späterer Wagner-Opern gründlich revidierten. Erst die Neuedition im Rahmen der Wagner-Gesamtausgabe (1974–77) stellte die Urfassung wieder her, einschließlich jener Passagen, die nur noch in der Kompositionsskizze vorliegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das aufwendige Werk nur selten szenisch gespielt.

Was es mit der „Rienzi“-Verehrung Hitlers auf sich hat

Wagner stellt das Leben des Cola di Rienzo weit heroischer und verklärender dar als die Geschichtsschreibung. Sein Flammentod in den Trümmern des Kapitols nimmt bereits das Ende der „Götterdämmerung“ vorweg. Ob „Rienzi“ wirklich die Lieblingsoper Adolf Hitlers war, wie es immer wieder heißt, ist tatsächlich umstritten. Mindestens mochte er „Die Meistersinger“ ebenso. Und sein Lieblingskomponist war erklärtermaßen der Operettenmeister Franz Lehár. „In jener Stunde begann es!“, soll Hitler später gesagt haben, nachdem er „Rienzi“ mit 16 Jahren auf einem Stehplatz in Linz gesehen hatte, in welcher Fassung auch immer.

Doch auch Hitler müsste bemerkt haben, dass Rienzi von seinem eigenen Volk verraten wird und den Tod findet. Trotzdem gab es ab 1933 wieder vermehrt Neuinszenierungen des Werkes, die marschmelodische Ouvertüre erklang oftmals auf Reichsparteitagen, das Werk hatte also in der NS-Propaganda seinen Platz. Aber auch in der Sowjetunion wurde es gern auf Paraden und im Fernsehen gespielt. Zu Hitlers 50. Geburtstag 1939 wurde ihm, mit vier anderen Autografen, die Originalpartitur der Oper geschenkt, die einst König Ludwig II. von Bayern gehört hatte. Heute ist sie verschwunden, man vermutete sie zuletzt im Führerbunker.

Warum „Rienzi“ in Bayreuth sonst nicht zu sehen ist

„Rienzi“ war bisher in Bayreuth einmal im Rahmen des Internationalen Jugendfestspieltreffens zu sehen. 2013, zum 200. Wagner-Geburtstag, zeigten die Festspiele im Rahmen der gemeinsam mit der Oper Leipzig produzierten drei Jugendwerke auch den „Rienzi“ szenisch in der Sporthalle. Es dirigierte Christian Thielemann. Wieland Wagner inszenierte das Werk 1957 in Stuttgart, Katharina Wagner 2008 in Bremen. In Bayreuth wollte Wagner nur die zehn Opern seiner reifen Zeit, vom „Holländer“ bis zum „Parsifal“, aufgeführt wissen. Ein ausdrückliches „Rienzi“-Verbot gibt es allerdings nicht.

Trotzdem musste die jetzige Premiere erst vom Stiftungsrat genehmigt werden. Man spielt vom 26. Juli bis zum 26. August neunmal und nur in diesem Jahr. Natalie Stutzmann dirigiert, Andreas Scharger ist Rienzi, Gabriela Scherer die Irene und Jennifer Holloway Adriano.

Was der „Rienzi“ des Jubiläumsjahres bringt

„Monumental, politisch, dramatisch“, so bewerben die Bayreuther Festspiele selbst das erstmalige Erscheinen von „Rienzi“ im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel. Der Topos des vollständigen Untergangs findet sich im „Rienzi“ bereits ebenso wie der vom einsamen, übermenschlichen Helden („Der Fliegende Holländer“, „Lohengrin“, „Siegfried“), den die Welt nicht versteht und der an ihr zugrunde geht.

Ebenso wird die Geschwisterliebe zwischen Rienzi und Adriano, die zum Hauptthema der „Walküre“ werden wird, hier bereits mehr als nur angedeutet. Alles Motive, für die sich Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die beiden ungarischen Regisseurinnen, die mit einem „Ring“ in Saarbrücken bekannt wurden, interessieren. „Dies ist der richtige Ort für diese Oper, weil Bayreuth schon immer auch eine große politische Inszenierung gewesen ist“, sagten sie unlängst im Interview.

Wo man „Rienzi“ nachhören kann

Die „Rienzi“-Einspielungen haben eine Länge zwischen zweieinhalb und viereinhalb Stunden. Das zeigt bereits, wie sehr die Oper ein Steinbruch ist, in dem für jede Produktion individuell gekürzt wird. Die vollständigste Aufnahme ist die von Edward Downes mit dem BBC Northern Symphony von 1976 mit John Mitchinson, Lois McDonall und Lorna Haywood. Die einzige, eine Stunde kürzere Studio-Einspielung entstand im selben Jahr unter Heinrich Holreiser mit René Kollo, Janis Martin und Siv Wennberg. Es spielt die Staatskapelle Dresden.

Weitere Aufnahmen gibt es unter Johannes Schüler (1942), Winfried Zillig (1950), Robert Heger (1953), Lovro von Matacic (1957), Josef Krips (1960), Wolfgang Sawallisch (1983), Sebastian Weigle (2013). Zweimal gibt es die Oper auf DVD: von der Deutschen Oper Berlin unter Sebastian Lang-Lessing, inszeniert von Philipp Stölzl (Torsten Kerl, Camilla Nylund, Kate Aldrich, 2012) und aus Toulouse unter Pinchas Steinberg, inszeniert von Jorge Lavelli (Torsten Kerl, Marika Schönberg, Daniela Sindram, 2013).

Wo man „Rienzi“ nicht erwartet

Ein Ausschnitt aus der Ouvertüre zu „Rienzi“ war von 1998 bis 2014 als die markante Abspannmelodie von „Spiegel-TV-Reportagen“ zu hören. Eine Verballhornung bekannter „Rienzi“-Motive (meist aus der Ouvertüre) kommt in Helmut Dietls Film „Schtonk!“ (1992) als Hintergrundmusik vor.