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Was Eltern ihren Kindern antun, wenn sie nicht vorlesen, ist niemals wieder gut zu machen

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Es ist vielleicht die katastrophalste Meldung der letzten Jahre – besorgniserregender als alle Wahlergebnisse, Warnungen vor der KI und die Auslöschungsdrohungen, die verrückte Herrscher an verfeindete Nationen richten. Einem Drittel aller Kinder in Deutschland wird niemals etwas vorgelesen. Buchferne Menschen in mittleren Jahren, die Kinder bekommen, geben so das eigene Fremdsein gegenüber dem Lesen an ihre Kinder weiter. Mit unheilvollen Konsequenzen.

Denn es gibt keinen Zweifel daran, dass die immer schlechter werdenden Pisa-Ergebnisse auch mit der Vorleseabstinenz von Eltern zu tun haben. Die Stiftung Lesen zitiert den Fachmann Jörg F. Maas: „Die aktuellen PISA-Ergebnisse werden sich nicht verbessern, wenn wir nur Bildungsinstitutionen betrachten. Wer Kinder stärken will, muss sie früh erreichen – lange vor der Einschulung. Wir brauchen vor allem Anreize und Förderungen für Eltern, ihren Kindern täglich vorzulesen. 10 Minuten Vorlesen am Tag muss zum normalen Alltag gehören, wie tägliches Zähneputzen und das müssen Eltern wissen.“

In Verhältnissen, die Lernforscher „reichhaltiges Anregungsmilieu“ nennen, gilt: Bis zum Alter von vier Jahren hören Kinder 45 Millionen Wörter, solche aus bildungsfernen Schichten hören nur 15 Millionen oder weniger. Und im Grunde entscheidet sich in diesen vier Jahren schon alles. Kindern, die in dieser Zeit zu kurz gekommen sind, fällt später in der Grundschule das Lesenlernen schwerer und auch die vielen Angebote in Ganztagsschulen zur Bildungsanregung außerhalb des Unterrichts können sie schlechter nutzen, als Kinder mit größerem Wortschatz. Nur wenige von ihnen holen die Defizite, die sie aus ihrem kargen „Anregungsmilieu“ mitschleppen, jemals wieder auf.

Doch nicht nur langfristige Bildungsziele sprechen fürs Vorlesen. In einer typischen Situation, wenn die Kinder sich rechts und links an Vater oder Mutter kuscheln, entsteht eine Innigkeit fast wie beim Stillen. Kinder lieben es, und die Erinnerung an solche Situationen hallt bis ins Erwachsensein nach. Das zerfledderte alte Märchenbuch, das 40-Jährige irgendwo in einer Rumpelkammer ihres Elternhauses finden, löst Gefühle aus wie sonst höchstens ein wiederaufgetauchtes Kuscheltier.

Aber auch für die Eltern stiftet das Vorlesen kostbare Momente und Erinnerungen. An Weniges aus der Zeit mit meinen drei Kindern erinnere ich mich so glücklich wie an die Zeit des Vorlesens. Okay, der berüchtigte Bobo Siebenschläfer, mit dem man im Kleinkindalter anfing, trieb mich mit seiner Schlichtheit manchmal in den Wahnsinn.

Aber auch Simpel-Bobo half, die Kinder auf die wirklich großen Lektüren vorzubereiten, die später kamen: Grimms Märchen, Astrid Lindgren, die Hedvig-Romane von Frida Nilsson, „Der kleine Nick“. Einer unserer größten Familienmomente war das gemeinsame Lachen über die Nick-Geschichte „Bei uns entscheidet Papa“, bei der es darum geht, dass in Wirklichkeit immer die Mutter entscheidet. Meine Ex-Frau, ich und die drei Kinder in unterschiedlichen Altersstufen fanden das aus ganz unterschiedlichen Gründen komisch, was es noch komischer machte. Ein Jahrzehnt später erinnere ich mich noch an diesen kurzen Moment. Wer niemals vorliest, wird nie die Chance auf solch ein Glück haben.