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Warum uns Fotografie noch immer überwältigt

· Culture

Die populärste Kunstform aller Zeiten war die Entdeckung wohlhabender Leute mit viel Zeit. Man musste in den 1820er-Jahren ordentlich Geld haben für die teuren, in Handarbeit gefertigten Apparaturen und Linsen. Man musste wissen, wie man mit den Chemikalien umging, und bereit sein, viele Rückschläge in Kauf zu nehmen bei dem Versuch, endlich einmal nur das festzuhalten, was die eigenen Augen sahen, ohne Umweg über Pinsel, Griffel oder Stift.

Der Erfinder der Fotografie, Joseph Nicéphore Niépce, wartete im Sommer 1827 in seinem Haus nahe Chalon-sur-Saône im Burgund über viele Stunden darauf, dass die Sonne den Hof seines Anwesens Le Gras auf eine mit lichtempfindlichem Naturasphalt bestrichene Zinnplatte zeichnete. „Point de vue du Gras“ ist die älteste heute noch erhaltene Fotografie, ein graubraunes Schattenspiel.

Niépces Mutterland Frankreich feiert sich in diesem und im nächsten Jahr als Wiege der Fotografie. Dass die Technik ebenso gut auf deutsche, englische und amerikanische Pioniere zurückgeht – geschenkt. In Paris geht die große Geste eben etwas leichter von der Hand. In der Bourse de Commerce hat der französische Luxusunternehmer, Milliardär und Kunstsammler François Pinault seinen Fotografiekurator Matthieu Humery einen Parcours durch die Geschichte des Mediums zusammenstellen lassen, zurückgreifend auf eine Sammlung von 8000 Bildern: „Remember Me“.

Wo fängt man an, wo hört man auf? Die Fotografie leidet darunter, dass sie so leicht für Kunst gehalten werden kann, und sie profitiert unendlich davon. Es gibt auch keine andere Spielart der bildenden Kunst, die eine vergleichbare Industrienähe hat und Myriaden von Gebrauchsfotografen unterhält. Pinault, der sein Geld mit Mode und Kunsthandel verdiente, sammelt einzelne Fotokünstler intensiv und begann mit der „Pictures Generation“ um Cindy Sherman und Barbara Kruger; letztere hat mit „The History of Tears“ eine opulente Installation in der Rotunde der zum Privatmuseum umgebauten ehemaligen Pariser Warenbörse beigesteuert.

Der Amerikaner Irving Penn hat einen eigenen Saal mit Petersburger Hängung bekommen, taucht aber auch in den übrigen, thematisch sortierten Räumen auf, genau wie Richard Avedon. Insgesamt sind es um die 450 Aufnahmen von Penn, viel zu viel bei 700 Exponaten.

Es herrscht eine gewisse Überpräsenz der handwerklich perfekten Celebrity-Inszenierer, also Avedon, Penn, Helmut Newton oder Annie Leibovitz. Sie zeigen uns, oft im Auftrag großer Magazine, was wir gerne sehen: die Reichen und Berühmten und das Malerische am Fremden. Es sind grandiose Bilder darunter, aber man spürt, dass ihr Erfolg als Massenmedium, emotionale Geschichtenerzählerin und Verkaufstalent die Fotografie auch etwas verbraucht hat.

Gerade dadurch, dass Avedon, Penn und Co. mit ihren perfektionistischen Blumenstillleben und den sorgsam ausgeleuchteten Tableaus aus Tierschädeln, Frauenbeinen und Starvisagen so leicht zu goutieren sind, bilden sie eine Folie für das wirklich Revolutionäre dieser Kunstform. Etwa die Seestücke des Fotopioniers Gustave Le Gray von 1856.

Es sind Aufnahmen des Meeres, und es ist überraschend seltsam, das zu sehen: Die Wellenbewegungen konnte die Fotografie erst mit einer kürzeren Belichtungszeit erfassen, und Le Gray montierte Aufnahmen von Himmel und Meer damit beide mit der jeweils richtigen Belichtung zur Geltung kamen. Es ist ein scharfer Blick in die Vergangenheit. Mitte des 19. Jahrhunderts sind Segelschiffe noch in der Überzahl, das Dampfzeitalter aber schon angebrochen – wir kennen diese Epoche besser aus Gemälden denn aus der Fotografie.

Auf der zweiten Etage der ehemaligen Warenbörse passiert dann etwas Erstaunliches: Man wird selbst angesehen. Da steht ein Mann in Holzpantoffeln und grobem Kittel. Er hält einen kleinen Kasten in der Hand und schaut neugierig zurück in unsere Welt. Die Aufnahme ist fast hundert Jahre alt. August Sander hat den „Lackarbeiter“ 1930 porträtiert, als Vertreter eines Standes, aber auch als Individuum. Arbeitsgeräte sind in Sanders herausragenden Handwerkerporträts zwar sichtbar, werden aber für den Moment der Aufnahme aus der Hand gelegt. Ein Moment, in dem Intensität und Distanz zusammenfallen.

Diese Art der Fotografie ist in mehrfacher Weise unwiederholbar. Tapezierer oder Geldbriefträger fotografierten 1930 nicht ständig ihre eigene Welt, und auch sie selbst standen nur selten vor der Kamera. Ihr Alltag war, anders gesagt, noch nicht von Bildern durchdrungen. „Menschen des 20. Jahrhunderts“, so der Titel des weltberühmten Zyklus, müsste eigentlich heißen: die Menschen des frühen 20. Jahrhunderts.

Werden wir von unseren eigenen Porträts einst so herunterschauen in eine uns unbekannte Zukunft? Gibt es die digitalen Bilder dann überhaupt noch? Wie er die Zukunft der Fotografie sehe, wird der Kurator Matthieu Humery von einem Journalisten gefragt. Humery antwortet, dass die Menschen im 19. Jahrhundert bereits dieselben Fragen hatten. „Als die Fotografie erfunden wurde“, sagt er, „ging es einzig und allein darum, die Wirklichkeit möglichst originalgetreu wiederzugeben. Und dann stellte man fest, dass man die Fotografie eigentlich gar nicht dazu nutzte, die Wirklichkeit abzubilden. Das ist interessant: Eine Erfindung, die genau auf diesem Gedanken beruhte, hat sich letztlich zu etwas völlig anderem entwickelt, zu etwas sehr viel Komplexerem.“

Keines der ausgestellten Bilder wurde mithilfe von KI erstellt, aber das liegt auch einfach daran, dass es noch nicht so viele Künstler gibt, die damit erfolgreich arbeiten. Und auch daran, dass man die Wirklichkeit eben schwer ersetzen kann. Ein Highlight dieser disparaten Schau sind die großformatigen Farbbilder des Fotografen Raymond Depardon.

Depardon reiste im Auftrag des französischen Kulturministeriums Anfang der 2000er-Jahre kreuz und quer durch die Nation, meist in die Provinz wie nach Pas-de-Calais oder Boulogne-sur-Mer. An jedem dieser Orte erlaubte er sich, nur ein Bild mit der Großformatkamera zu machen. Das Ergebnis ist hinreißend. Der Detailreichtum, die ruhige, doch überlegte Komposition, die Farben – das alles wirkt spektakulär und unspektakulär zugleich. Man will jedes einzelne der 50 Bilder lange ansehen und etwa die leicht verschwimmenden Blumen in den Blumenampeln bemerken, die der Wind beim Fotografieren geschaukelt hat, während die tratschenden Dorffrauen im Hintergrund offenbar beinahe reglos blieben.

Solche Spuren des Fotografischen gehören zum Zauber einer Kunst, die nach 200 Jahren noch ziemlich jung wirkt. Die Bilder unserer Gegenwart sind auch als langsam alternde Kunstwerke für immer das, was Niépce zum ersten Mal auf seinem Anwesen Le Gras mit dem fotografischen Abbild gelang: fixiert in der Zeit.

„Remember Me“, bis 18. Januar 2027, Bourse de Commerce, Paris