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Warum uns diese schwedische Journalistin wieder im Zeitalter der Propaganda sieht

· Culture

Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im Juli lohnen sich – auch für kritische Lektüren:

1. Ingrid Carlberg:

Marionetten. Eine kurze Geschichte der politischen Propaganda von der Oktoberrevolution bis heute. BTB, 558 Seiten, 26 Euro*

Leben wir wieder in einem Zeitalter der Propaganda? Und sagen wir es nur deshalb nicht, weil Begriffe wie „Influencer“, „Intervention“ und „Aktivismus“ es kaschieren? Die schwedische Journalistin Carlberg integriert heutige Phänomene wie „Fake News“ und Desinformation in ihren Begriff von Propaganda. Ihr Buch ist eine in weiten Teilen kritische, manchmal auch etwas wirre Geschichte des kommunistischen Verlegers Willi Münzenberg (1889–1940) und seiner kommunistischen Propaganda, die gezielt auch und nicht zuletzt das vorpolitische Feld ins Visier nahm, etwa durch Filme und durch Printmedien wie „Welt am Abend“ und die „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ (AIZ).

Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller, die sich aus idealistischen oder humanistischen Motiven vor Münzenbergs Medien-Karren spannen ließen, hatten nach seinen eigenen Aussagen nur „dekorative“ Funktionen. Es waren Testimonials wie Albert Einstein, Käthe Kollwitz, Anatole France (Nobelpreisträger für Literatur 1921) und Romain Rolland (Nobelpreis 1915). Die „kulturelle Hegemonie“ wurde also gezielt mit symbolischen Meinungsträgern gefördert, und auch wenn Carlberg das Theorie-Besteck dafür fehlt (der Name Gramsci taucht in ihrem Buch nicht auf), so dürfte die seit einigen Jahren auf Metapolitik abonnierte Neue Rechte ihr Buch mit Studieneifer lesen. Dass Journalisten, Medienschaffende und/oder Prominente heute auf- und abgeklärt genug sind, um nicht in die Falle politischer Instrumentalisierbarkeit zu tappen, kann man nach der Lektüre von Carlbergs Buch leider kaum behaupten.

2. Christoph Möllers, Nils Weinberg:

Öffentliche Kunstfreiheit. Suhrkamp, 180 S., 20 Euro*

Verfassungsrechtliche Überlegungen zu einem Gut, das im Gefolge des Documenta-Skandals 2022 scheinbar unter die Räder gekommen ist – wobei Kunstfreiheit nicht mit Kuratorenfreiheit oder einem Recht auf staatliche Förderung zu verwechseln ist.

3. Volker Weiß:

Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart. Verlag Cotta, 127 Seiten, 18 Euro*

Der Historiker Volker Weiß enträtselt einen uralten Begriff, der Carl Schmitt schon genauso beschäftigt hat wie den Richtungsstreit der AfD. Lesen Sie hier ein Interview mit Volker Weiß.

4. Fritz Breithaupt:

Einmal, Zweimal, Keinmal. Wie wir Erfahrungen machen, Suhrkamp, 280 Seiten, 28 Euro*

Empathieforschung heißt Breithaupts Fachgebiet, und er lehrt an der University of Pennsylvania. Erfahrungen sind nach seiner Definition alles, was sich erzählen lässt. Wie man schlechte Erfahrungen ins Gute wendet? Lesen Sie hier unser Interview mit Fritz Breithaupt.

5. Jens Balzer:

Confusion is next. Die Nullerjahre. Das Jahrzehnt des Umbruchs. Rowohlt Berlin, 272 Seiten, 26 Euro*

Der in Sachen Popkultur versierte Journalist sendet in seinen Büchern schon länger die besten Zeitgeist-Hits der 1970er, 80er und von heute. Im neuesten Band besichtigt er das Zeitgefühl der 2000er.

6. Bruno Preisendörfer:

Schlagworte, die Geschichte machen. Wie Parolen von „Stunde Null“ bis „Wir schaffen das“ Deutschland veränderten. Galiani, 432 Seiten, 28 Euro*

Anhand von geflügelten Begriffen Zeitgeschichte und Zeitgeist nachvollziehen: das ist seit Otto Ladendorf eine hehre Disziplin, nicht nur für Linguisten, sondern Ideenhistoriker aller Art. Preisendörfer, der mit Zeitreisen in den Alltag der Goethe-, Luther- und Bismarckzeit bekannt wurde, bleibt auch im neuen Buch wieder angenehm anschaulich.

7. Dieter Burdorf:

Dieses unruhige Ich. Ingeborg Bachmann. Eine Biografie. C. H. Beck, 764 Seiten, 38 Euro*

Zum 100. Geburtstag ist allerhand los: Neben einem Filmporträt sind gleich drei neue Biografien erschienen. Wozu? Trotz aller germanistischen Expertise betet beispielsweise Dieter Burdorf im Wesentlichen nach, was Bachmanns Briefwechsel mit Celan, Enzensberger, Frisch und Böll und andere bekannte Quellen bereits aus erster Hand bieten.

8. Sebastian Haffner:

Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Mit einem Nachwort von Karl Schlögel. Hanser, 224 Seiten, 24 Euro*

Haffner („Anmerkungen zu Hitler“) war als politischer Publizist berühmt. Mitten im Kalten Krieg schrieb er über die dunkle Tradition der Achse Berlin–Moskau. Jetzt neu aufgelegt.

9. Florian Butollo:

Das knappe Gut Arbeit. Suhrkamp, 254 Seiten, 20 Euro*

Der Soziologe mit dem Schwerpunkt Digitale Transformation und Arbeit an der Goethe-Universität Frankfurt erforscht, was generative KI mit unseren Qualifikationen macht. Sein wissenschaftlicher Reader diskutiert, warum neue Arbeit entsteht, und prognostiziert einen großen Arbeitskräftemangel.

10. Serhii Plokhy:

Das Zeitalter der Atomwaffen. Von Hiroshima bis zur Gegenwart. Hoffmann & Campe, 608 Seiten, 32 Euro*

Das Zeitalter der Atomwaffen. Von Hiroshima bis zur Gegenwart. Hoffmann & Campe, 608 Seiten, 32 Euro*Das Zeitalter der Atomwaffen. Von Hiroshima bis zur Gegenwart. Hoffmann & Campe, 608 Seiten, 32 Euro*

Der Harvard-Historiker aus der Ukraine liest die Konflikte unserer Welt anhand ihrer nuklearen Bewaffnung. Leitfrage: Wie verhindern wir ein neues Wettrüsten?

Die Extra-Empfehlung

Neben den zehn Favoriten der Jury kommt jeden Monat eine Extra-Empfehlung von einem Gast. Dieses Mal von Michael Lüders (Politik- und Islamwissenschaftler; Publizist). Er empfiehlt:

Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Klett-Cotta, 266 Seiten, 26 Euro*

„Scharfsinnig plädiert der norwegische Historiker, dass die hiesige Politik zur Diplomatie zurückfinden muss – damit wir nicht die Fehler aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wiederholen, damit wir die Welt vor ihrem dann wohl letzten Krieg bewahren.“ (Michael Lüders)

Die Jury der „Sachbücher des Monats“

Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, radio 3 vom rbb; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Unversität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, Feuilleton-Frankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. – Die Redaktion der Jury-Voten liegt bei Andreas Wang.

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