Warum dieser Film alle schockiert
Quizfrage: Was ist gruseliger – ein Mann, der nicht geliebt wird, oder eine Frau, die zu viel liebt? Der neue Horror-Hit aus Amerika, „Obsession“, bespielt beide schreckenerregenden Szenarien mit großer Leidenschaft, sodass er inzwischen nicht nur als Rettung Hollywoods (der Low-Budget-Film spielte allein in den USA astronomische Summen ein), sondern auch als Incel-Parabel in der Tradition von „Psycho“ gehandelt wird.
Die Erzählung folgt einem simplen Wunscherfüllungsmuster mit der klassischen Botschaft „Pass auf, was du dir wünschst – es könnte in Erfüllung gehen“: Bear (Michael Johnston), ein scheinbar netter, unsicherer Mann in seinen Zwanzigern, ist hoffnungslos in seine Kollegin Nikki (Inde Navarrette) verliebt. Das traut er sich ihr aber nicht zu sagen, so oft er sein Geständnis auch mit Kellnerinnen im Diner probt.
Als Bear schließlich in einem Laden eine Box mit Wunschstäben sieht, greift er spontan zu. Beim Durchbrechen des Stabs ertönt eine Melodie, und dabei darf er einen Wunsch äußern, der aber nicht umkehrbar ist und auch nicht modifiziert werden kann. Jeder hat in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Wunsch frei, dann ist Schluss. Die Verkäuferin warnt Bear sogar, und zwar nicht, wie Bear zunächst lachend vermutet, weil er einem Betrug aufsitze, sondern im Gegenteil, weil die Stäbe tatsächlich funktionierten. In einem Anflug von Einsamkeit (seine Katze ist an dem Tag gestorben) wünscht sich Bear, dass Nikki ihn mehr liebt als alle anderen auf der Welt. Keine so gute Idee, wie wir aus „Tristan und Isolde“, „Faust“ und „Ein Sommernachtstraum“ wissen. Ab da beginnt die Katastrophe.
In der Vor-Vorführung im Berliner Zoopalast, zwei Tage vor offiziellem Kinostart am 25. Juni 2026, ist der Saal, in dem die Originalversion läuft, bis auf den letzten Sitzplatz voll. Im Nebensaal läuft der Film zur gleichen Zeit noch einmal, aber mit deutschen Untertiteln. Das Publikum wirkt überwiegend jung, kaum über 30.
Während sich Nikki langsam von der cool-desinteressierten Traumfrau zur fürsorglich-sexy Freundin und dann immer mehr zum eifersüchtig-besitzergreifenden Kontrollfreak und schließlich zur mörderischen Bestie entwickelt, halten die Gen-Z-Zuschauer die Luft an, lachen, stöhnen, schreien auf, halten sich den Mund zu. Als nach einem twist- und spannungsreichen Showdown der Abspann einsetzt, gibt es Applaus. Solche hör- und sichtbaren Reaktionen erlebt man sonst meistens nur auf Festivals oder höchstens noch 2017 bei „Get Out“-Vorführungen in New York, dem Film, der dem Horror-Genre zu neuer Bedeutung verhalf.
Das Drehbuch stammt von dem 26-jährigen Curry Barker, der auch Regie führte. Nach „Milk & Serial“ ist „Obsession“ schon sein zweiter Film, bekannt wurde er durch das YouTube-Sketch-Format „that’s a bad idea“. Gekonnt hält Barker auch in „Obsession“ die Balance aus Humor und Horror. Damit ist er neben dem 21-jährigen „Backrooms“-Regisseur Kane Parsons schon der zweite Gen-Z-Regisseur in diesen Wochen, dessen Internet-Konzept eine Übertragung auf die große Leinwand erfährt. Sollen jetzt ausgerechnet YouTuber in ihren Zwanzigern das Kino retten?
„Obsession“ überzeugt mit großartigen Twists, schockierenden Jump-Scares, stellenweise punktgenauen Dialogen und einer überragenden Schauspielleistung der Quasi-Neuentdeckung Inde Navarrette (bislang höchstens bekannt aus „Tote Mädchen lügen nicht“). Dass nicht alle Szenen gleich gut sitzen, manche Dialoge belanglos oder zu lang wirken, der Produktion ihre geringen finanziellen Mittel an einigen Stellen anzumerken sind, und Hauptdarsteller Michael Johnston zwar gut aussieht, sonst aber enttäuschend passiv bleibt, vergisst man mit dem Fortgang der dramatischen Handlung mehr und mehr.
Zu gefesselt ist man von dem Dilemma, das sich mit riesiger Fallhöhe und tragischer Ausweglosigkeit bis hin zum notwendigen Ende steigert. Selten hat man eine Täterin gesehen, die gleichzeitig so sehr Opfer ist, mit der man selbst beim brutalen Morden noch Mitleid hat, weil man zu jeder Sekunde spürt, dass sie das nicht selbst ist, die da handelt, sondern ein Automatismus, der von ihr Besitz ergriffen hat.
Nah an der Realität
Bemerkenswerterweise begnügt sich Barker nicht mit dem Grauen des erfüllten Wunsches. Das hätte er tun können, denn allein das Verhalten obsessiv liebender Frauen wäre schon Horrormaterial genug. Einen Großteil seines Reizes bezieht der Film aus genau dieser erschreckenden Nähe zur Realität. Barker verwandelt Standard-Beziehungs-Sätze wie „Warum liebst du mich nicht?“, „Du willst mich doch gar nicht dabei haben!“ oder „Findest du mich nicht schön?“ in wahren Gänsehautgrusel.
Nicht wenige Frauen dürften sich in dem klammernden, verletzlichen, schmollenden Verhalten Nikkis wiedererkennen, wie auch die massenhaft geteilten Memes in den sozialen Medien zeigen. Dort findet man unter Filmausschnitten wie dem, in dem Nikki eine Nebenbuhlerin brutal malträtiert, bis von deren Gesicht nichts mehr zu erkennen ist, Kommentare wie: „Ich finde diese Szene gar nicht ungewöhnlich. Genauso reagiert man, wenn der eigene Typ um Mitternacht mit einer anderen unterwegs ist.“ Und: „Sie hat es verdient. Ich würde das Gleiche tun.“ Oder: „Wir alle haben eine kleine Nikki in uns.“ Nikki, c’est moi?
Aber Barker setzt eben noch eins drauf: Denn ebenso unheimlich wie übermäßiges Lieben – das sogar zu Methoden der Selbstverstümmelung greift, etwa wenn die Verzweiflung über die Abwesenheit des Geliebten, der tagsüber arbeiten muss, nicht mehr auszuhalten ist –, erscheint hier erzwungenes Lieben. Immer wieder erlebt die auf Bear-Verehrung programmierte Nikki technische Störungen, die ihr wahres Ich sekundenlang zum Vorschein kommen lassen. Dann wehrt sie sich und weicht schockiert zurück. In diesen Momenten erscheint plötzlich Bear als der Täter, der eine Frau zu Gefühlen zwingt, die sie nicht hat. Die Frage, ob Nikkis Liebe ihm gegenüber echt ist, beschäftigt ihn zwar, hält ihn aber nicht davon ab, mit ihr zu schlafen.
Wer am Ende der wahrhaft Besessene ist, sie oder er, hält Barker gekonnt in der Schwebe. Das verkehrte Romeo-und-Julia-Zitat am Ende offenbart aber noch eine dritte, viel erschreckendere Option: Die Liebe selbst ist es, ob nun beidseitig, einseitig, echt oder unecht, der nicht zu trauen ist. Die uns zu Monstern macht.
Der Film „Obsession“ läuft ab dem 25. Juni 2026 im Kino.