TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Dortmund - Die Justiz ermittelt nach BILD-Informationen gegen einen 105-jährigen ehemaligen Wachmann eines Kriegsgefangenenlagers in Senne (NRW). Zuständig für das Verfahren ist die Staatsanwaltschaft in Dortmund. Ins Rollen gebracht wurden die Ermittlungen durch die Zentrale Stelle Ludwigsburg (Baden-Württemberg) zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.

Das Verfahren wird bei der Staatsanwaltschaft in Dortmund unter dem Aktenzeichen 45 JS 2/26 geführt. Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg hatte ein Vorermittlungsverfahren zu dem Beschuldigten im Februar nach Dortmund abgegeben. Ursprünglich übergab die Zentrale Stelle zwei Vorermittlungsverfahren gegen ehemalige Wachmänner des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 VI K Senne (NRW) an die Dortmunder Staatsanwaltschaft. Doch einer der beiden Beschuldigten ist inzwischen gestorben. Michael Otte, Erster Staatsanwalt und stellvertretender Behördenleiter in Ludwigsburg., zu BILD: „Der Wachmann des Kriegsgefangenlagers Senne, dessen Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Dortmund anhängig ist, ist bereits 105 Jahre alt.“

Auf BILD-Anfrage bestätigt ein Sprecher der Dortmunder Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen den betagten Wachmann. Nach Angaben der Zentralen Stelle wird dem 105‑Jährigen „Beihilfe zum vielfachen Mord durch seine Wachtätigkeit in Senne vorgeworfen“. Im Kriegsgefangenenlager Stalag 326 VI K Senne (20 Kilometer südöstlich von Bielefeld) litten Zehntausende Gefangene unter Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und miserablen hygienischen Zuständen. Sie mussten Zwangsarbeit leisten. Die Wachleute waren Wehrmachtssoldaten, die meisten gehörten dem Landesschützen-Bataillon an.

Mehr als 300.000 Kriegsgefangene durchliefen das Lager, die Zahl der Todesopfer wird auf 15.000 bis 70.000 geschätzt. Die genauen Zahlen sind noch nicht abschließend erforscht. Die Gefangenen kamen vor allem aus der damaligen Sowjetunion. Aber auch französische, polnische, serbische, italienische und belgische Soldaten wurden im Stalag 326 VI K Senne festgehalten. Im ehemaligen Arrestgebäude befindet sich heute eine Gedenkstätte. Mit 105 Jahren dürfte der frühere Wachmann einer der ältesten Beschuldigten der deutschen Justizgeschichte sein. Ob jemals gegen einen noch älteren Menschen ermittelt wurde, ist nicht dokumentiert.

Bereits seit knapp einem Jahr ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund auch gegen einen damals 100-jährigen ehemaligen Wachmann des Kriegsgefangenenlagers in Hemer (NRW). Stand August dauerten die Ermittlungen gegen den ehemaligen Wehrmachtssoldaten wegen Beihilfe zum Mord noch an. Mord oder Beihilfe zum Mord verjähren in Deutschland nicht. Wenn die Beschuldigten verhandlungsfähig sind, gibt es auch Verfahren gegen greise Angeklagte. Im Dezember 2022 endete der bisher letzte Nazi-Prozess in Deutschland mit der Verurteilung einer ehemaligen Sekretärin des KZ Stutthof. Die damals 97‑Jährige wurde wegen Beihilfe zum Mord in 10.505 Fällen sowie Beihilfe zum versuchten Mord in fünf Fällen zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.