Vibeshift in der MAGA-Bewegung – die Tradwives machen Schluss
„Gott“, sagt die Frau, die sich Bernadine Bluntly nennt, „wertschätzt Frauen. Er liebt seine Töchter. Er unterstützt nicht, dass sie im Namen von Gesetz, Autorität, Ehe in Gefahr gebracht werden.“ Sie fährt fort: „Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann mich mit der Trad-Bewegung in ihrer heutigen Gestalt nicht mehr identifizieren – ich bin noch immer Christin, ich glaube noch immer an Familienwerte.“ Woran sie jedoch nicht mehr glaube, das seien „extreme Geschlechterrollen“. Wenn ihre neue Ablehnung der Bewegung dazu führe, dass sie fortan als kontrovers gelte, so schließt sie, „dann sei es so“.
Starke Worte für eine, die bislang als führende Stimme in ihrem Kosmos galt. Nämlich in der Tradwife-Szene, einem schwer zu fassenden Social-Media-Trend, der seit einigen Jahren in vielen westlichen Ländern um sich greift: Frauen inszenieren sich auf ihren Instagram- oder TikTok-Profilen als „traditionelle Ehefrauen“ und verbreiten dabei oft mit provokativer Lässigkeit antifeministische Werte. Im Kern steht eine Ideologie, welche die Unterwerfung der Frau unter den Mann fordert. Gerade in den USA ist die Bewegung hochpolitisch, eng mit der MAGA-Szene und reaktionären Vordenkern aus dem Silicon Valley verbunden und außerdem tief verwurzelt in fundamentalistisch-religiösen Milieus.
Bernadine Bluntly, Blümchenkleid, große dunkle Augen, ausdrucksvolle Mimik, heißt im richtigen Leben Bernadine Barber und stand für den politischen Arm der Tradwife-Bewegung wie wenige andere. Daher ist ihr öffentlichkeitswirksamer Austritt auch so bedeutsam. Die „New York Times“ widmete ihr unlängst eine große Reportage, in der sie Barber in ihrem neuen Leben begleitete und der Frage nachging, was eine „Tradwife“ eigentlich macht, wenn ihr Geschäftsmodell wegbricht – die heile Familie. Denn Barber machte nicht nur ihren Bruch mit der Trad-Bewegung öffentlich, sondern auch ihre Scheidung. In ihrer Instagram-Biografie bezeichnet sie sich nun als „Überlebende häuslicher Gewalt und Mama von sechs“.
Die politische und gesellschaftliche Dimension ihrer Distanzierung geht aber weit über ein persönliches Schicksal hinaus, und Barber ist nicht die einzige: Die Mormonin Hannah Neeleman, die als „Königin der Tradwives“ gilt, weil ihr Account „Ballerina Farm“ zehn Millionen Follower hat, will sich schon seit einiger Zeit nicht mehr als Tradwife verstanden wissen. Das ebenfalls als Ikone der Szene geltende Model Nara Smith verlautbarte gerade in einem Podcast, sie sei keineswegs Tradwife, sondern Unternehmerin. Alena Kate Petitt, mit deren Blog „The Darling Academy“ der Trend in den frühen 20ern so richtig ins Rollen kam, spricht mittlerweile davon, dass die Tradwife-Bewegung sich selbst zum „Monster“ geworden sei.
Man könnte sagen: Die Szene erlebt gerade ihren ganz spezifischen Vibeshift, ihren Stimmungswandel. Jahrelang gab es ein Bedürfnis in den Sozialen Medien nach immer neuen, immer krasseren Tradwife-Accounts. Es wurde heiß diskutiert, wie das alles denn bloß sein könne. Die Frauen, die sich zu diesem Lebensentwurf bekannten, waren Rätsel und Skandalon. Plötzlich erscheint die Bewegung in anderem Licht, mit Geschichten von Aussteigerinnen, von häuslicher Gewalt, von sinistren Netzwerken hinter den glamourösen Accounts.
Die Bestsellerautorin und Ex-Tradwife Tia Levings hat mit „I Belong to Me“ gerade ihr zweites Buch veröffentlicht – eine Art Ratgeber für Frauen, die das überlebt haben, was Levings ein „religiöses Trauma“ nennt. Es ist das Nachfolgebuch zu ihrem 2024 erschienenen Memoir „A Well-trained Wife“, in dem sie ihre erschütternden Erfahrungen mit dem Leben in einer fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft schildert. Unbedingt erwähnen muss man auch das Schicksal der früheren rechten Aktivistin Lauren Southern, die in ihrem Memoir „This is Not Real Life“ schwere Vorwürfe gegen den frauenfeindlichen Influencer Andrew Tate erhebt. Er soll sie vergewaltigt haben – ausgerechnet bei einem Netzwerktreffen, bei dem sie mit ihm über die Gründung eines neuen rechten Mediums sprechen wollte.
Das ist natürlich grauenhaft. Bei nüchterner Betrachtung der Ereignisse lässt sich aber auch fragen: Warum habt ihr es denn nicht besser gewusst? Warum hat so lange eine nicht unerhebliche Anzahl von weiblichen Influencern daran mitgewirkt, ein Weltbild zu verbreiten, von dem ihnen doch eigentlich hätte klar sein müssen, dass es sich gegen sie selbst wendet? Warum haben auch wir es nicht besser gewusst, wir Followerinnen, die dieses Phänomen jahrelang in einer Mischung aus Faszination und Sehnsucht beobachteten? Warum schauen so viele Frauen so gerne anderen Frauen dabei zu, wie sie ein bizarres Weiblichkeitstheater aufführen?
Der Genuss der Zuschauerin, die sich über die Tradwife erregt, ist in seiner Ambivalenz vielleicht dem Genuss nicht unähnlich, den die Tradwife beim Erzeugen ihres Contents hat. Die eine flieht aus ihrer Überforderung durch den Alltag in eine vermeintlich bruchlose Welt der häuslichen Idylle, welche die Tradwife ihr vorführt. Die Tradwife wiederum erfährt eine verdrehte Selbstermächtigung, indem sie aus ihrem Leben in Unterdrückung heraus beginnt, Content zu produzieren, der diese Unterdrückung glorifiziert.
So schildert es eindrücklich Bernadine Barber in der „New York Times“-Reportage: Als sie begann, antifeministischen Content zu produzieren – ihre Spezialität waren sogenannte „Reaction-Videos“, in denen sie mit hochgezogenen Augenbrauen rein mimisch auf bestimmte von ihr als lächerlich empfundene Videos reagierte –, hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, trotz der Unterdrückung durch ihren gewalttätigen Ehemann ihre Talente und ihre Kreativität frei ausleben zu können. Die Entscheidung, Tradwife-Influencerin zu werden, wäre also als eine Art ambivalenter Bewältigungsstrategie zu verstehen.
Vielleicht sind es auch solche psychologischen Gründe, die nun zum langsamen Sterben des sichtbaren Teils der Tradwife-Bewegung führen. Wir alle, Zuschauerinnen und Darstellerinnen, verlieren langsam die Lust am sadomasochistischen Spektakel der Tradwives. Die Grünenpolitikerin und feministische Vordenkerin Sarah Gonschorek hat ein Buch mit dem Titel „Tradwife – Antifeminismus, rechte Ideologie und die Sehnsucht nach einer heilen Welt“ geschrieben, welches der Tradwife-Bewegung im Moment ihrer Überreife nachspürt und im Februar bei Herder erscheint.
Sie nennt als Ursachen für den „Re-Tradding“-Trend, wie sie die Abkehr von Tradwife-Idealen bezeichnet, auch den Bestsellerroman „Yesteryear“ von Claire Burke, der eine extrem unsympathische Tradwife als Protagonistin hat (auf Deutsch bei Heyne erschienen). Die Fassade bröckelt an allen Ecken. Was bleibt, ist ein Katergefühl. Aber ein Kater wovon eigentlich?
Dass diese Bewegung, eine Art metapolitischer Showroom ultrakonservativen Denkens, rechtzeitig zu den Midterms zusammenbricht, scheint gut ins Bild zu passen. Es wäre aber eine viel zu einfache Erzählung, dass nun deswegen ein progressiver Zeitgeist durch ein Milieu von bekehrten Populisten weht. Zwar fühlt es sich an, als hätten die Tradwives mit ihrer unerwarteten Emanzipation mal eben die Geschichte der Frauenbewegung im Zeitraffer nachgespielt – mit dem recht erwartbaren Ausgang, dass Freiheit und Unabhängigkeit am Ende doch recht hohe Güter sind.
Aber letztlich bleiben sie doch Gefangene ihrer Erzählung: Sie schlagen nun nicht mehr Kapital aus dem Patriarchat, sondern aus ihrer Abkehr davon. Bernadine Bluntly produziert jetzt Videos, in denen sie sich beim Kickboxen zeigt, und ihre Reaction-Videos richten sich nun gegen frauenfeindliche Inhalte. Es ist ein wenig rätselhaft. Fast als wäre nichts passiert.