„Vergiss nie, was du sahst, als du durchs Land der Entrechteten fuhrst“
Für das bedrohte Frankreich kämpfen? „Unsere Männer würden doch nur für England sterben, und den möchte ich sehen, der mir diese Behauptung widerlegen kann.“ Nicht allein der aus Nazideutschland geflohene Roman-Protagonist Edvard hört im Pariser Exil und in der nervenzehrenden Zwischenzeit nach Weltkriegsbeginn 1939 häufig solche Aussagen. Auch der 1898 in Hamburg in einer jüdischen Familie geborene Schriftsteller Iwan Heilbut hatte erleben müssen, wie sich in „la douce France“ bereits vor dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 die Stimmung ins Aggressive gewendet hatte.
Die Ultrarechten ätzten gegen die vermeintlich „linke Republik“. Die Propaganda der zu diesem Zeitpunkt noch stramm dem Hitler-Stalin-Pakt treuen Kommunisten richtete sich gegen die „Kriegshetze der französischen Bourgeoisie“, und auch im Alltagsleben gab es etliche Bemerkungen gegen Flüchtlinge, denen man vorwarf, die ganze Malaise mitverursacht zu haben. Dass sie zuerst als „feindliche Ausländer“ interniert und nach dem deutschen Blitzsieg den Nazis ausgeliefert wurden, sofern ihnen nicht die Flucht in die unbesetzte Zone gelungen war, ist eine Schändlichkeit, die sich in der Exilliteratur vielfach beschrieben findet. So etwa in Lion Feuchtwangers „Unholdes Frankreich“, in Alfred Döblins „Schicksalsreise“, in den Büchern und Erinnerungen von Hans Sahl, Soma Morgenstern, Arthur Koestler, Manés Sperber oder in dem ebenfalls erst vor einigen Jahren wiederentdeckten Roman „Planet ohne Visum“ von Jean Malaquais. Nicht zu vergessen Anna Seghers’ in Paris und Marseille spielender Roman „Transit“ – ihr wohl bester, da er die konkrete Jahrhunderterfahrung des Ausgeliefertseins in lakonischer Sprache gleichsam ins universell Existentielle überführt.
Mit 83 Jahren Verspätung auf Deutsch
Auf seine Weise gelingt dies auch in Iwan Heilbuts Roman „Zugvögel“, der – 83 Jahre nach der amerikanischen Ausgabe in New York – jetzt erstmals im deutschen Original erscheint. Zu verdanken ist dies Peter Graf, seit Jahren unermüdlicher Spurensucher vergessener Autoren und verschollener Texte, der den unter dem Dach von Ullstein tätigen Claassen Verlag für eine Veröffentlichung dieses immerhin mehr als 600 Seiten umfassenden Exil-Epos gewinnen konnte. Zum Glück, denn Iwan Heilbut – darüber informiert Grafs Nachwort – war zu Zeiten der Weimarer Republik ein erfolgreicher Autor in Publikumsverlagen und bei den großen Zeitungen jener Jahre gewesen, ehe dann mit Verhaftung und nachfolgender Flucht die vielversprechende Karriere brutal abgebrochen wurde.
Und auch später, als der 1941 zusammen mit Frau und Kleinkind über die Pyrenäen und Lissabon in die Vereinigten Staaten Entkommene ins Nachkriegs-Westdeutschland zurückkehrte, war an den frühen Erfolg nicht mehr anzuknüpfen. Als Iwan Heilbut 1972 in Bonn starb, war er längst zu einem literarischen No-Name geworden. Und doch ist die späte Veröffentlichung dieses Buchs keineswegs nur ein Akt nachholender Gerechtigkeit. In Zukunft wird man „Zugvögel“ als einen der wichtigsten deutschsprachigen Exilromane lesen.
Die Geschichte, die wie ein atmosphärisch dichter Marcel-Carné-Film der Zwischenkriegszeit beginnt – ein Mann streift durch die ärmlicheren Straßen hinter dem Odéon, seine Frau erwartet ein Kind, in der Concierge-Loge krächzt das Radio, dunkel sind die Hofdurchgänge und schrill das Lachen einer ehrbar gewordenen Kokotte – entwickelt sich schon bald zum realen Albtraum: Kaum ist das Kind geboren, das seine Eltern voll liebender Sorge erwartet hatten, marschiert die Wehrmacht ein. Dann wird die Familie durch die französische Bürokratie getrennt, und Edvard kommt in ein Internierungslager.
Bereits zuvor hatte er erfahren müssen, mit seinen Warnungen vor Hitler nicht durchzudringen. Prägnant geraten ist sein Gespräch mit einem feinsinnigen, germanophilen Franzosen. Ob das ganze Gerede von sozialer Gerechtigkeit und Freiheit nicht ohnehin nur eine eitle Selbsttäuschung sei, klügelt dieser – quasi in einer Melange aus Peter-Thiel-Diktion und Linkspartei-Rabulistik avant la lettre. Edvard, obwohl keineswegs als Thesenritter gezeichnet, weiß sogleich die Antwort: „Wehe uns, wenn wir uns von Nutznießern solcher Behauptung aufschwätzen ließen, es gäbe die Freiheit nicht, weil wir zurzeit immer nur einen Teil des Ganzen zu halten vermögen. Wenn wir vergessen, dass wir Freiheiten haben, sind wir unterm Joch des Tyrannen.“
Auch deshalb wurde „die seltsame Niederlage“ (Marc Bloch) dann von vielen Franzosen gar nicht als solche empfunden. Doch selbst unter den Bürokraten, die sich nach dem Waffenstillstand sofort Nazideutschland andienten, gab es den einen oder anderen, der von seiner Wahlfreiheit Gebrauch machte und so etwa Edvard half, dem Lager zu entkommen, auf dass er im Südwesten des von Flüchtlingstrecks durchzogenen Landes seine Frau samt dem Baby wiedertreffen konnte. Iwan Heilbut, der sich zum Besten des Romans jeglicher melodramatischen Süßlich- und aufgesetzten Parabelhaftigkeit enthält, lässt die drei alsdann durch Marseille irren und schließlich die gefährliche Fluchtroute über die Pyrenäen wagen.
Auch Heilbut selbst war, dank der Papiere des legendären amerikanischen Fluchthelfers Varian Fry, zusammen mit Frau und Kind auf diesem Weg entkommen – via Spanien und Lissabon. Dabei hatten die Heilbuts kurz im Grenzort Portbou im Hotel „Francia“ Station gemacht – eine Woche, bevor dort der unendlich erschöpfte Walter Benjamin angelangt war und sich aus Panik, von den Grenzsoldaten zurückgeschickt zu werden, das Leben genommen hatte.
Die nahende – und wie sich im Bürokraten-Gestrüpp von Lissabon zeigen sollte: noch keineswegs garantierte – Rettung hatte weder den Autor noch seinen Protagonisten blind gemacht für das entsetzliche Leid der anderen. „Vergiss nie, was du sahst, als du durchs Land der Entrechteten fuhrst: In Barcelona gefesselte Männer, Brust und Rücken mit Lasten behängt, zwischen den düstren, schwer bewaffneten Karabinieri. Und in Cerbère an der Grenze, eine Herde Volk, katalanische Réfugiés, von Frankreich nach Spanien zurückgeliefert, an den Kerkermeister, ans Messer. Vergiss nie diese Augen!“
Das überladene Schiff, das die drei Heilbuts schließlich von Lissabon ins freie und sichere New York bringt, symbolisiert deshalb auch keineswegs das Ende der Geschichte. Schon gar nicht in einer Zeit, in der Donald Trumps ICE-Schergen Jagd machen auf Migranten, und zwar unabhängig von deren Aufenthaltsstatus, und bestallte Richter dies auch noch gutheißen. Während andere Richter – und nicht nur diese – kraftvoll Einspruch wagen. Sodass der in den „Zugvögeln“ häufig wiederkehrende Satz in all seiner warnenden und fordernden Ambivalenz hochaktuell geblieben ist: „Es ist noch nicht zu Ende.“
Iwan Heilbut: Zugvögel. Herausgegeben von und mit einem Nachwort von Peter Graf. Claassen, 653 Seiten, 29 Euro