Vergesst Christopher Nolans „Odyssee“ – das größere Epos spielt gerade in Hamburg
Das ist die Antwort des Theaters auf Christopher Nolans „Die Odyssee“. Nicht 70‑Millimeter-IMAX, sondern zwei Tage Live-Erlebnis in drei Teilen. Karin Beier bringt am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit einer Neudichtung der „Argonauten“ das zweite große Seefahrerepos der Antike auf die Bühne. Mit „Fremde Sonne“ knüpfen die Regisseurin und ihr Team nicht nur an den hochgelobten Antikenmarathon „Anthropolis“ an, sondern erzählen mit einem Starensemble die „Urgeschichte imperialer und kolonialer Unternehmungen“. Das gelingt sensationell – und stellt Hollywood locker in den Schatten.
Kurz bevor die zweite Aufführung von „Fremde Sonne“ beginnt, gibt es gute Nachrichten. Karin Beier bleibt Intendantin des Schauspielhauses, ihr Vertrag wurde bis 2031 verlängert. Das Hamburger Publikum jubelt. Beier, 2013 aus Köln gekommen, hat das Haus aus der Bedeutungslosigkeit geholt und zu einer der wichtigsten Bühnen im Land gemacht. Zehn Jahre, nachdem sie sich mit dem Antikenzyklus „Die Rasenden“ vorgestellt hat, bringt sie mit „Anthropolis“ den größten Theaterhit der vergangenen Jahre heraus. Die fünf Stücke über die Stadt Theben erzählen von den Fundamenten der westlichen Zivilisation und den Wurzeln der Tragödie.
Für „Fremde Sonne“ hat Beier wieder das künstlerische Team von „Anthropolis“ zusammengetrommelt und über zwei Jahre geprobt. Der Text kommt von dem Dramatiker Roland Schimmelpfennig, der aus antikem Mythos und Alltagssprache eine düstere Poesie zu kreieren weiß, die ihresgleichen sucht. Klarheit und Dunkelheit verbinden auch die Bühnenräume von Johannes Schütz, die Annette ter Meulens Beleuchtung mit Schattenspielen erfüllen. Aus abgründiger Tiefe scheint die Musik von Jörg Gollasch zu kommen. Die elektronischen Klänge blubbern und brausen wie die Ozeane, die die Protagonisten nicht nur befahren, sondern auch auf dem Grund ihrer Seele entdecken. Und Wicke Naujoks hat ein Kostümbild entworfen, das auf Sandalenkitsch verzichtet und wie Schimmelpfennigs Sprache überraschende Begegnungen über Zeiten hinweg schafft.
Was „Fremde Sonne“ erzählt, ist kein Heldenmärchen. Der von Devid Striesow gespielte Jason ist nicht fürs Übermenschliche bestimmt, wie ihm sein Lehrer einprügelt, der von Mirco Kreibich gespielte Zentaur Cheiron kein von innerlicher Ruhe erfüllter Weiser, sondern ein grausamer und dauerbesoffener Fiesling, der allerdings auch Geistesblitze hat. Als Zyniker weiß er, dass alle ideologischen Ketten den freien Geist unbarmherziger versklaven als solche aus Eisen, wie er in seiner Neufassung von Platons Höhlengleichnis zum Besten gibt. Wahrheit? Oder Erkenntnis? Wer braucht das noch? Man kann sich doch wie bei einem Kaufvertrag auf etwas einigen, was als wahr gilt. Und wenn man sich nicht einigen kann, dann muss die Faust oder das Schwert entscheiden.
Es ist weniger eine Erziehung der Gefühle, die Jason von dem Zentauren empfängt, als eine Schule der instrumentellen Vernunft, geboren aus kühl kalkulierendem Geschäftssinn und wohltemperierter Grausamkeit. Und ob das postheroische Zeitalter der Händler noch Platz für Helden hat, wird sich zeigen! Gemeinsam mit dem Göttersohn Herakles (Markus John) zieht Jason die Schlüsse aus dem Ausbildungs- und Ertüchtigungslager und entledigt sich des überflüssigen Lehrers. Und weil in seiner Heimat Depression und Rezession herrschen, will er nun mit dem Goldenen Vlies auch die goldenen Zeiten zurückbringen, die so golden nicht waren, wie man im Prolog erfahren hat.
Nach „Prolog“ und „Zwischenspiel“ geht es in „Die Argonauten“ auf hohe See. Knöcheltief steht die Mannschaft im Wasser. „Auf diesem Schiff ist alles falsch“, tönt es aus der Crew. „Warum können wir nicht einfach umkehren?“ Doch der Gedanke an Umkehr ist tabu. Gebannt schaut man zu, wie ein Schiff umso mehr in Irrsinn und Gewalt abgleitet, je unklarer und formelhafter die Mission wird. Eine Katastrophenfahrt, auf der man sich zur Selbstberuhigung sagt, dass man zu weit gekommen ist, um noch umzudrehen. „Wir werden diesen Weg nicht umsonst gemacht haben“, versichert der Kapitän, während Bjarne Mädel als Schiffskoch die letzten Vorräte zusammenkratzt. Hat das alles noch ein Ziel?
Hatte Jason in „Die Argonauten“ behauptet, dass die Größe eines jeden Landes im Umgang mit dem Unbekannten steht oder fällt, so wird am Nachmittag in „Medea in Kolchis“ die Probe aufs Exempel gemacht. „Kolchis ist reich an Bodenschätzen“, weiß der Herrscher Aietes, der von Sebastian Blomberg als brutaler Despot in einer Gaddafi-Paradeuniform gespielt wird. Jason, der Neuankömmling, muss als Mann ohne Eigenschaften wenig tun, um wie eine Lichtgestalt zu erscheinen, was die Wirkung auf die von Lina Beckmann gespielte Medea, eine naive Jugendliche in Jogginghose, nicht verfehlt. Dass Jason seiner Crew einbläute, in der Fremde gelte nur „täuschen oder töten“, ist ihr unbekannt, und so schüttelt sie nicht nur ihren Vater, sondern auch den liebebedürftigen Bruder (Kristof Van Boven) ab, um Jason inklusive Vlies nach Korinth zu folgen.
Im letzten Teil „Medea und Korinth“ erreicht die Tragödie ihren Höhepunkt. Von zärtlicher Liebe – war sie überhaupt echt? – keine Spur mehr zwischen Jason und Medea, die nun Kleid und Anzug statt Jogginghose tragen. Man ist älter geworden. Striesow und Beckmann laufen zu Bestform auf. Sie liefern sich einen Kampf mit Worten in einem Wechselbad der Gefühle. Was wie das Absterben einer amourösen Beziehung aussieht, ist zugleich der Abbruch einer politischen Anziehung zwischen Zentrum und Peripherie. Das spiegelt sich auch im Verhältnis der Geschlechter. Durch den Hunger auf Ressourcen ist Medea in die Welt von Korinth hineingezogen worden, in der es keinen Platz für sie gibt. Sie bleibt die Fremde, einen Weg zurück gibt es aber nicht. Anders als Jason kann sie nicht auf Kosten anderer aufsteigen.
Als Medea von Kreon – für den erkrankten Michael Wittenborn springt Samuel Weiss ein – die Abschiebung und Trennung von ihren Kindern angedroht wird, entschließt sie sich zum drastischsten Schritt. „Tut es weh?“, fragt sie Jason, bevor sie ihm die toten Kinder vor die Füße legt. „Das ist noch nichts.“ Beier inszeniert Medea nicht als Hexe, sondern als Chorführerin. Ihre Macht schöpft sie nicht aus Magie, sondern aus einer menschlichen Bindung, die älter ist als das Individuum westlicher Prägung. Ist das archaisch? Oder nicht eher eine unausweichliche Folge des Scheiterns der modernen Austausch- und Anerkennungsverhältnisse?
Was Nolan mit „Die Odyssee“ vorhatte, ist Beier mit „Fremde Sonne“ gelungen: ein Drama der in sich kollabierenden Globalisierung. Kollabierend, weil die Grundfesten eine Unwucht haben, die mit jedem Baustein zu einer bedrohlicheren Gesamtstatik führt. Eine Welt mit vielen Konflikten, die daher rühren, wie diese Welt geschaffen wurde. Erstaunlich genug, dass die griechische Antike das Theater als den Ort entdeckte, wo das Bewusstsein solcher Entwicklungen kultiviert wurde. Dass wir heute gezwungen sind, das Theater als Seismograf einer Krise zu entdecken, ist ebenso erstaunlich wie die grandiose Kunstfertigkeit, mit der Karin Beier eben das gelingt. Jeder Teil wird vom Publikum mit stehendem Applaus bedacht. Wer braucht schon Blockbuster-Kino, wenn man solches Theater hat?
Die ersten drei Teile laufen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, im Februar feiert der vierte Teil „Medea in Athen“ Premiere.