Voice of Freedom Повна версія

Unterwegs mit dem weichgekochtesten Schnüffler der Welt

· Culture

Philip Marlowe wäre das natürlich nie passiert, Marlowe hätte das nie gemacht. Da ist die ziemlich angeranzte Bude mit der Frau, die was wissen könnte. Eine Frau mit einem ausgesessenen Gesicht. Ihr Sohn ist tot. Ermordet im Hospital. Irgendwas mit Drogen war da. Und jetzt stapelt sich da das Geschirr. Und der hartgekochte Schnüffler in seiner extrem teuren Uniform aus maßgeschneidertem nachtblauem Anzug, Hosenträgern, Krawatte und rahmengenähten Schuhen kommt und stellt Fragen. Und schaut sich um. Und dann tröstet er die Frau, die schon lange kein warmes Wort mehr gehört hat. Streichelt ihr die Hand. Und dann fängt er an zu spülen.

Sugar heißt der Schnüffler. John Sugar. Und spätestens jetzt, wir sind noch nicht lang unterwegs in der zweiten Staffel jener Serie, die heißt wie der empathische Enkel von Raymond Chandlers Urmeter des hartgekochten Detektivs, weiß auch der Neukunde der wahrscheinlich coolsten aller gegenwärtigen Mehrteiler, dass der Mann, der mit einem sagenhaft schönen, himmelblausilbernen Corvette-Stingray-Cabrio durch Los Angeles cruist, nicht von dieser Welt sein kann.

Ist er auch nicht. Aber vielleicht erklären wir kurz das Genre, in dem er unterwegs ist, aus dem er sich selbst zusammengesetzt hat. „Sugar“ ist die zeitgenössischste Ableitung eines der beiden zentralen Erzählmuster, die im 20. Jahrhundert erfunden wurden, um die Welt zu erklären. Und vor allem ihren Umgang mit abweichendem Verhalten.

Die eine Mordgeschichtenmaschine, die gerade wieder auf Hochtouren in Film und Fernsehen läuft und in der Literatur, hat Agatha Christie entworfen – ein Mensch ist tot, Verdächtige versammeln sich, ein genialer Detektiv lässt seine grauen Zellen dampfen. Und am Ende einer dramaturgischen Anordnung, die ist wie der Fall, den sie verhandelt (geschlossene Gesellschaft in einem geschlossenen Raum), sind alle Fragen geklärt, und die Welt ist wieder in Ordnung.

Dem anderen Erzählpfad, dem offenen, an dessen Ende nichts gut ist, weswegen er potenziell unendlich fortgesetzt werden kann, nennen wir mal den Marlowe-Pfad. Dem folgt gerade Marvels „Spider-Noir“. Dem folgt jetzt „Sugar“.

Und das geht im Fall des neuen Achtteilers so: Sugar ist auf der Welt, in Los Angeles hängen geblieben wie E. T. vor fast 50 Jahren. Ein Migrant aus der kosmischen Ferne. Die Erde beobachten wollten sie. Nun gibt es niemanden mehr von seinem Planeten, glaubt Sugar. Seine Schwester vielleicht noch. Die sucht er.

Die hat ihm die Liebe zur Erde im Allgemeinen und zu Los Angeles im Besonderen einpflanzt. Und die zu den Noirs des alten Hollywood, mit Bogart, mit Newman, mit Edward G. Robinson. Die schwarz-weißen Private-Eye-Geschichten, in denen ein zynischer Romantiker – angetrieben von Zigaretten, Whisky und Melancholie – von einem ranzigen Büro aus mit traurigem. Gesicht, zerbeultem Anzug und noch zerbeulterem Hut vom gleißend hellen Rand der kalifornischen Gesellschaft aus in ihr von Gier und Korruption zerfressenes Zentrum vordringt. Außenseitergeschichten. Geschichten von Aliens in einer verdorbenen Welt.

Colin Farrell möchte man immer zuhören

Von denen hat er alles gelernt. Die zerbrechliche Männlichkeit, den Blick, die Stimme, die Eleganz. Die Bilder, Szenen schießen immer wieder durch sein Hirn. Wenn er in seinem Luxusresortzimmer – das Büro von Philip Marlowe samt dessen handfester Sekretärin aufzutragen, wollte Mark Protosevich, der „Sugar“ erfunden hat, seinem Außerirdischen nicht zumuten – sitzt bei offenem Feuer und sanftem Licht, läuft auf dem Großbildschirm „Haie der Großstadt“ oder „Schmutziger Lorbeer“.

Was ihn an der Geschichte der Moon-Brüder triggert, darüber muss Sugar nicht lange nachdenken. Wir hören ihm übrigens die ganze Zeit über beim Denken zu. Aus dem Off erzählt Colin Farrell, der irische Alien in L.A., der Sugar ist, was er sieht, was ihm durch den Kopf geht. Mit sanft zerknautschter Stimme tut er das. Man möchte ihm mindestens genauso stundenlang zuhören wie dem Geblubber der herrlichen Corvette.

Geld ist es nicht, das ihn reizt (Sugar kann sich alles leisten, man möchte nicht so ganz wissen, woher das kommt). Die Moons sind aus Korea irgendwann an der Goldküste von Kalifornien gelandet wie Sugar und seine Schwester aus dem All. Und wie Sugars Schwester ist auch Danny Moons Bruder jetzt verschwunden. Boxer waren sie beide. Danny machte Karriere, Ji versank offensichtlich im Drogenhandelssumpf. Und während seiner beiden Suchbewegungen kommt Sugar natürlich noch einer verwinkelten Verschwörung auf die Spur, die vielleicht erklärt, was aus Sugars kosmischen Mitmigranten wurde.

Protosevich und sein Showrunner-Nachfolger haben – wie gerade in der Literatur „Die große Hitze“, der fabelhafte Marlowe-Roman der schottischen Noir-Königin Denise Mina – das bei Chandler prinzipiell misogyne und randxenophobe Genre durch ein Säurebad der Menschlichkeit geschickt. Sugar ist der weichgekochteste aller Hardboiled-Detektive. Der vielleicht wirklich erste Schnüffler der Geschichte, mit dem man an der Bar abhängen möchte (was unfair wäre, weil Sugars Magen Alkohol so folgenlos verdaut wie seine Lunge Sauerstoff). Gewalt ist ihm zuwider, für jeden hat er ein gutes Wort, er ist eine mobiles Achtsamkeitszentrum und eine wandelnde Wärmestube. Was er auch sein muss, sonst würde man es im Elend um die Hollywood Hills nicht aushalten.

Man möchte ein Abo für Noir-Filme abschließen. Und sich das Gesamtwerk von Nat King Cole zusammenstreamen. Schon lange nicht mehr sah die Stadt der Engel so schön aus, so verlockend und abstoßend. Schon lange nicht mehr wurde sein Glanz und sein Elend so elegant und eindringlich ausgestellt. „Sugar“ ist – neben allem anderen Wunderbaren – auch eine Sinfonie der kalifornischen Großstadt.

Man hat Angst vor der Stadt und will sofort hin. Und durch seine Straßen rasen mit der hinreißenden Corvette, aber das erwähnten wir ja schon. Am besten selbstverständlich an der Seite von Colin Farrell, der so verloren schauen kann, wie ein Kind im Bällebad und staunen und den man in den Arm nehmen möchte. Am Ende ist nichts gut. Nichts wirklich geklärt. Wir sind hier ja nicht bei Agatha Christie.

Die zweite Staffel von „Sugar“ ist jetzt bei Apple+ zu streamen. Jede Woche erscheint eine neue Folge