Unsere Demokratie und unser Habermas
In diesen Tagen wäre Jürgen Habermas, der im März verstorbene Philosoph, 97 Jahre alt geworden. Seine Schriften „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und „Theorie des kommunikativen Handelns“ liest man auf der ganzen Welt. Und weil Frankfurt am Main und die Bundesrepublik Deutschland dieser Figur der intellektuellen Zeitgeschichte so viel zu verdanken haben, fanden jetzt gleich zwei Gedenkveranstaltungen statt. Für die Fachwelt gab es ein Symposium an der Goethe-Universität. Für die breitere Öffentlichkeit und im Beisein seiner Kinder Judith und Tilmann Habermas richtete die Stadt Frankfurt eine Gedenkstunde in der Paulskirche aus.
Am besten hätte man allen Habermas-Schülern an diesem stickig-schwülen Tag natürlich Hitzefrei gegeben, doch die „Dringlichkeit“ seines Denkens bot keinen Aufschub. Immerhin hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Lacher gleich zu Beginn seiner Gedenkrede auf seiner Seite, denn er startet mit einer Anekdote zu Hegel. Der berühmte Philosoph habe vor seinem Hörsaal in Berlin einmal den Zettel anbringen lassen: Die Vorlesung muss heute ausfallen, der Professor sei noch nicht fertig mit Denken.
Ist man überhaupt jemals fertig mit Denken, sollte ein Habermas jemals in diese Verlegenheit gekommen sein, fragt Steinmeier rhetorisch weiter. Dann schildert er seinen persönlichen und brieflichen Austausch mit dem Philosophen. Wenige Wochen vor seinem Tod habe der plötzlich resignativ gewirkt, den letzten Brief an ihn, den Bundespräsidenten, habe der Denker unterzeichnet mit „Ihr alter – und vielleicht längst zu alt gewordener – Jürgen Habermas“.
Eher alt ist an diesem Nachmittag auch die Festgemeinde in der Paulskirche. Fast schon als Youngster (zumindest im Amt des Landeschefs) darf der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg im Auditorium gelten: Cem Özdemir.
Steinmeier spricht staatstragende, zugleich oft gehörte, schon vielfach bemühte Worte: Der öffentliche, herrschaftsfreie Diskurs à la Habermas verlange Redlichkeit, nicht nur unter Intellektuellen, auch unter Politikern. Habermas selbst habe das in Theorie und Praxis gelebt. Der Bundespräsident erinnert an Habermas’ berühmtes Gespräch mit Kardinal Ratzinger im Jahr 2004. Hier der Vernunftphilosoph, der allein an den zwanglosen Zwang des besseren Arguments glaubt und sich mit Max Weber als „religiös unmusikalisch“ bezeichnete, dort der Theologe, der zum Zeitpunkt der Begegnung Chef der Glaubenskongregation und später Papst Benedikt XVI. war.
„Wir hätten ihn dringend weiter gebraucht“
In einer Welt voller Geltungsansprüche, in der zunehmend auch Fakten infrage gestellt würden, sei die „vernünftige Freiheit“, über die Habermas philosophiert habe, immer weiter auf dem Rückzug. „Wir hätten ihn dringend weiter gebraucht“, sagt Steinmeier. Habermas habe „unsere Demokratie“ – da ist sie, die Wendung, die in keiner Bundespräsidentenrede fehlen darf – philosophisch und diskursethisch begründet.
Pointierter fällt das 5-Minuten-Grußwort von Jonathan Landgrebe aus. Der Chef des Suhrkamp Verlags erzählt, wie der legendäre Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld anno 1963 die Zusammenarbeit mit Jürgen Habermas eingeläutet habe, um eine Theoriereihe zu begründen. Zuvor sei Suhrkamp ein rein literarischer Verlag gewesen, danach wurde er zu der Institution der bundesrepublikanischen Geistesgeschichte. Habermas habe den intellektuellen Nimbus des Suhrkamp-Verlags als Berater des politischen und philosophischen Programms wesentlich mitgeprägt. Landgrebe zitiert Unselds Hochachtung vor Habermas aus dessen Tagebüchern: „Ich denke laut mit Habermas. Er braucht nur zu hauchen, und ein Manuskript wird angenommen oder abgelehnt.“ Der herrschaftsfreie Diskurs als Schnurre vom Herrenabend.
Enrico Schleiff, der Präsident der Frankfurter Goethe-Universität, und Cristina Lafant, Professorin an der Northwestern University in Illinois, betonten die weltweite Ausstrahlung von Habermas’ Werk. Er sei ein großer Hoffnungsträger gerade auch in Weltregionen wie Lateinamerika oder Afrika gewesen.
Die beste Rede an diesem Hitzetag in der Frankfurter Paulskirche lieferte Norbert Frei. Der in Jena lehrende Historiker resümiert Habermas’ Bedeutung für die Bundesrepublik. Habermas, Jahrgang 1929 und Mitglied der später sogenannten Flakhelfergeneration, habe sich einmal als Produkt der Re-Education bezeichnet und habe zur Selbstfindung der Bundesrepublik nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus und ihrer Öffnung nach Westen beigetragen. Frei deutet auch etwas an, das die anderen Redner in dieser Deutlichkeit nicht aussprechen: Habermas selbst habe – schon vor dem Historikerstreit – unterschätzt, wie stark die Deutungsmacht des linken Milieus in der Bundesrepublik geworden sei. So sei es auch kaum verwunderlich, dass es mit der Anfang der 1980er Jahre versprochenen geistig-moralischen Wende der Regierung Kohl nie etwas geworden sei, vom intellektuellen Anspruch derjenigen, die 1995 „Die selbstbewusste Nation“ forderten, ganz zu schweigen.
Dass das tonangebende linke Milieu inzwischen spürt, dass es außer Beschwörungsformeln für „unsere Demokratie“ wenig anzubieten hat, wurde interessanterweise nicht während der Gedenkstunde in der Frankfurter Paulskirche vertieft, sondern im Vorfeld. Zwei Habermas-Meisterschüler, nämlich Axel Honneth und Rainer Forst, sprachen im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ erstaunlich Tacheles, dass die diskursiven Einschläge vom anderen Ende des politischen Spektrums näherkommen: Es sei nicht zu übersehen, so Forst, dass im Zuge der aktuellen rechtsautoritären Bewegungen und Rufe nach Disruption des Systems, die Rhetorik der Veränderung zu den Reaktionären wandert.
In 95 Minuten Habermas-Gedenken wagte übrigens keiner der sechs Redner den Witz, ob diese Rede mit oder ohne KI entstanden sei. So viel Tagesbezug auf eine zurzeit schwelende Debatte in den Feuilletons erlaubt sich ein Gedenkakt dann doch nicht, selbst wenn es um den „herrschaftsfreien Diskurs“ geht und man mit Habermas gerne wüsste, ab wann einem der Prompt mit dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ noch dient oder ob er einem mit seinen ewig besserwisserischen Antworten nur noch Lebenszeit klaut.