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„Und wenn Sie noch eine Currywurst drauflegen, passiert auch nichts“

· Culture

Unsicherheit ist eine sichere Nummer für die Ernährungs-Ratgeberliteratur. Schweine- oder Veggie-Schnitzel, Milch ja oder nein, mehr Hülsenfrüchte und wenn ja, regional oder bio, und was ist eigentlich mit Mehlwürmern und Laborfleisch? „Hilfe, was darf ich noch essen?“ fragte Anne-Marie Butzek schon in ihrem gleichnamigen Buch 2014. Auf die Frage „Was wir überhaupt noch essen können“ versucht nun ein aktueller Titel von Ron Perduss und Volker Manz eine Antwort zu geben, und Dave Goulson wollte in seiner kürzlich erschienenen Mahl-Anleitung endlich einmal wissen: „Was also sollen wir essen?“

Titel wie diese haben eine Grundbotschaft: Wenn schon die Politik wenig unternimmt, um Rahmenbedingungen zu schaffen, die allen schmecken, muss eben jede und jeder Einzelne durch den Kauf hochwertiger Lebensmittel dagegenhalten. Wir Verbraucher haben die Macht, etwas zu ändern. Jedenfalls wenn wir genügend Geld haben und beim Einkauf eine Lupe für die Zutatenliste sowie einen Guide durch den Label-Dschungel zwischen Nutri-Score und Haltungsform mitnehmen, der uns zu glücklichen Hühnern und seligen Salatblättern geleitet.

Auf den ersten Blick scheint sich auch Chris Methmanns soeben erschienenes Buch „Bad Food“ hier einzureihen: Auf dem Cover starrt man in einen roten, leeren Einkaufskorb. Statt bunten Kohlenhydrat-Kleisters oder aschfahler Lupinen-Bouletten liegt da aber nur ein Versprechen: „Wie wir die Kontrolle über unsere Ernährung zurückgewinnen“. Manche dürfte es überraschen, aber Methmann, seit 2021 Chef der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, ist es ziemlich egal, was der Einzelne isst. Von ihm aus darf sich jeder wöchentlich „zwei Currywürste in der VW-Kantine“ gönnen. „Und wenn Sie noch eine drauflegen, passiert auch nichts: Weder sterben Sie, noch stürmt die Polizei in Ihre Küche zur Fleisch-Razzia.“

Methmann neigt ein bisschen zur polemischen Überspitzung, aber sie fällt gegenüber uns Essern ziemlich entlastend aus. Relevant sei es, zu verstehen, dass es nicht ausschließlich in der Verantwortung des Einzelnen liege, was man esse. Sondern dass es „ein System gibt, das eine bestimmte Ernährung begünstigt“.

Kulturkampf ums Essen

Alles, was unser Essverhalten präge, vom Angebot in der Kantine über Werbung, Preisgestaltung, versteckten Zucker und die Platzierung der Produkte in den Supermärkten, also die „Ernährungsumgebung“, sei ihm zufolge so ausgerichtet, dass wir vor allem süß, fett, tierisch und salzig essen. An sich nichts Neues, aber die perfidesten Details dürften manche doch wundern. Kommt dann noch die Inflation dazu – oder die nicht an die Kunden weitergegebenen gesunkenen Kakao-Einkaufspreise, Methmann nennt das „Gierflation“ – neigen noch mehr Menschen dazu, sich günstiger zu ernähren, und das bedeutet: nicht ausgewogen. Fürs Gesundheitssystem und damit auch für die Wirtschaft langfristig ein Eigentor.

Die Mehrwertsteuer auf pflanzliche Produkte zu streichen, wäre eine simple Maßnahme. Doch dem steht die Lobbyarbeit der Junkfood-Branche entgegen, die etwa auch Markus Söder für sich werben lässt. Als wahre Gegner im derzeitigen Kulturkampf ums Essen identifiziert der Autor also eine Industrie und Teile von Medien und Politik, die einander die Bälle zuwerfen. Schon dieser Meta-Ansatz macht das Buch zu einer Ausnahmeerscheinung im gegenwärtigen Ernährungsdiskurs. Drängt sich der zunehmend moralisch und identitär aufgeladene Streit doch schon so lange ins Bild, dass die pragmatische Frage nach einer nicht völlig destruktiven Ernährung wie ein Magerquarkbecher im hintersten Kühlschrank-Eck vor sich hin schimmelt.

Mit einer Prise Humor („Der Feind in meinem Mett“) zeichnet Methmann in den ersten beiden Kapiteln gut recherchiert nach, wie dieser Streit in den vergangenen Jahren eskalierte und mit welchen subtilen Tricks die Industrie „unseren Speiseplan diktiert“. Das kränkt: Wer lässt sich schon gern bescheinigen, dass er die ganze Zeit veräppelt wurde? Im dritten Teil zeigt Methmann dann Wege auf zu „mehr Freiheit auf dem Teller“.

Immer schön der Wurst nach

Die fängt schon damit an, den Kulturkampf einfach nicht mitzumachen. Sich also weder selbst noch andere in Schubladen zu stecken. Nötiges Hintergrundwissen möge man sich bitte (danke!) anhand gründlich recherchierter Artikel in den klassischen Medien aneignen, statt bei TikTok. Denn jenseits bloßer Agitation zu erklären, dass Hühnern aus egal welcher Haltungsform die Brustbeinknochen brechen, weil ihre Körper durch die Eierproduktion zu viel Kalzium verlieren, braucht ein wenig mehr Platz. Nur dann ist nachvollziehbar, dass mit dem vermeintlich „richtigen“ Label noch nicht viel über den Gesundheitszustand eines Tieres gesagt ist.

Beim Punkt Tierwohl ist sich nachweislich ein Großteil der Bevölkerung einig und weiter als die herumeiernde Politik. Nur lässt sich mit Common Sense schlecht Aufmerksamkeit generieren. Worum es bei diesem Kulturkampf wirklich geht, ist deshalb selten wirklich die Ernährung. Das Thema, so führt es Methmann anhand zahlreicher Beispiele vor, ist wegen seiner Alltagsnähe nur besonders gut geeignet, Gräben in der Gesellschaft auszuheben. Zumal dann, wenn Akteure es auf Ja-Nein-Entscheidungen zuspitzen, anstatt komplexere Fragen wie die artgerechte Ausstattung eines Stalls zu diskutieren.

Der Autor zitiert hier das Buch „Triggerpunkte“ seiner Kollegen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser: „Polarisierungsunternehmer“ nutzten Themen, die sich nicht nach klarer Parteienlogik sortieren – wie das Essen. Denn damit könnten „Parteienbindungen aufgerieben oder neue Verbindungen geformt werden“. Wer also bisher stramm sozialdemokratisch wählte und bei VW seine Currywurst aß, aber von „grüner Bevormundung“ genervt ist, wechselt so leichter das Lager und lässt sich dann auch bei anderen Themen mitnehmen. Immer schön der Wurst nach.

„Widersprüche im System“

Grüne Naivität kann man Methmann nicht unterstellen. Seine Doktorarbeit von 2014 trägt den Titel „We are all green now“ (deutsche Version: „Plötzlich sind alle grün“). Darin untersucht er, wie globale Klimapolitik zum dominanten politischen Deutungsmuster werden konnte. Seine These: Hinter dem Konsens über „grüne“ Politik stehen bestimmte Machtverhältnisse und Vorstellungen von Freiheit und Verantwortung sowie „politische Fantasien“ darüber, wie die Klimakrise regierbar gemacht werden kann.

Besonders in einem Konzept des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek erkennt Methmann in „Bad Food“ einen Erklärungsansatz für unsere Verarschbarkeit. Während der Populismus alter Bauart eine Unterscheidung zwischen „Volk“ und „Elite“ konstruiert, um das Volk gegen jene Elite aufzubringen und so Veränderungen herbeizuführen, sei es das Ziel des „postpolitischen Populismus“, dass sich die Dinge gerade nicht verändern. Etwa um die Agrarindustrie zu schützen oder Großkonzerne. Damit alles beim Alten bleibt, definierten politische Eliten einen „äußeren, oft imaginierten Feind“, der die Ordnung bedrohe, seien es Migranten, die EU oder Fleischesser, die nicht gendern. „Alle sind so sehr mit diesem Feind beschäftigt, dass die Widersprüche im System nicht mehr so richtig sichtbar sind“.

Die Wirksamkeit rationaler Argumente, da macht sich Methmann nichts vor, sei in emotional aufgeladenen Streits klein. Bei aller berechtigten Opposition gegenüber der grassierenden „Affektpolitik“ lässt er sich aber nicht dazu verleiten, Gefühle wie Wut zu diskreditieren. Eine Agrarindustrie, die es richtig findet, Kühe das ganze Jahr über an einem Fleck angekettet zu halten, verletze „Werte, die den meisten von uns wichtig sind, und es hilft nichts, diese Wut zu ignorieren“. Die Kunst besteht darin, die eigene Wut nicht vorschnell vor Karren spannen zu lassen, mit denen man eigentlich nicht mitfahren will.

„Bad Food“ macht trotz seines Titels gute Laune, zumal sich Methmann den differenzierenden Blick eines Wissenschaftlers bewahrt hat. Dass sich der Autor stellenweise sehr über die verbraucherschützerischen Erfolge von David-gegen-Goliath-Foodwatch freut: geschenkt. Doch ist dieses Buch auch eine verdienstvolle esskulturgeschichtliche Bildungsreise zu den schönsten Niederungen einer erfindungsreichen Branche. Etwa wenn von den militärischen Anfängen von Coca-Cola, Müsliriegeln oder Nutella die Rede ist, oder wenn Methmann heutige Gesundheitsversprechen als Nachfahren früherer Zigarettenwerbung erkennt: Dass Ärzte einst das Rauchen empfahlen, war ja auch schon eine lustige Kombination, über die wir heute lachen können.

Chris Methmann: „Bad Food. Wie wir die Kontrolle über unsere Ernährung zurückgewinnen“. Ullstein, 352 S., 23 €.

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