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Kiew – Die Nachricht, dass Gerhard Schröder Wladimir Putin zu seinem Geburtstag umarmt hat, kam zu einem Zeitpunkt, als in Kiew absolute Dunkelheit herrschte.

Die russischen Angriffe der vergangenen Tage und Nächte hatten dafür gesorgt, dass am Donnerstagabend in großen Teilen der ukrainischen Hauptstadt der Strom ausgefallen war. Licht hatten nur noch diejenigen, die sich mit Generatoren darauf vorbereitet hatten. Schon Anfang Oktober solche Stromausfälle – so habe ich das seit Beginn der russischen Vollinvasion 2022 nicht erlebt.

Das Internet funktionierte noch, die sozialen Medien liefen heiß. Und damit verbreitete sich auch die Nachricht über den ehemaligen deutschen Bundeskanzler, der seinen Freund Putin in Moskau besucht. Ausgerechnet jetzt. Während in der Ukraine innerhalb von zwei Tagen fast 70 Zivilisten durch russische Angriffe getötet wurden.

Ich bin seit dieser Woche wieder in der Ukraine. Seit 2014 berichte ich aus diesem Land, seit 2022 habe ich hier viele der schlimmsten Momente des Krieges erlebt. Ich war in zerstörten Städten, habe mit Überlebenden russischer Angriffe gesprochen, mit Soldaten an der Front, mit Familien, die ihre Angehörigen verloren haben.

Obwohl die Ukraine bislang jeder russischen Grausamkeit und Bedrohung standgehalten hat, muss ich sagen: Was ich in diesen Tagen erlebe, macht mir große Sorgen. Weil dieser Krieg schon wieder in eine neue Phase tritt. In eine noch schlimmere Phase.

Der pausenlose Beschuss der Zivilbevölkerung. Die gezielten Angriffe auf die Energieversorgung. Die Angst vor dem Winter. Und das Gefühl vieler Ukrainer, dass die Welt immer weniger hinschaut.

Wie dramatisch die Lage inzwischen ist, wurde mir auch bei einem Besuch einer ukrainischen Luftabwehreinheit deutlich, die mit einem deutschen Gepard-Panzer versucht, russische Drohnen vom Himmel zu holen. Der Kommandeur heißt Vadym, ist 54 Jahre alt und kämpft seit Beginn der russischen Vollinvasion.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals so schlimm war“, sagt er mir. „Ich habe noch nie erlebt, dass die Luftalarme und Drohnenangriffe so intensiv waren. Unsere Männer arbeiten praktisch rund um die Uhr, fast ohne Pause.“

Sein Gepard hat im vergangenen Jahr mehr als 30 russische Drohnen abgeschossen. Zuletzt auch besonders schnelle, moderne Drohnen, gegen die sich das jahrzehntealte deutsche Waffensystem immer schwerer tut. Vadym erklärt mir, dass die Russen ihre Drohnen ständig weiterentwickeln, die Flugkörper schneller und gefährlicher werden. Gleichzeitig fehlt es seiner Einheit an Ersatzteilen, Reparaturen dauern teilweise lange.

Und trotzdem schwärmt er von dem deutschen Gepard. „Deutsche Qualität“, sagt er. Eine hervorragende Waffe, die noch immer ihren Dienst verrichte. Aber die Ukrainer bräuchten dringend mehr moderne Systeme, mehr Technologie, mehr Unterstützung.

Während in Deutschland immer lauter darüber diskutiert wird, ob die Ukraine überhaupt noch unterstützt werden soll, kämpfen ukrainische Soldaten mit deutschen Waffen darum, dass russische Drohnen nicht noch mehr Menschen in ihren Wohnungen töten. Und sie kommen kaum noch hinterher. Es gibt kaum noch eine Nacht ohne massiven Beschuss. Raketen, Drohnen, Explosionen. Tag und Nacht. In Kiew, aber vor allem auch im Osten des Landes. In Kramatorsk wurden Kleinbusse angegriffen, Menschen getötet, die einfach nur unterwegs waren. Anderswo starben Familien in ihren Wohnungen.

Eine Freundin erzählte mir, dass sie ihre Medikamente nicht mehr bekommt. Das Geschäft, in dem sie diese normalerweise kauft, wurde zerbombt. Es ist eine kleine Geschichte, verglichen mit den vielen Toten. Aber sie zeigt, was dieser Krieg inzwischen bedeutet. Selbst die einfachsten Dinge des Alltags werden immer schwieriger.

Die Menschen suchen nach Generatoren. Sie überlegen, wie sie im Winter ihre Wohnungen heizen sollen. Wie sie arbeiten können, wenn der Strom ausfällt. Wie sie ihre Kinder schützen sollen, wenn die Angriffe weitergehen.

Und während ich hier mit den Menschen spreche, während ich ihre Sorgen höre, frage ich mich immer häufiger, ob in Deutschland überhaupt noch verstanden wird, was in der Ukraine passiert.

Nicht mehr Putin soll diesen Krieg beenden. Sondern Selenskyj soll endlich nachgeben. Nicht mehr Russland soll unter Druck gesetzt werden, sondern die Ukraine. Nicht mehr die Frage, wie wir den Ukrainern helfen können, steht im Mittelpunkt, sondern wie wir sie dazu bringen, aufzugeben.

AfD und BSW haben diese Debatte maßgeblich geprägt. Sie fordern eine andere Russlandpolitik, stellen die Unterstützung der Ukraine infrage und vermitteln immer wieder den Eindruck, dass vor allem der Westen und die ukrainische Führung einem Frieden im Weg stehen.

Dabei wird eine entscheidende Tatsache häufig ausgeblendet: Die Ukraine bietet seit April 2025 einen vollständigen Waffenstillstand an. Sie wäre damit faktisch bereit, die russische Besetzung großer Teile ihres Landes zunächst hinzunehmen. Putin lehnt einen bedingungslosen Waffenstillstand bislang ab.

Natürlich kann und muss man über die deutsche Ukrainepolitik diskutieren. Über Waffenlieferungen, über Milliardenhilfen, über Verhandlungen. Ich habe selbst immer wieder mit Menschen gesprochen, die sich fragen, wie dieser Krieg jemals enden soll. Und natürlich wünschen sich die Ukrainer nichts mehr als Frieden.

Aber wer hier mit den Menschen spricht, versteht sehr schnell, dass sie nicht einfach unter Putins Herrschaft leben wollen. Dass für sie ein Ende der Kämpfe nicht automatisch Frieden bedeutet, wenn sie danach in einem Land leben müssen, in dem Russland über ihre Zukunft bestimmt.

Und es macht etwas mit ihnen, wenn die Nachricht von Schröders Besuch bei Putin über die Nachrichtenticker läuft. Ein Mann, der Deutschland sieben Jahre lang regiert hat. Der bis heute an seiner Freundschaft zu Putin festhält. Der ausgerechnet in diesen Tagen den russischen Präsidenten besucht hat.

In Kiew sitzen Menschen im Dunkeln, weil Russland ihre Energieversorgung angreift. Im Osten des Landes werden Zivilisten getötet. Familien trauern um ihre Angehörigen. Und ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler umarmt in Moskau den Mann, der für diesen Krieg verantwortlich ist.

Ich weiß nicht, wie Schröder selbst diesen Besuch erklärt. Aber ich weiß, wie solche Bilder in der Ukraine ankommen. Die Menschen hier fühlen sich zunehmend vergessen. Sie sehen, wie die Aufmerksamkeit nachlässt. Wie die Debatten in Deutschland immer wütender werden. Wie plötzlich wieder darüber gesprochen wird, ob man nicht einfach einen anderen Umgang mit Putin finden müsse.

Ich erlebe die Ukrainer in diesen Tagen erschöpft, manchmal verzweifelt, aber auch weiterhin entschlossen. Viele haben Angehörige verloren, ihre Wohnungen, ihre Arbeit, ihr früheres Leben. Und trotzdem wollen sie nicht aufgeben.