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Triggerwarnung – Diese Künstlerin bricht alle Woke-Regeln

· Culture

Madame Nielsen, eine der schillerndsten Verwandlungskünstlerinnen unserer Zeit, ist zurück im Theater. In München erst gefeiert und dann verjagt, ist Madame Nielsen jetzt mit zwei Uraufführungen in Wien gelandet. Zwei Abende, die sich um ihr bewegtes Leben und den unaufhörlichen Versuch der „Selbstauslöschung“ drehen, wie es im Titel heißt.

Es klingt drastisch, aber mit Selbstauslöschung kennt sich Madame Nielsen bestens aus. 1963 in Dänemark geboren, begann sie ihre Karriere unter dem Namen Claus Beck-Nielsen „als eine Art Mann“, wie sie es heute nennt. Beck wurde eines Tages für tot erklärt und beerdigt. Knapp zehn Jahre später kam es dann zur Wiederauferstehung als Madame Nielsen. Davor zog die Musikerin, Performerin und Autorin als namenloses Gesicht von „Das Beckwerk“ durch die Welt, um die Demokratie in den Irak zu bringen, eine Revolution im Iran auszulösen oder die Freundschaft in Afghanistan zu verbreiten. Später, bereits als Madame Nielsen, stellte sie sich als Liebeslieder singende „Miss World“ im Donbass zwischen schwer bewaffneten ukrainischen Nationalisten und russischen Separatisten. Eine Grenze zwischen Kunst und Leben gibt es für sie nicht.

Wo andere nur im Theater spielen, gibt es für Madame Nielsen allein eine große Bühne: das Leben selbst. Das Rollenspiel scheint ihr ureigenstes Element zu sein. Dabei will sie nicht eine ursprüngliche Identität finden, sondern wird von einem ursprünglichen Mangel an Identität angetrieben: spielerischer Selbstverlust und Selbstauslöschung statt Selbstfindung und Selbstverwirklichung. Oder „Beyond Identity“, wie sie es nennt. Anders als bei Édouard Louis mit seinem Buch „Anleitung, ein anderer zu werden“ geht es nicht um Anpassung und sozialen Aufstieg, sondern um den Ausstieg aus dem bürgerlichen Spiel des Lebens – auch wenn das bedeutet, über Monate hinweg obdachlos durch Kopenhagen zu streifen.

Grenzenloses Spiel

Was Madame Nielsen macht, erinnert mehr an David Bowie und seine glamourösen Kunstfiguren von „Ziggy Stardust“ über „Aladdin Sane“ bis „The Thin White Duke“ als an die identitätspolitische Verbissenheit der Gegenwart. Grenzen? Sind zum Überschreiten da. Und Zuschreibungen sind zum Spielen gemacht und nicht dazu, um sich beleidigt in Safe Spaces zu verbarrikadieren. Doch wie wurde Madame Nielsen zu dem Kunstfabelwesen, das sie heute darstellt?

In „Lamento (Selbstauslöschung 1)“ sieht man, wie sich ein junger Theatermacher und eine junge Schriftstellerin kennen-, lieben und hassen lernen. Bernardo Arias Porras als Alter Ego von Madame Nielsen, damals noch Claus Beck-Nielsen, wälzt sich wild mit Alicia Aumüller als aufstrebender Jungautorin auf der Matratze. Den Wein trinken sie aus der Flasche oder gleich aus ihren Mündern. So sieht Liebe aus. Oder ist es nur Verliebtheit? Lassen sich Alltag, Arbeit und ein Kind mit dem Ideal einer alles verzehrenden, romantischen Liebe vereinbaren? Und wenn doch alle nach diesem Ideal streben, warum lässt es sich nicht leben? Je weniger Platz die Liebe in ihrem Alltag hat, desto erbitterter wird der Kampf zwischen den beiden. Sie reißen die Fotos von den Wänden, die dort als Zeichen ihres nicht sehr dauerhaften Liebesglücks hingen.

Regisseurin Barbara Weber inszeniert diese tragische Liebesgeschichte in der intimen Nebenspielstätte des Volkstheaters so schlicht und wirkungsvoll wie möglich und nötig. Der 2020 erschienene Roman „Lamento“, der damit erstmals für die Bühne adaptiert und auf einer Theaterbühne aufgeführt wird, ist zugleich das Drama zweier verschiedener Künstlernaturen, wobei weder die eine verklärt noch die andere verdammt wird. Doch der unstillbare Wunsch, ein anderer zu werden, treibt den jungen Mann immer weiter – bis ins Selbstzerstörerische.

Anfang der 1990er Jahre landet der junge Mann in New York, um sich der legendären The Wooster Group um Hollywood-Star Willem Dafoe anzuschließen. Davon erzählt „Das Monster (Selbstauslöschung 2)“ – die Romanvorlage ist 2018 erschienen. Bei der als „Live-Hörspiel-Konzert-Performance“ beworbenen szenischen Einrichtung hat Madame Nielsen nicht nur die Regie geführt, sondern steht auch selbst auf der kleinen Bühne in der Roten Bar. Wo sonst die Premierenfeiern des Volkstheaters steigen, folgt man den Streifzügen eines Verlorenen und Besessenen durch ein zutiefst unheimliches Manhattan und die New Yorker Avantgardeszene. Es ist wie ein Fiebertraum, in dem der Protagonist in einer Bar für Dafoe gehalten wird, sich selbst als Messias betrachtet und mit gruseligen Zwillingen in einem Loft die immer gleichen perversen Sexspiele erlebt.

Begegnung mit dem korrekten Zeitgeist

Immer wieder geht es bei Madame Nielsen um das Grenzüberschreitende und um das Niederreißen der Mauern des Selbst – ohne jedoch mit heldenhafter Stärke zu kokettieren, sondern indem Verletzlichkeit und Ohnmacht eingestanden werden. Dabei fürchtete die Künstlerin, dass sie im deutschen Theaterbetrieb als Unberührbare behandelt werden würde, nachdem sie in München eine unschöne Begegnung mit dem politisch korrekt fühlenden Zeitgeist machte, wie sie in ihrem jüngsten und wie immer autobiografischen Roman „Das Zeitgeisterhaus. Eine deutsche Geschichte“ schildert.

In „Das Zeitgeisterhaus“ gerät die exzentrische Künstlerin Milady mit einem Mitarbeiter eines Münchner Theaters aneinander, an dem sie als Gast arbeitet. Entnervt von der typisch deutschen Treue zum korrekten Befolgen von Regeln rutscht ihr im Affekt die Hand aus. Sie macht einen Hitlergruß. Natürlich nicht als Bekenntnis zur Nazi-Ideologie, sondern als spöttischen Kommentar auf autoritäres Gehabe, und das sogar noch ein zweites Mal. Oder wie sie es ihrem Regisseur in einer Nachricht schreibt: „und dann habe ich … wuppdich! blitzkurz geheilt. Seufzer.“ Das Theater reagiert allerdings, als hätte die Künstlerin jemanden vergewaltigt oder verprügelt. Die Leitung beruft einen Zoom-Call ein und der Vorwurf wird immer gewaltiger. Aus „einer Art MeToo-Sache“ wird „eine Form von Gewalt“ und später „eine allgemeine Unsicherheit“, die die Künstlerin in das gesamte Haus hineintrage. Und das alles nur wegen eines fraglos unangemessenen, ja bösen, aber ohne die entsprechende Gesinnung doch eigentlich harmlosen Symbols?

Die Strafe folgt auf dem Fuße: Milady wird aus dem Theater und aus dem eigenen Stück herausgeschmissen. Offiziell werden gesundheitliche Gründe genannt. Eine Aussprache wird nicht gestattet. Das Absurde der ganzen Cancel-Culture-Groteske ist, dass der gespielte Hitlergruß eine Überreaktion auf einen gefühlten autoritären Überrest war, der sich selbst in dem progressiven Theater findet. Und in der Reaktion auf die Überreaktion gibt sich das Theater wirklich alle Mühe, den Verdacht der Protagonistin zu bestätigen, dass sich hinter der progressiven Fassade eine Unzahl unaufgeklärter Verhaltensmuster verbirgt. „Sie haben getan, was sie tun mussten, gemäß dem Zeitgeist, um ihren Namen und ihr Image als eines der leidenschaftlichsten und idealistischsten Kunsthäuser Deutschlands zu retten“, heißt es im Roman. „Und wie überall in der kapitalistischen Kunstwirtschaft geht es natürlich letztlich um Geld und Macht.“

Wie Tony Tulathimutte in seinem gefeierten Buch „Fiasko“ zeigt auch Madame Nielsen die Implosion des Achtsamkeitsjargons, der die Kulturszene fest im Griff hat. Interessante Theaterromane hat es in den vergangenen Jahren einige gegeben, über das Ende der großen Regietheatergeneration („Szenenwechsel“ von Alain Claude Sulzer), eine aktivistische Theaterbesetzung („Tag XYZ“ von Lorenz Just) oder den Generationenkampf in einem postkommunistischen Traditionshaus („Nationaltheater“ von Tanja Šljivar). „Das Zeitgeisterhaus“ ist da besonders hervorzuheben. Klug, witzig und glänzend geschrieben, prallen hier Selbstbild und Wirklichkeit nicht nur des Theaters, sondern der deutschen Gesellschaft von heute aufeinander. Wo sich das alles so oder so ähnlich zugetragen haben mag, ist außerdem nicht schwer zu erraten. Vor zwei Jahren feierte Madame Nielsen an den Münchner Kammerspielen mit „Very Rich Angels“ Premiere, heute steht das Stück nicht mehr auf dem Spielplan.

Ob sich nach „Lamento“ und „Das Monster“ in Wien ein Theater traut, „Das Zeitgeisterhaus“ auf die Bühne zu bringen? In einem Interview sagte Madame Nielsen kürzlich, dass die Uraufführung Anfang nächsten Jahres in Hamburg stattfinden soll. Sie selbst würde den Stoff gerne an den Münchner Kammerspielen spielen. Wer solche Träume hat, glaubt noch an die Kunst.

„Lamento“ und „Das Monster“ laufen am Wiener Volkstheater. „Das Zeitgeisterhaus“ ist beim Alexander-Verlag erschienen (136 Seiten, 22 Euro).