Ceuta – Als Munaim am Morgen das Meer vor sich sieht, ist er nicht allein. Tausende Menschen drängen neben ihm an den Strand von Fnideq auf der marokkanischen Seite der Grenze. Familien mit kleinen Kindern, Jugendliche, Männer und Frauen laufen Richtung Wasser. Vor ihnen liegt die Tarajal-Grenzmole – dahinter Ceuta, spanisches Territorium und damit Europa. Munaim springt ins Wasser. Für den jungen Mann aus Tanger ist die Überquerung mehr als eine Flucht. „Ich wollte schon als Kind nach Spanien“, sagt er.
Antonio Sempere, Reporter des Axel Springer Global Reporters Network, trifft ihn in Ceuta. Dass er nach eigenen Angaben einst für Marokkos Beachsoccer-Nationalmannschaft auflief, spielt keine Rolle mehr. Sein Ziel: Er möchte Profifußballer in Spanien werden. Während Munaim schwamm, veränderte sich die Lage an Europas südlichster Landgrenze innerhalb weniger Stunden dramatisch. Aus Hunderten wurden Tausende. Aus Tausenden Zehntausende. Spaniens Innenministerium meldet inzwischen 49.000 Grenzübertritte innerhalb von nur 24 Stunden. Ein regelrechter Ansturm.
Die Menschen schwimmen um die Grenzmole herum, andere drängen durch Grenztore oder überwinden die Absperrungen. Die spanischen Sicherheitskräfte verlieren in mehreren Abschnitten zeitweise die Kontrolle. Für Ceuta entwickelt sich der Donnerstag zum Tag der schwersten Migrationskrise in seiner Geschichte.
Die spanische Regierung entsendet zusätzliche Polizeikräfte und Soldaten. Rettungsboote kreuzen ununterbrochen vor der Küste. Taucher der Guardia Civil ziehen Menschen aus dem Wasser. Mindestens 18 schaffen es nicht und ertrinken. An Land herrscht Ausnahmezustand. Krankenwagen fahren im Minutentakt zwischen dem Tarajal-Strand und den Kliniken. Viele der Ankommenden leiden unter Unterkühlung, Erschöpfung oder Verletzungen. Die Regionalregierung spricht von einer „absoluten humanitären und sozialen Notlage“.
Munaim: „Ich habe vor nichts Angst“
Munaim erinnert sich später vor allem an die Menschen um ihn herum. „Es waren so viele – Kinder, Erwachsene, Frauen und Männer“, sagt er Reporter Antonio Sempere. Trotz der Gefahr habe er nie daran gedacht, umzukehren. „Ich habe vor nichts Angst. Ich habe es bis hierher geschafft, und alles Weitere liegt in Gottes Händen.“ Heute setzt er auf einen Neuanfang in Spanien. „Ich tue das für meine Familie. Alles, worum ich bitte, ist, dass sie für mich betet.“
Indes reisen Ministerpräsident Pedro Sánchez (54) und Innenminister Fernando Grande-Marlaska (64) nach Ceuta. Regionalpräsident Juan Jesús Vivas (73) fordert die Ausrufung des nationalen Notstands. Die Stadt habe ihre Belastungsgrenze erreicht. Die Bilder erinnern viele an die Migrationskrise von 2021, als innerhalb von zwei Tagen rund 8000 Menschen nach Ceuta gelangten. Doch die Ereignisse dieses Tages übertreffen selbst jene Krise.