Strahlende Madonnen. Heilige in Verzückung. Selbst Märtyrer verlieren nie die gute Laune
Marien, Jesuskinder, Heilige, Märtyrer, Engel, Putten – was hätte der Maler malen wollen, wenn es die sanften Protagonisten der christlichen Erzählung nicht gegeben hätte? Wer wie Antonio da Correggio im frühen 16. Jahrhundert seine Werkstatt in Parma betrieb, durfte mit klerikalen Auftragsvolumina rechnen, die ihm kaum Zeit ließen, zur Gotteserzählung noch eigenständige Welterzählungen hinzuzuerfinden.
Wohl galt es fürs gepflegte Herren-Ambiente auch, Sonderwünsche zu berücksichtigen: Heidnisches, Antikes, Grazien, Jupiters Liebschaften, betrunkener Bacchus, Dekorationen für jeden Geschmack – alles hatte der Maler im Programm. Auch wenn es schon den Zeitgenossen aufgefallen sein mag, dass dem Meister im profanen Fach doch nicht viel mehr als das Klischee eingefallen ist. Jedenfalls schaut die „Leda mit dem Schwan“, die Geliebte des geilen Olympiers, gerade so vergnügt drein wie die Maria auf ihrem Himmelsthron.
Aufs Werk-Ganze gesehen ist das religiöse Genre klar favorisiert. War doch in den katholischen Stammlanden der visuelle Bedarf an vertrauten Geschichten umso höher, je lauter im fernen Wittenberg der ungehobelte Augustinermönch Martin Luther gegen die Papstkirche agitierte. Vor allem Maria, die ja erst nachbiblisch zur Himmelskönigin gekrönt worden war, bekräftigte die familiäre Vertrautheit mit der christlichen Szenografie. Als Prinzipalin der himmlischen Truppe blickt sie bei Correggio gerne von sehr weit oben auf das Menschengewühl, das sich unter ihr versammelt hat. Und sie macht dabei einen so zufriedenen Eindruck, dass das mitgemeinte Heilsversprechen wahrhaft plausibel erscheint.
Wenn man es malen kann, das gleichsam naturreine, ungetrübte Antlitz, den Augenblick erfüllter Anmut, den völligen Gleichklang von Seele und Körper, dann hat es Correggio gemalt. Wie die junge Maria ihr nacktes Kind auf dem Schoß hält und den früh verständigen Knaben ermuntert, der heiligen Katharina einen Ring an den Finger zu stecken, und der androgyne heilige Sebastian den wohlgefälligen Zeugen spielt, das ist von einer Innigkeit, die auch 500 Jahre später nichts von ihrem Zauber verloren hat.
Immer wieder begegnet man in der großen Ausstellung, die die Dresdener Gemäldegalerie um ihr frisch restauriertes Altargemälde „Madonna des heiligen Sebastian“ herum gruppiert hat, diesem kanonischen Correggio-Lächeln. Selbst dann, wenn es mal wüst zugeht auf den Bildern und die wackeren Heiligen Placidus, Flavia, Eutychius und Victorinus allesamt erstochen werden, weicht der zarte Schmelz nicht von ihren Zügen.
Dass die Bilder des Malers als „berührend menschlich“ überliefert sind, hat seinen guten Grund. Auch wenn einem bei der langen Wanderung durch die wahrhaft werkumspannende Ausstellung bald einmal deutlich wird, wie viel Technik sich die Correggio-Innigkeit verdankt. Die zarten Züge sind eben auch Maske, und die aufgeschminkte Glückseligkeit verliert sichtlich an Faszination, wenn sie einem da und dort begegnet. Leonardo hat eine „Madonna in der Felsengrotte“ gemalt, vor der man wie vor einem Wunder steht, und dann noch eine und dann keine mehr.
Correggio kann von der jungen Frau Maria nie genug bekommen und gewinnt ihrer Mutterschaft immer neue Zärtlichkeitsgesten ab. Das ist anrührend, verliert seine Magie aber auch in der Serie. Wenn man zusieht, wie auf vielfigurigen Bildern – „Madonna des heiligen Hieronymus“, „Madonna des heiligen Georg“, „Madonna des heiligen Sebastian“ – die Akteure auf ihr Stichwort reagieren und jeder Mitspieler vom Hauptdarsteller bis zum Statisten-Engel mit groß gespielter Geste seinen Bühnen-Einsatz beglaubigt, dann denkt man doch eher an Volkstheater als ans Mysterium christlicher Erzählungen.
Neben einer Würde-Erscheinung wie Raffaels „Sixtinische Madonna“, vor der auch Kaiser und Könige Buße getan hätten, nehmen sich Correggios Himmelsbewohner entschieden unterhaltsamer aus. Immer herrscht dort oben gute Laune, Jubel, Hosianna. Selbst genuin kauziges Personal wie der langbärtige Hieronymus lässt sich mit gelassenem Staunen die familiäre Zärtlichkeit gefallen. So scheint es nicht ausgeschlossen, dass sich ein Gutteil des Künstlererfolgs einem christlichen Skript verdankt, das nicht erst übersetzt, geschweige denn dekodiert werden muss, das ganz ohne versteckte theologische Geheimnisse religiöse Heimatgefühle vermittelt.
Was die Gesten zu bedeuten haben, wirkt unmittelbar anschaulich. Es gibt keine Rätsel bei Correggio. Schwerelos schweben die nackten Putten an den korinthischen Säulen des Marienpalastes vorbei, und die Heiligen an der Basis der himmlischen Pyramide scheinen vor lauter Marien-Anschauung in Trance verfallen. So geht es völlig entspannt zu, und Anspielungen auf schlimme Märtyrerschicksale werden tunlichst vermieden. Selbst bei der Kreuzabnahme überstrahlt die gemeinsame Trauer den Schrecken des Ereignisses.
Correggio war kein Malerrebell, kein Revolutionär. Er verarbeitet die Renaissance-Muster ungemein suggestiv, ohne in die frühbarocke Emphase zu verfallen. Die Ausstellung macht das großartig anschaulich. Allein die Werkfülle ist eine Sensation. Und dass so viele Museen ihre Bilder nach Dresden geliehen haben, belegt das wissenschaftliche Interesse an einer Correggio-Darstellung, die es so noch nie gegeben hat. Vollends die zahlreichen Detailuntersuchungen mit Zeichnungen, Dokumenten und Beispielen aus der Künstlernachbarschaft komplettieren das Panorama. Und wie sehr der Correggio-Stil Schule machen sollte und wieder und wieder erinnert worden ist, belegen die ungezählten Kopien seiner großen Altarbilder.
Vor allem die „Madonna des heiligen Sebastian“ hat als akademische Malaufgabe bis ins späte 19. Jahrhundert immer wieder treue Dienste geleistet. Und es spricht schon für das unverbrüchliche Einverständnis mit dieser Art von Malerei, dass es nicht zuletzt die Malerinnen waren, die dem Correggio-Lächeln auf die Spur kommen wollten. Dresdener Künstlerinnen wie Charlotte Amalia Schwerdgeburth oder Augusta von Buttlar, die sich mit Feinstsinn in das hauchzarte Glück des Familientreffens am überirdischen Mariensitz eingefühlt haben. Den „Putto mit Kirchenmodell“, den die enthusiasmierte Kollegin im Jahr 1834 nachgezeichnet hat, hätte der Meister unverzüglich ins Programm mit aufgenommen.
„Correggio. Berührend menschlich“, bis 10. Januar 2027, Gemäldegalerie Alte Meister im Zwinger, Dresden