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„Österreich ist frei“ – und Fortschritt eine Katastrophe

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So viel Elfriede Jelinek ist selbst in Wien selten. Kurz vor dem 80. Geburtstag der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin hat das Burgtheater die Spielzeit mit „Unter Tieren“ eröffnet, dem neuesten Text der für ihre geschliffenen Wortkaskaden berühmten Schriftstellerin. Und nun bringt das Volkstheater gleich vier Jelinek-Stücke an einem Abend auf die Bühne. Mit dabei: die 88‑jährige Emmy Werner, die zwischen 1988 und 2005 das Volkstheater leitete und Jelinek in Wien durchsetzte. Damals wurde Werner auf offener Straße beschimpft und angegangen. Heute tritt sie als melancholischer Engel der Geschichte auf, der den Fortschritt als Katastrophe beklagt.

Geschichte als fortgesetzte Katastrophe ist das, worum es in „Die Ankunft“ geht. Es beginnt in den Höhen von Dichtung und Philosophie. Die Sprache ist das Haus des Seins, sagt Martin Heidegger. In diesem Haus steht das glänzende Ensemble anfangs auf dem Dach. Man zitiert Hegel und Hölderlin, man ist – wie der Titel des ersten Stücks besagt – im „Wolken.Heim“. In den Geisteshöhen zeigen sich jedoch erste Spuren des Ungeistes. Der philosophische Diskurs kreist stets um das Eigene. Wer stört, ist der Andere. Der Fremde, der verbannt, vertrieben oder vernichtet werden muss. Man will bei sich bleiben. Unter sich. Die Rede steigert sich zum aggressiven Geschrei und Gebrüll.

Vom Dach geht es zu den Fundamenten. In „Rechnitz (Der Würgeengel)“ schreibt Elfriede Jelinek über das Massaker von Rechnitz im Frühjahr 1945. Kurz bevor die Rote Armee eintrifft, erschießt eine Festgesellschaft fast 200 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. Die Leichen wurden vermutlich verscharrt, das Massengrab wurde bis heute nicht gefunden. Regisseur Jan Philipp Gloger, in seiner zweiten Saison als künstlerischer Leiter des Volkstheaters, lässt die Botenberichte in „Rechnitz“ konsequent von Bediensteten vor dem Vorhang spielen. Das Grauen ist so wenig zu sehen wie die Täter. Doch als einer der Diener minutenlang wortlos einen Spaten ganze 180-mal auf den Bühnenboden knallt, kommt man dem erschreckenden Geschehen im Fühlen so nah, wie es im Theater geht.

Für das Erdgeschoss hat Bühnenbildnerin Marie Roth einen weißen Ruheraum entworfen. Das siebenköpfige Ensemble – Andrej Agranovski, Tjark Bernau, Elias Maria Burckhardt, Katharina Kurschat, Josef Mohamed, Maximilian Pulst und Anna Riesner – ist im Wellnessbereich gelandet. Man hüllt sich in kuschelige Bademäntel und wedelt mit hellen Handtüchern (Kostüme von Franziska Bornkamm und Anna Lechner). Wie eine Schicht aus Watte senkt sich das blendende Weiß auf den dunklen Bühnenboden und über die Toten herab. Eine Schicht aus Schweigen, die sich über die Verbrechen legt, bis – schlimmer noch? – kurz darauf das „Sündenstolz“-Geplapper einsetzt.

Nächstes Stockwerk, nächstes Stück. Jetzt ist „Das schweigende Mädchen“ dran, Jelineks Text über die rechtsterroristische Gruppe des NSU und alles drumherum, inklusive höchst verdächtiger Verfassungsschutzaktivitäten und der an umfassender Aufklärung nur wenig interessierten Justiz. Das Bühnenbild zeigt die ausgebrannte Wohnung von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe in Zwickau. Gloger wechselt jetzt zum Genre der grotesken Farce. Das ist einerseits ein pointierter Kommentar zum Agieren verschiedener staatlicher Organe im Umgang mit dem NSU-Komplex, kann andererseits aber auch als Hinweis auf den berühmten Ausspruch von Marx verstanden werden, dass sich die Geschichte nach Hegel wiederholt – einmal als Tragödie und einmal als Farce.

Im letzten Teil „Das Lebewohl – nein: Die Ankunft“ wird das Motiv aus Wiederholung und Farce auf die Spitze getrieben. Das Ensemble trägt nun Slim-Fit-Anzüge und ist unschwer als eine rechtspopulistische Politikertruppe zu entschlüsseln. Es läuft der mit KI generierte „Remigrationssong“. „Österreich ist frei“, schallt es durch den Saal. „Remigration, hip, hip, hurra!“ Links ist vorbei, tönen die hippen Rechten siegesgewiss: „Kein Arbeiter bewegt sich noch in dieser Bewegung. Und wenn, dann hin zu uns.“ Glogers Regie bleibt präzise und kippt nicht ins Karikierende oder Dämonisierende. Unheimlich an der Truppe ist nicht, dass sie verkappte Wiedergänger der Nazis wären, sondern dass sie in ihrer ausgestellten Banalität die perfekten Bewohner dieses deutschen Katastrophenhauses sind, das am Ende in voller Größe zu sehen ist.

„Die Ankunft“ ist nicht nur eine Erkundung der historischen Architektur Deutschlands und – auch – Österreichs, sondern zugleich eine Reise durch Jelineks Werk entlang des Motivs der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit. Es sind fast 40 Jahre, die Gloger und seine Dramaturgie mit diesem klugen Jelinek-Medley durchschreiten – von dem 1988 uraufgeführten „Wolken.Heim“ über „Rechnitz“ von 2008 und „Das schweigende Mädchen“ von 2014 bis zu „Die Ankunft“, erst voriges Jahr überarbeitet. Man erlebt Jelinek als eine kritische Kommentatorin des Zeitgeschehens, die immer auf die geschichtliche Gesamtstatik einer Gesellschaft blickt. Genau deswegen wurden ihre Werke früher so stark abgelehnt, während sie heute weitgehend anerkannt sind.

Eine frühere Version von „Die Ankunft“ hatte Gloger bereits an seiner früheren Station als Schauspieldirektor in Nürnberg zur Aufführung gebracht. Den Textflächen von Jelinek setzt der 44-jährige Regisseur szenische Klarheit entgegen. Eine Redramatisierung, die vor allem bei „Rechnitz“ eindrücklich aufgeht, aber auch insgesamt einen Kontrapunkt zu der postdramatischen Verspieltheit darstellt, wie sie Nicolas Stemann mit „Unter Tieren“ praktiziert. So kann man in Wien zurzeit die Facetten von Jelinek entdecken, von der unermüdlichen Geschichtswühlerin bis zur Sprachpirouetten drehenden Gegenwartskritikerin. Jelinek ehrt man noch immer am besten, indem man sie spielt.

„Die Ankunft“ läuft am 7., 9. ,11., 15. und 20. Oktober 2026 im Volkstheater Wien.