Spannungsreiche Uraufführung in der Elbphilharmonie
Mit einer so spannenden wie gelungenen Uraufführung eröffneten die Robert-Schumann-Philharmonie bei ihrem Debüt in der Elbphilharmonie und Ksenija Sidorova am Samstag das Hamburger Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF), das bis Ende August eine ganze Reihe weiterer Konzerte auch in der Hansestadt umfasst. Zum ersten Mal gespielt wurde das „Konzert für Akkordeon und Orchester“, dass der türkische Pianist und Komponist Fazil Say für die lettische Akkordeonistin geschrieben hat. Das war schon deshalb ein Glücksfall, weil nur wenige Spitzensolisten technisch überhaupt in der Lage wären, dieses Werk zum Klingen zu bringen.
Die Grenzen des Instruments auslotend
Says Konzert, im Grunde eine kleine Sinfonie, spiegelt nicht weniger als den Zustand der Welt. Der ständigen Sehnsucht nach Frieden und Harmonie kommen in diesem aktuellen Werk der Klassik mit weltmusikalischen Einflüssen zum Ausdruck, mal überlagert von, immer wieder durchbrochen durch Dissonanzen und rhythmische Störungen. Dann wieder gelingt es über ungewöhnliche Instrumentierungen im Orchester, das streckenweise an eine Bigband erinnert, deren Sound weit mehr umfasst als Swing, völlig neue Hörwelten zu erschließen. Mindestens ebenso ungewöhnlich: Sidorova schlägt zwischendrin den Takt mit beiden Händen auf dem Blasebalg – wobei der sich als nicht so richtig geeignet erweist.
Mit einem „Moderato cantabile quasi Allegro“ stürzt sich das Akkordeon über eine mehrminütige Einstiegssequenz allein ins Stück. Sidorova lotet die Grenzen des Instruments dabei vom Tonumfang bis zur Klangvielfalt aus. Das Orchester stimmt schließlich ein und lässt das Publikum im zweiten Satz, dem „Andante con moto“, kurz durchatmen, bevor sich der Dialog mit dem Akkordeon – das mitunter wirkt wie ein ganzes Gegenorchester – wieder intensiviert, im „Scherzo. Allegro vivace – Trio“, bevor dann beide im „Finale“ den Tanz auf dem Vulkan beschwören.
Von Wilhelm Stenhammar bis zu Sergei Voitenko
Im Anschluss an die Uraufführung spielte Sidorova als Solo-Zugabe das Akkordeon-Stück „Revelation“ von Sergei Voitenko. Der russische Komponist verbindet in seinen Arbeiten traditionelle Folklore-Elemente mit modernen Klängen. Seine „Revelation“ („Offenbarung“) ist ein gefühlvoll und zauberhaft Zuversicht verbreitendes Lied ohne Worte, das fünf Minuten währt und tagelang in der Seele nachklingt.
Zuvor hatte die Robert-Schumann-Philharmonie unter ihrem Chefdirigenten Benjamin Reiners, der das Orchester mithilfe ganz großer Gesten tanzend leitet, mit der Konzertouvertüre „Excelsior“ von Wilhelm Stenhammar das Konzert eingeleitet und damit passend auf die Uraufführung eingestimmt. Das vor 130 Jahren komponierte, stürmische Werk liegt Reimers, ehemals Generalmusikdirektor am Theater Kiel und nun am Theater Chemnitz. Bei Says Konzert kamen der Dirigent und die Robert-Schumann-Philharmonie dann an ihre Grenzen.
„Die Große“ von Franz Schubert zum Abschluss
Zum Abschluss des Elbphilharmonie-Konzerts führte das Orchester dann unter Reimers Leitung souverän die Sinfonie Nr. 8 C-Dur von Franz Schubert auf, „Die Große“, die auch im großen Saal des Hamburger Wahrzeichens an der Elbe groß wurde, ein rundum gelungener Abschluss, der ein erfülltes Publikum in ein Kontrastprogramm entließ, die Nacht des Hamburger Schlagermoves mit ihren unvermeidlichen „Hossa“-Rufen und allerlei Schlagergesängen gut gelaunter, zum Teil offenbar leicht angeheiterter Schlagerfans.
Derweil Sidorova am ersten Wochenende des SHMF in der Elbphilharmonie glänzte, spielte die Cellistin Anastasia Kobekina gemeinsam mit dem Residenzorchester des Hamburger Konzethauses, dem NDR Elbphilharmonie Orchester, in der Musik- und Kongresshalle zu Lübeck das erste offizielle Eröffnungskonzert. Unter Leitung von Karina Canellakis erklangen das Cellokonzert h-Moll von Antonín Dvořák und die Sinfonie Nr. 1 D-Dur „Titan“ von Gustav Mahler. Das Programm wird am 5. Juli um 20 Uhr erneut gespielt.
Sidorova als Porträtkünstlerin beim SHMF
Sidorovas Programme haben auch nach dem Auftakt in der Elbphilharmonie beim SHMF, wo sie als Porträtkünstlerin in 18 Konzerten ihr breites Repertoire voll ausspielen kann, darunter Transkriptionen bekannter Werke, die sie zum Beispiel mit dem Mandolinisten Avi Avital aufführt, der den Part der Geige übernimmt. Sidorova ersetzt das Klavier. Auch die Programme „Ksenija Sidorova & Friends“ und „Voller Seele“, die sie gemeinsam mit dem Signum Saxophone Quartet bestreitet, sind bereits ausverkauft. Für den Abend „Akkordeon sinfonisch“ am 20. Juli in der Musik- und Kongresshalle (MUK) in Lübeck, gemeinsam mit dem Estonian Festival Orchestra unter Leitung von Paavo Järvi, gibt es noch Restkarten.
Neben Sidorova treten beim SHMF viele international gefeierte Künstler auf, darunter Jan Lisiecki, Yo-Yo Ma, Benjamin Appl, Daniel Hope, Hilary Hahn, Daniil Trifonov, Rolando Villazón, Midori und Grigory Sokolov sind mit von der Landpartie. Im Zentrum des Programms steht neben Sidorova die schwedische Hauptstadt Stockholm. Das SHMF präsentiert bis zum 30. August insgesamt 205 Konzerte in Schleswig-Holstein, Dänemark, Hamburg und nördlichen Niedersachsen. Das Budget beträgt 2026 rund 14 Millionen Euro, inklusive einer Förderung durch das Land Schleswig-Holstein in Höhe von knapp 1,2 Millionen Euro.
Prominente Solisten und namhafte Klangkörper
Neben den prominenten Solisten ist eine Reihe namhafter Klangkörper zu Gast, darunter neben dem NDR Elbphilharmonie Orchester die NDR Radiophilharmonie sowie das NDR Vokalensemble, das West-Eastern Divan Orchestra, das Swedish Radio Symphony Orchestra, das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, die Badische Staatskapelle, das Zürcher Kammerorchester sowie das Mahler Chamber Orchestra und das Aurora Orchestra.
Die Brücke zu Pop, Jazz, Folk, Literatur sowie Theater schlägt das SHMF unter anderem mit Gästen wie Nils Landgren, Michael Wollny, Martina Gedeck, der Jazzrausch Bigband, der Familie Flöz und Släpstick. Als prominentes Festival-Highlight bereichert die schwedische Band Roxette am 18. Juli in der Merkur Ostseehalle in Kiel das Programm.
Das volle Programm: shmf.de