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So tröstlich ist die Frage „Du, weißt du noch?“

· Culture

Einmal, da steht sie da. Lore heißt sie. Sie ist nicht mehr jung. Das Haus, in dessen Terrassentür sie steht, ist angenehm verwohnt, der Garten wuchert auf sie zu. Harry steht da. Er sprengt die Rabatten, ein Tank-Shirt einer Band hat er an, für das er eigentlich zu alt ist. Sie sind so lange verheiratet, dass sie ihre Ehe abschlagsfrei in Rente schicken könnten. Es ist Sommer. Die Sonne scheint, das Rotkehlchen zwitschert. Sie schaut ihn an. Er schaut zurück. Alles wird still. Verzweiflung ist da. Enttäuschung, Trauer.

Sie hat, das spürt er, einen der vielen Elefanten gefunden, die sich in ihrem Eigenheim im Berliner Südosten breitgemacht haben mit den Jahren. Den Beweis für eine Liebe, die Harry immer abgestritten hat. Jahrzehnte, fast ein ganzes Eheleben her. Drei Meter liegen zwischen ihnen vielleicht, Luftlinie, der Abgrund, der sich auftut zwischen ihnen, ist klaftertief. Sie können es einfach nicht fassen. Und sie lieben sich doch.

Andreas Dresens „Alte Liebe“ ist die sehr wahrhaftige Lebensendgeschichte von Harry und Lore. Elke Heidenreich und Bernd Schroeder haben die Romanvorlage geschrieben. Laila Stieler hat daraus das Drehbuch gemacht.

Lebensendgeschichten sind selten im Kino. Filme, in denen erzählt wird vom Älterwerden (nicht vom Sterben, davon gibt es genug), vom Ausscheiden aus dem Produktionsprozess, vom Abgehängt-, vom Langsamwerden, von den Veränderungen, die sich zwischen Menschen einstellen für ihr Leben und ihre Liebe, wenn sie nicht mehr das tun, was sie Jahrzehnte (vermeintlich) ausgemacht hat, wenn sie merken, dass ihre Kraft nachlässt. Der Anteil dieser Filme an der Jahresproduktion ist umgekehrt proportional zum rasant wachsenden Anteil ihrer potenziellen Zielgruppe an der Gesamtbevölkerung.

Engländer können solche Filme, haben eine ganz andere Tradition von Gesellschaftsdramen, von Geschichten über Menschen in der Schlusskurve des Lebens, denen sie Würde und Wert geben. Die Deutschen – vielleicht sollte man mal bei den vielen föderalen Filmförderanstalten nachfragen, warum das so ist – machen das alles nicht. Sie trauen sich offenbar nicht.

Die Schauspieler wären ja da, die sind auch nicht schlechter und nicht schlechter gealtert als die britischen. Die Rollen, die gibt es aber nicht. Jedenfalls zu selten im Kino. Das Erzählen von Menschen wie Harry und Lore vertrauen sie immer noch lieber statt der Leinwand dem Fernsehspiel am Mittwoch an oder der zentralen Herzgeschichten-Versendungsstelle am Sonntagabend. Da versammelt sich, so scheinen es die Verantwortlichen immer noch zu denken, sowieso die streamingunfähige Zielgruppe der Umdie-Siebzigjährigen um das vermeintlich letzte mediale Lagerfeuer, das ihnen geblieben ist, und wärmt seine alten Glieder.

Man kann sich als angehender Angehöriger dieser Alterskohorte angesichts der Unzahl von Geschichten, in denen jedes noch so abseitige Phänomen des gegenwärtigen Erwachsenwerdens dramatisiert wird, von der Filmindustrie ungefähr so alleingelassen vorkommen wie ein Jugendlicher in Südbrandenburg von den sogenannten Altparteien.

Eine Liebe wie ein alter Bademantel

Zurück zu Harry und Lore. Er ist pensioniert. Sie ist Bibliothekarin. Man könnte sie als gealterte 68er bezeichnen, ostdeutsche Variante. Sie pflegen ihre Vorurteile wie ihre Gesichtshaut. Er war mal Baurat – bevor er sich zu seinen Ritterspornen zurückzog. Sie organisiert Lesungen, könnte in Rente gehen, will es aber nicht, weil sie an dem hängt, was sie sich aufgebaut hat. Und weil sie Angst hat vor dem Leben, das dann kommt. Er verzauselt, kümmert sich – angetan mit einem verschossenen Bademantel – rituell um die Kaffeezubereitung am Morgen (100 Prozent Robusta), öffnet Bierflaschen mit der Handkante, pafft Zigarre und findet Lesungen doof. Ihre Liebe ähnelt seinem Bademantel.

Und wenn sie reden, was sie viel tun, folgt das der genauso lustigen wie todtraurigen Loriot’schen Mechanik. Sie wissen ganz genau, wie sie einander auf die nächstgelegene Palme bringen können. Sie könnten auch anders. Tun’s aber nicht. Und wahrscheinlich hätten sie so weitergemacht, vielleicht hätte sich einer von ihnen aus ihrer zunehmend versachlichten Romanze getrollt, wäre da nicht dieser Brief gewesen. Julia, die alleinerziehende Tochter von Lore und Harry, will (zum dritten Mal) heiraten, den Sohn eines aus dem Westen in Leipzig eingerittenen Immobilienmoguls.

Die Frage, ob sie da hinfahren sollen, wird zum Katalysator ihrer Beziehung. Ein Jahr lang begleiten wir Harry und Lore. Hören ihnen zu, hören besonders gern in die Stille zwischen ihnen, die lauter ist als das, was sie einander sagen. Ein wenig viel haben sie auszutragen. Ein ganzes (Liebes-)Leben und die Gedanken, was passiert wäre, wenn sie zwischendurch anders abgebogen wären, eine andere Liebe zugelassen hätten. Eine DDR-Geschichte. Die Geschichte der bürgerlich gewordenen Linken. Eine Literaturbetriebssatire. Die Geschichte einer Elternschaft. Und zweier Menschen, deren Verbundenheit niemals endet.

Man lacht, man weint

Manchmal sitzt man da und wird erschüttert bis ins Mark. Wenn Lore am Wannenrand hockt und ihre Mutter badet. Die Mutter, die wie ein stummer Beichtstuhl durch die Geschichte geschoben wird. Und sie ihr die Angst gesteht, die sie, die ihre Kräfte schwinden spürt, hat vor dem Alter und dem Leben, das sie auf sich zukommen sieht wie einen Wald von tödlichen Ritterspornen. Und sie verzweifelt weint. Und sich ihre in sich eingesperrte Mutter ihr auf einmal zuwendet.

Manchmal lacht man Tränen. Einmal sitzt da der Schriftsteller Clemens Meyer (er spielt sich selbst) beim Griechen. Bei der Lesung muss er die Flasche Whisky gekippt haben, die Lore ihm überreicht hat als Präsent. Über Baby-Calamares und Martini auf Eis ist er eingeschlafen. Lore ruft Harry zu Hilfe. Sie wissen nicht weiter. Da brüllt Harry dem Dichter, der sich mal furchtbar echauffiert hat darüber, dass er die Auszeichnung für den besten deutschen Roman des Jahres nicht bekommen hat, ins Ohr: „Und der Gewinner des Deutschen Buchpreises ist … Clemens Meyer.“ Der schreckt auf. Und schläft gleich wieder ein.

Andreas Dresen ist unter den deutschen Filmemachern der vielleicht beste Choreograf der Stille zwischen Menschen. Der beste Menscheneinfänger. Ein Gefühlswahrheitenfinder. Ein Gesten- und Blickeinstrumentalist. Das ist er auch in „Alte Liebe“. Wäre er aber nicht ohne Dagmar Manzel und Joachim Król. Die sind Lore und Harry. Und sie sind es wirklich. Sie beherrschen die hohe Kunst der beredten Blicke, des exakt rhythmisierten Schweigens, des uneigentlichen Redens. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man glauben, die hätten gemeinsam gelebt, was sie da spielen. Jim Broadbent und die herrliche Penelope Wilton hätten das auch nicht besser hinbekommen. Ein größeres Kompliment fällt mir gerade nicht ein.

Das Schöne an einer Langstreckenehe, sagt Harry irgendwann einmal, ist die Frage, die man nur jemandem stellt, den man länger liebt als alles andere auf der Welt: „Du, weißt du noch?“ Traurig geht man aus dem Kino, wenn die „Alte Liebe“ aus ist. Und sie ist aus am Ende, die Liebe. Und getröstet. Man lernt sehr viel. Fühlt sich ertappt. Und schaut die Liebe seines Lebens an. Und schwört sich einiges. Was, wird hier aber nicht verraten.