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So gefährlich ist KI für die Erinnerung an den Holocaust

· Culture

Abdul Mughees lebt vom Holocaust. Also, nicht nur. Der Pakistani hat Konten auf diversen sozialen Medien; wenn diese Konten genügend Visits, Likes und Follower generieren, können Leute wie Abdul von den Werbeeinnahmen leben, wie hiesige Influencer auch. Und zu den Themen, die viel Aufmerksamkeit und Geld generieren, gehören Bilder vom Holocaust.

Abdul weiß so gut wie Hollywood und die deutsche Filmförderung: Leidende Juden verkaufen sich gut. Ein Mädchen, das in Auschwitz Geige spielt. Opfer, die mit großen Augen in die Kamera schauen, bevor sie in die Gaskammer gehen. Abdul braucht keinen Archivzugang, um diese Bilder zu finden: Er schafft sie mithilfe Künstlicher Intelligenz. Sie unterscheiden sich von den wenigen echten Fotos aus den Lagern allenfalls durch ihre bessere Qualität.

Soll man Abdul und die vielen anderen Spammer verurteilen, die mit „AI Slop“, also KI-Schrott, ihren Lebensunterhalt verdienen? Zyniker könnten sagen, dass mit solchen KI-generierten Bildern das „Shoah-Business“, wie es Norman Finkelstein nannte, erst zu sich kommt. In einem Aufsatz für den „Spiegel“ über den „Holocaust-Boom“ in den USA klagte Henryk M. Broder schon 1993: „Ging es einst noch darum, an die Ermordeten zu erinnern und die Überlebenden zu trösten, so kommt es heute nur darauf an, mit viel Aufwand, Pomp und Hightech makabre Kultstätten mit pseudopädagogischem Anspruch zu errichten.“

Bald erreichte der von Broder kritisierte Trend Deutschland. Im Jüdischen Museum in Berlin wollten die australischen Ausstellungsmacher einen Käfig aufhängen, aus dem heraus Jud Süß – von einem Schauspieler dargestellt – den Besuchern sein Schicksal erzählen sollte. In einem anderen Raum sollten Blitze und Donner das kommende Unheil andeuten, während Albert Einstein und andere prominente deutsche Juden als belebte Puppen die Frage diskutierten, ob sie fliehen sollten. Aus Kostengründen verzichtete das Museum auf diese Installationen; mit KI-generierten Avataren wären sie heute ohne Weiteres zu verwirklichen.

Und die Avatare sind schon unter uns. Ausgerechnet die SPD, nicht gerade die technikaffinste unter den deutschen Parteien, provozierte den Widerspruch des jungen jüdischen Autors Tobias Ginsburg, als sie mithilfe von KI die Bundestagsabgeordnete Jeanette Wolff zum 50. Todestag wieder auferstehen und in einem Video über ihr Leben und die Lehren daraus sprechen ließ. Das SPD-Mitglied Wolff war eine Holocaust-Überlebende, die nach der Befreiung aus dem Lager in Deutschland blieb, um die Demokratie wieder aufzubauen.

Die KI-Animation sei „leb- und lieblos“, höhnte Ginsburg. „Eine robotisch animierte Fotografie, dazu stochastisch berechnete Wortfolgen, vertont von einem synthetischen Klangmodell – ein digitales Ungeheuer.“ Aber was, wenn sie anders gewesen wäre? Täuschend echt, rührend, von analog aufgenommenen, jammernden Klezmer-Geigen und schluchzenden Klarinetten untermalt? Wäre das besser gewesen? Oder noch schlimmer?

Längst werden die letzten lebenden „Zeitzeugen“ – ein Unwort, denn diese Menschen waren nicht, wie ihre arischen Mitbürger, „Zeugen“ des Verbrechens, sondern seine Opfer, auch wenn sie den Mordversuch überlebten – in aufwendigen Verfahren digitalisiert, sodass sie nach ihrem Tod weiter ihre Geschichten in 3D erzählen, ja sogar befragt werden können.

Der von Ginsburg zitierte Martin Sabrow ist da skeptisch. Durch die Digitalisierung gehe die besondere „Aura“ der Überlebenden verloren. Die „Aura“ ist ein von Walter Benjamin geprägter Begriff; sie soll im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst dem Original innewohnen oder es umgeben. Weshalb Millionen in den Louvre pilgern, um das Original der Mona Lisa zu sehen; zwar sieht man, wenn man endlich das Gemälde erreicht hat, vor fotografierenden Handys und schwitzenden Mitmenschen weniger, als würde man sich über eine gute Reproduktion beugen; aber man war da.

Ähnlich ist es in Auschwitz mit dem obligaten Handymotiv der Gleise und des Lagertors. Das Auratische ist aber nichts, was Menschen, Objekten oder Orten eigen ist: Wir schaffen sie, wir legen die Aura in sie hinein. Seit jeher pilgern die Menschen darum zu diversen heiligen Stätten, die ihrerseits durch die Pilgerschaft auratisch werden.

Was die EU verlangt, ist richtig und nötig

Der Weg ist nicht das Ziel, das ist New-Age-Geplapper, aber der Weg erst macht das Ziel wertvoll, ob es die Grabeskirche in Jerusalem ist, die Kaaba in Mekka, der Ganges bei Benares oder der Zebrastreifen vor dem Abbey Road Studio in London. Man versetzt sich durch die Reise und die Vorbereitung in eine Stimmung, die für die vermeintliche Aura empfänglich ist, und wenn man Glück hat, ist die Wirklichkeit nicht allzu enttäuschend. Oder wenigstens das Selfie ist halbwegs geworden. Wenn nicht, bessert man mit KI nach.

Die harmlose Täuschung ist nicht gemeint, wenn es im „Artificial Intelligence Act“ der EU heißt: „Wer ein KI-System einsetzt, das Bild-, Audio- oder Videoinhalte erzeugt oder manipuliert, die einen Deep Fake darstellen, muss offenlegen, dass die Inhalte künstlich erzeugt oder manipuliert wurden.“ Das ist richtig und nötig. Beim Jeanette-Wolff-Video der SPD unterblieb das, weshalb es auch inzwischen zurückgezogen wurde. Aber die schiere Menge des Materials und die Kultur des schnellen Likens und Weiterleitens sorgen dafür, dass die Grenze zwischen Fake und Realität verschwindet.

Deshalb sollten jene Institutionen, die auftragsgemäß und ernsthaft die Erinnerung an den Holocaust pflegen, auf die Versuchung verzichten, ihre Angebote durch KI aufzumotzen. Anne Frank spricht zu uns durch ihr Tagebuch, sie muss nicht als Avatar zu uns sprechen. Aber weder das Tagebuch der Anne Frank noch die Zeugnisse der Überlebenden können die Arbeit des intellektuellen Eindringens in das Geschehen ersetzen. Und das ist seit Jahrzehnten unterblieben.

Man sagt, dass erst die amerikanische TV-Serie „Holocaust“ den Völkermord an den Juden ins kollektive Bewusstsein der Deutschen gerückt habe. Das war 1979. Drei Jahre zuvor hatten deutsche Terroristen arabischen Terroristen geholfen, ein Flugzeug zu entführen und die jüdischen Passagiere anhand ihrer Nachnamen zu identifizieren. In den folgenden Jahren wuchs zusammen mit der Zahl der Antisemitismusbeauftragten, Holocaust-Lehrstühle, Mahnmale, Filme und Betroffenheitsbekundungen der israelbezogene Antisemitismus.

Auch die „Zeitzeugen“ konnten nicht verhindern, dass der Holocaust in eine Chiffre für das Böse verwandelt wurde, das regelmäßig, wie der Satan bei dem islamischen Hadsch, rituell gesteinigt wird. In beiden Fällen ohne Wirkung. Man könnte also sagen, dass die Trivialisierung des Massenmords, die Verschiebung der Reaktion in die für Betroffenheit zuständigen Areale der nationalen Psyche, mit der Holocaust-Serie ihren Anfang nimmt. Fortan ersetzen Filme die Auseinandersetzung, etwa im Unterricht: „Schindlers Liste“ zeigen, Mahnmal in Berlin besuchen, Holocaust abhaken. Und dann auf die Gaza-Demo, damit sich „das“ nicht wiederholt.

„Nie wieder“ bezieht sich immer auf ein Ereignis, das schon lange vor der jetzigen Digitalisierungswelle für alle außer den Opfern und ihrer Nachkommen unwirklich geworden war; der Stoff eben, aus dem sich tolle Filme machen lassen, schon allein, weil Nazis so sexy sind: Laurence Olivier als sadistischer KZ-Arzt Christian Szell, Ralph Fiennes als KZ-Kommandant Amon Göth, Christoph Waltz als Judenjäger Hans Landa und unzählige andere. Im Film sind die Deutschen immer noch die Herrenrasse.

Wollte man den Holocaust verstehen, müsste man die Faszination des Bösen verstehen, die sich fortsetzte und ebenso fortsetzt in der Begeisterung für Stalin, Mao, Che Guevara und die Terroristen der RAF und der Hamas wie in Björn Höckes Spiel mit Nazi-Symbolen und seiner Forderung nach einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad. Müsste man verstehen, weshalb der Hass auf Juden nach dem 7. Oktober 2023 sprunghaft anstieg. Gegen diese Faszination kommen weder Hannah Arendts Bonmot von der Banalität des Bösen noch die Aura der Überlebenden an. Und schon gar nicht KI-generierte Avatare. Das Verstehen beginnt erst, wo die schweigen.