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„Sie stehlen unsere Zeit“ – die wahre Kostenfalle der digitalen Banner

· Business

Das lästigste Ritual des Internets dauert 7,34 Sekunden. Wohl jeder kennt es: Beim Öffnen einer Webseite erscheint ein Banner mit dem Hinweis auf sogenannte „Cookies“, darunter zwei Schaltflächen, „Akzeptieren“ und „Einstellungen“, fast nie „Ablehnen“. Und während der Nutzer liest und grübelt, geht wertvolle Zeit verloren. Eben durchschnittlich 7,34 Sekunden, wie Ökonomen nun berechnet haben.

Was lässt sich da nicht alles erledigen? Man könnte eine SMS verschicken oder einen Espresso brühen. Usain Bolt läuft in dieser Zeit sogar rund 75 Meter! Cookie-Banner nerven nicht nur, sondern kosten auch Produktivität und verursachen wirtschaftlichen Schaden.

Sie sind unterschiedlich formuliert, stellen Besuchern von Webseiten am Ende aber stets dieselbe Frage: Darf ich Informationen über dich sammeln – was du dir anschaust, wie lange du bleibst, ob du schon mal da warst – und mit Werbefirmen teilen? Gemäß der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union muss jeder Nutzer um Zustimmung gebeten werden.

Sie stehlen Zeit, schaden der Wirtschaft – aber schützen die Banner den Nutzer wenigstens? Eine neue Untersuchung der Brüsseler Denkfabrik Bruegel zeigt: All die Banner sind – zumindest im Sinne des Datenschutzes – weitgehend nutzlos. Nur 15 Prozent erfüllen den Experten zufolge die Anforderungen der DSGVO. Häufigster Verstoß: Es fehlt eine echte Option zum Ablehnen. „Die Tools setzen oft auf Klick-Erschöpfung und Dark Patterns, um Besucher zur Weitergabe von Informationen zu drängen“, so Bertin Martens, Autor der Studie.

575 Millionen Stunden verschwendete Zeit

Mit Dark Patterns sind psychologische Tricks gemeint – etwa ein großer, grüner Button zum Akzeptieren neben einem kleinen, grauen zum Ablehnen. Oft wird die Option zum Ablehnen auch erst in einem zweiten Menü versteckt, dann steigt die Zustimmungsrate um fast 18 Prozent. Der Klick ist so nur noch ein digitaler Reflex. Informierte Einwilligung, wie sie die DSGVO vorsieht, kann man das kaum nennen.

Wenn nun – überspitzt gesagt – ein ganzer Kontinent tagein, tagaus sinnlos auf grüne Buttons klickt, hat das Folgen für die Wirtschaft. Der Schaden lässt sich schwer beziffern. Aber man kann sich einem Wert vielleicht grob nähern. Laut der Plattform Legiscope, die Firmen zu Fragen rund um die DSGVO berät, trifft ein Internetnutzer auf etwa 1000 Cookie-Banner im Jahr und verbringt fast eineinhalb Stunden damit, sie wegzuklicken. Legiscope rechnet zwar „nur“ mit fünf Sekunden pro Banner, aber auch so kommen alle EU-Bürger zusammen auf 575 Millionen Stunden. So entsteht der Plattform zufolge ein Schaden von mehr als 14 Milliarden Euro. Wissenschaftlich ist diese Rechnung nicht, doch sie bietet einen Anhaltspunkt.

Gibt es einen Ausweg aus der Cookie-Falle? Experten schlagen Browser-Erweiterungen vor, die jeder Webseite automatisch eine Ablehnung oder Zustimmung schicken. Das würde die 7,34 Sekunden dauernde Einzelentscheidung überflüssig machen. Und wir alle könnten mehr SMS schreiben und Espresso trinken.

Stefan Beutelsbacher ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet über die Wirtschafts-, Handels- und Klimapolitik der EU. Zuvor war er US-Korrespondent in New York.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.