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Serienmacher der Welt, schaut auf diese Frau

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Einmal müssen wir da noch durch. Müssen es unbedingt. Durch den Schlamm, den Scheißeregen, an den Häusern vorbei, die sich nur noch gerade so gegenseitig stützen und schimmlig schillern, und an den Menschen, die so müde aussehen wie ihre Häuser, ihre Straßen und so durchfroren, dass man eine Decke über sie werfen möchte.

Wir müssen da durch, unbedingt, weil aus dem Morast, aus dem Misthaufen des gesellschaftlichen, des moralischen Verfalls von Calder Valley in der Grafschaft Yorkshire die wahrscheinlich wahrhaftigste Geschichte gewachsen ist, die es gegenwärtig im Fernsehen zu schauen gibt. „Happy Valley“ heißt die Serie. Drei Staffeln gibt es, 24 Stunden Film. Von dieser Woche an kann man alle Staffeln – die dritte mit einer skandalösen Verspätung von drei Jahren – auf Arte sehen. Sie erzählen von fast zwanzig Jahren in Calder Valley und von einer geradezu archaisch sich immer unentrinnbarer in einem blutigen Netz aus Schuld und Gewalt verstrickenden Familie.

Sally Wainwright hat den Cawoods das angetan. Sie ist die Drehbuchautorin und wäre ein Grund, von hier aus Gebühren an die BBC zu überweisen. Wainwright, Jahrgang 1963, stammt aus Huddersfield/Yorkshire. Sie kennt wahrscheinlich jede Kurve der Gegend, jede Steinmauer, kennt die Geschichten vom Verfall und vom Elend, kennt die Menschen, die da sind und bleiben und nicht aufgeben wollen, obwohl ihnen die Depression wie Blei an der Seele hängt.

„Shed Your Tears and Walk Away“ hieß Jez Lewis’ legendäre Dokumentation über den Glanz und das Elend seiner Heimatstadt Hebden Bridge, das Wainwright auf die Spur von „Happy Valley“ brachte. Hebden Bridge/West Yorkshire gilt als Lesbenhochburg und Künstlerstadt. Aber irgendwas frisst die Leute auf: Perspektivlosigkeit, Einsamkeit. Mit der Pest vergleicht Lewis die gefräßige gesellschaftliche Seuche, der in Hebden Bridge so viele zum Opfer fallen.

In Calder Valley ist das nicht anders. Glücklich nennen es nur die Polizisten in Halifax, das ist die nächste größere Stadt. Und es ist ein bitterer Scherz, weil so viele Alkohol brauchen und Happy Pills, um durchzuhalten, bestehen zu können gegen die Verrohung, die Vereinsamung, die Gewalt, die über sie hereinbricht und aus ihnen herauswächst.

Wainwright hat Verfallssymptome gesammelt, in finstere Lichterketten von Geschichten verwandelt und hängt sie ins Geäst des Cawoodschen Familienstammbaums. Und wenn man erzählt, was da alles hängt, kann man kaum glauben, dass der nicht spätestens nach der ersten Staffel aussieht wie eine Weihnachtstanne an Karneval. Tut er aber nicht.

„Happy Valley“ ist eigentlich die Legende von Catherine Cawood. Sie ist Sergeant bei der Polizei. Sie war mal bei den Kriminalern, da hat ihr aber der Kontakt zur Straße gefehlt. Catherine ist eine Wucht von Frau, die wahre englische Rose, jeder, der mal in Britannien war, kennt eine Catherine.

Stämmig, mit Mut zur Unförmigkeit in ihrer schusssicheren Uniform, schiebt sie sich durch die Geschichte. Schroff und verletzlich, geradeheraus, ein Authentizitätsmonster, eine Menschlichkeitsmaschine. Sie kann mit ihren Blicken Mauern einreißen und alle Wolken vom Himmel über Yorkshire vertreiben. Sarah Lancashire ist Catherine Cawood. „Happy Valley“ wäre nichts ohne sie.

Aber zurück nach Yorkshire. Hätte alles gut gehen können. Wäre da nicht Tommy Lee Royce gekommen wie eine göttliche Prüfung. James Norton ist Tommy Lee Royce, er ist das leise Böse, das gewalttätige süße Gift in „Happy Valley“. Royce hat Frauen wie Dreck behandelt. Machte Catherines Tochter Becky abhängig, vergewaltigte sie, schwängerte sie dabei.

Becky hat das Kind ausgetragen, Ryan heißt ihr Sohn. Und dann hat sie es nicht ausgehalten, die Vergewaltigung nicht und nicht, die Mutter eines Kindes der Gewalt zu sein. Becky hat sich umgebracht.

Legenden aus der finsteren Provinz

Gegen den Willen aller in der Familie hat Catherine Ryan aufgenommen, den Jungen, den keine Schuld trifft. Dann ging alles in die Brüche. Catherines Ehe. Catherines Verhältnis zu ihrem Sohn, zu ihrer trockenalkoholsüchtigen Schwester. Sie überwachen jede Regung von Ryan, dass er nur ja nichts Royce’sches ausbrütet, weil ja Gewalttätigkeit genetisch sein könnte (was sie nicht ist). Halten ihn fest, bis er keine Luft mehr bekommt.

Royce wird verhaftet, kommt wieder raus. Vertrottelte Verbrecher taumeln durch die Geschichte. Ermittlungen ziehen sich hin. Die Dialoge sind so trocken wie genial. „Happy Valley“ versammelt das Beste aus „The Wire“ und „Fargo“ und einem halben Dutzend anderer Legenden aus der finsteren Provinz. Und mit jedem noch so funzligen Lichtchen ihrer Geschichtenkette leuchtet Wainwright neue Abgründe aus, lässt Strukturen leuchten.

Wie Gewalt entsteht, weitergegeben wird, wie Gewalt alles verändert, was Gewalt mit Frauen macht, was Drogen mit einer Gesellschaft machen. Nichts ist zufällig in Wainwrights Büchern, alles perfekt gebaut und trotzdem ein ganz großes Menschentheater.

Und immer wieder tut sie genau das nicht, was man von ihr erwarten würde, und tut genau das Richtige. Das Finale ihrer Trilogie beginnt im Regen, im Morast. Dann wird es immer klammer. Royce sitzt mit finsterer Jesushaftigkeit im Knast. Und fängt wie ein mörderischer Eichenprozessionsspinner an, Ryan zu umgarnen.

Eine Leiche wird in einem trockengelegten Baggersee gefunden. Ryans Sportlehrer schlägt seine Frau. In seinem Haus ist es so gefühlskalt, dass seine jüngste Tochter ihre Daunenjacke nie auszieht. Ein Apotheker versorgt die Müden und Verladenen mit Pillen und stolpert – eine mörderische Witzfigur, wie Wainwright sie liebt – immer tiefer in ganz andere Abhängigkeiten. Catherines Familie kommt zusammen und fliegt wieder auseinander.

Manchmal ist es schon sehr witzig. Manchmal sieht Yorkshire aus wie das Auenland. Es gibt natürlich einen Showdown. Aber einen aus der Erwartungsunterlaufmaschine der Sally Wainwright. Royce ist da. Und Catherine ist da. Und ein Tisch. Zwölf Minuten dauert das Duell. Es fällt kein Schuss. Es schießen die Sätze durch Catherines Küche. Es ist keiner tot danach.

Nichts ist zu Ende. Jeder ist allein. Glückspillen – das immerhin darf man verraten – braucht man am Ende trotzdem nicht. Man hat ja Sarah Lancashire für immer bei sich. Und eine Serie, die wie ein Urmeter ist für alles, was kommt auf dem Mehrteiler-Markt.