Seinen Kampf gegen diesen Latino hat Donald Trump längst verloren
Auffällig viele junge Menschen im ICE 640, der sich ohne große Verzögerungen nach Düsseldorf bewegt. Auch Latinos und Latinas dabei? Sí, claro! Jede Menge sogar. In wenigen Stunden sehen sie ihren Helden auf der Bühne, der Botschafter ihres Kontinents geworden ist. „Bei mir an der Uni in Berlin hören viele deutsche Studenten Bad Bunny. Das macht mich stolz“, sagt Laura, 22 Jahre alt, zwischen Waggon 8 und 9 auf Höhe von Bad Oeynhausen.
Ihr Vater stammt aus Kuba, ihre Mutter aus Kolumbien. Aufgewachsen sei sie in Hildesheim. Immer schon habe sie offensiv zu ihren südamerikanischen Wurzeln gestanden, aber jetzt, 2026, hat sie auch das popkulturelle Momentum auf ihrer Seite. Einer der weltweit größten Stars ist Latino. „Bad Bunny hat den afrokaribischen Rhythmus Plena weltbekannt gemacht. Ich liebe den!“, schwärmt auch Lauras Sitznachbarin Dominique, die ebenfalls zum Konzert fährt.
Am Hauptbahnhof Düsseldorf dasselbe Bild. Ein junger Mann mit Braids zieht seinen Rollkoffer hinter sich her: „Bad Bunny repräsentiert auch mich, ich bin Dominikaner!“ Stolz klopft er sich auf die Brust und zieht weiter ins Hotel, wo er sich noch einmal frischmachen will. Brasilianische, kolumbianische und puertoricanische Flaggen sind um die Hüften junger Menschen gewickelt. Sie haben Bandanas auf den Haaren und Glitzer im Gesicht.
In der Schlange eines Zeitschriftenladens steht ein mexikanischstämmiger Franzose, der eine Flasche Wasser kauft. „Bad Bunny ist auf seinem Höhepunkt. Das muss ich einfach sehen.“ Die Fahrt aus Lyon, die 120 Euro für das Ticket – natürlich war ihm das alles wert. „Sein letztes Album hat sich tief in mein Herz eingebrannt. Wenn ich es höre, fühle ich mehr als nur den Willen, zu tanzen. Ich habe gemerkt, warum ich Südamerika liebe“, sagt Joseto. Dann lästert er über Donald Trump: „Bad Bunny zeigt Trump, dass die USA nicht nur weiß sind.“
„Affront gegen die Großartigkeit Amerikas“
Bad Bunny und Trump, da war doch was. Also schon mehrmals, aber im Februar dieses Jahres eskalierte der Streit. Bad Bunny bekam nach Jahren, in denen er von Hit zu Hit eilte, einen Grammy für sein Album „DeBÍ TiRAR MáS FOToS“ (zu Deutsch: „Ich hätte mehr Fotos machen sollen“). Es war das erste Mal, dass ein Grammy an eine rein spanischsprachige Reggaeton-Produktion ging. Donald Trump schäumte vor Wut und bezeichnete die Grammys als „Müll“. Knapp eine Woche später stieg der Puls des US-Präsidenten abermals an. Er musste mit ansehen, wie Bad Bunny die Halbzeitshow beim Super Bowl bekam. Vier Milliarden Menschen haben den Auftritt in den ersten 24 Stunden gesehen. Trumps Reaktion: „absolut fürchterlich“ und ein „Affront gegen die Großartigkeit Amerikas“.
Dabei ist Bad Bunny, der bürgerlich Benito Antonio Martínez Ocasio heißt, auch US-Amerikaner. Aber er stammt eben aus Puerto Rico, karibisches Außengebiet der USA. Die 3,2 Millionen Einwohner der Insel haben nicht die gleichen Rechte wie ihre US-amerikanischen Landsleute und dürfen nicht an der Präsidentschaftswahl teilnehmen. Bad Bunnys Beharren auf der spanischen Sprache macht ihn für viele zum Gegenentwurf zum klassischen Bild der USA. Er steht für das stetig wachsende Selbstbewusstsein des lateinamerikanischen Kontinents, der koloniale Überbleibsel nicht mehr hinnehmen will.
Die Halbzeitshow beim Super Bowl war dann das technische K.o. für Trump. Bad Bunny baute auf der Bühne die Alltagswelt eines Puerto-Ricaners nach. Komparsen verkauften kaltes Kokoswasser und spielten in offenen Blumenhemden Würfelspiele. Und natürlich tanzten wieder viel zu schöne Menschen in seinem Rücken, während Bad Bunny den Hüftschwung auspackte. Das lateinamerikanische Lebensgefühl strahlte vor aller Augen und die MAGA-Bewegung wirkte wie der letzte griesgrämige Spießerverein.
„Benitooooo“ hallt es durch die mit 50.000 Fans gefüllte Arena in Düsseldorf. Es dauert nur wenige Minuten, bis Bad Bunny einen seiner frühen Hits – „Callaíta“ – spielt. Er war damals noch ein anderer Mann. Pubertär und albern vielleicht: „Sie ist schüchtern, aber beim Sex verzogen, ich weiß“, heißt es auf „Callaíta“. Bad Bunny sah da nach einem Schlitzohr aus mit seinem Buzzcut und den schweren Halsketten, sein jugendlicher Charme und Witz waren unübersehbar. Schwer zu sagen, ob es einen Mann auf dieser Welt gibt, der einen besseren Flirt-Blick draufhat als er. Die Erotik, die Bad Bunny weiterhin ausstrahlt, muss jeden Menschen in tiefe Verzweiflung stürzen. Zwangsläufig muss er sich fragen, ob er sein ganzes Leben zu asexuell war.
Seinen ausgebufften Posen hat er in den vergangenen Jahren neue Facetten hinzugefügt. Er ist ernsthafter im politischen Sinne geworden. Auch optisch hat sich was getan. Bad Bunnys Bewegungen wirken feiner. Auch Ballerina-Schuhe und lackierte Fingernägel gehören nun gelegentlich zu seinen öffentlichen Auftritten. Seine Heterosexualität ist für Bad Bunny keine unumstößliche Realität, betonte er vor Kurzem, sie könne sich jederzeit ändern. Bei Bad Bunny wirkt alles so irre kokett und verspielt, dass man nicht anders kann, als zu sagen: In ihm hat die manische Suche unserer Gegenwart nach dem neuen Typus Mann ihr Ende gefunden.
Die Merkur Spiel-Arena in Düsseldorf ist nun längst ein Tollhaus. Die Sitzplätze sind keine mehr, alle stehen und tanzen. Auch eine junge Sicherheitskraft vor den Eingängen lässt ihre Arbeit ruhen, wagt den Schritt in die Arena und sagt: „Oh mein Gott, er ist so toll!“ Selbst der Rettungssanitäter wippt mit den Hüften. Mit „Baile inolvidable“ liefert Bad Bunny den ersten großen Höhepunkt des Abends, den der Keyboarder furios einleitet. An dieser Stelle könnte man eine ellenlange Textexegese machen, aufdröseln, wie Bad Bunny in diesem Song wieder bewusst puertoricanischen Slang benutzt, und diskutieren, ob „Tanzen“, um das es hier auch geht, nur seine Metapher für das Leben ist, aber: Es ist vielleicht gar nicht so wichtig. Bei Bad Bunnys lateinamerikanischer Musik werden Deutsche gezwungen, einfach mal zu fühlen.
Das hat religiöse Züge
Das Gefühlsregister seiner Musik ist groß. Während seiner Lieder fühlt man sich in einem Moment ergriffen, dann agitiert und ermächtigt, dann wieder getröstet. Das liegt auch daran, dass Bad Bunny zwischen sich und dem Leben keine Plexiglasscheibe gebaut hat. Alles ist pur. Nach der Konzertpause performt er auf einer aufgebauten, pinkfarbenen Finca, kaut arrogant auf seinem Kaugummi, während die Menge abgeht, um dann, mit gnädigem Lächeln zu den Fans in der ersten Reihe hinunterzugehen. Was dann passiert, hat religiöse Züge. Der Messias schüttelt minutenlang Hände in der plötzlichen Stille der Arena. Er umarmt einen kleinen Jungen, dann eine alte Dame. Einen Teenager, der sein Glück nicht fassen kann, zieht er aus der Menge auf die Bühne. Bad Bunny flüstert ihm etwas ins Ohr, es wirkt väterlich. Dann darf der Teenager den nächsten Song ansagen. Er schreit um sein Leben und die Halle mit.
Es ist fast beängstigend, zu sehen, wie viel Energie in einem menschlichen Körper steckt. Es zählt zu Bad Bunnys Verdiensten, uns die Angst vor dieser Naturkraft zu nehmen. In einer Sitzreihe liegen sich jetzt zwei Freunde in den Armen und weinen. Sie bekommen sogar noch eine Zugabe. Dann gehen sie zusammen mit 50.000 anderen Fans wieder in den Düsseldorfer Nachthimmel, der nach dröhnender Hitze ein Gewitter beschert.