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Kathmandu/Peking – Der Mittwochmorgen im Himalaya beginnt mit schönem Wetter. In den Orten entlang der Flüsse startet der Arbeitstag auf den Märkten. In Timure warten Fahrzeuge und Lastwagen am Grenzzoll. Reisegruppen sind zum heiligen Berg Kailash unterwegs. Hunderte Pilger und Wanderer halten sich wegen eines bevorstehenden religiösen Festes im Gebiet des Gosaikunda-Sees auf. Arbeiter legen in den vielen Wasserkraftwerken der Region los. Am Sitz der Distriktverwaltung scheint die Sonne. Dann kommt die Flut.

Nach dem Kollaps eines Gletschers rast eine tödliche Mischung aus Wasser, Eis, Schlamm und Felsbrocken durch die engen Täler an der Grenze zwischen Nepal und China. Sie staut kurz den Lhende Khola, schießt dann mit noch mehr Energie durch den Fluss Bhote Koshi und anschließend in den Trishuli. Fast 170 Kilometer soll sich die Katastrophe durch das Flusssystem gezogen haben. Wissenschaftler vergleichen ihre Wucht mit einem Tsunami im Landesinneren. Es gab mehr als 270 Tote, die Zahl der Vermissten stieg zuletzt auf 1500 an. Doch warum waren in dieser vermeintlich abgelegenen Hochgebirgsregion so viele Menschen unterwegs?

Im Tal pulsierte das Leben

Das Tal ist dünn besiedelt, aber: Durch den engen Korridor führt eine der wichtigsten Straßen zwischen Kathmandu und Tibet. Über Rasuwagadhi und den chinesischen Grenzort Gyirong reisen Pilger zum Kailash und zum Manasarovar-See – zwei heiligen Stätten für Hindus und Buddhisten. Gleichzeitig waren Hunderte Nepalesen zum Gosaikunda-See unterwegs, wo das religiöse Fest Janai Purnima gefeiert werden sollte. Dazu das alltägliche Gewimmel aus Händlern, Arbeitern, Lasterfahrern und Beamten.

Sturzflut ohne Vorwarnung

Die Flut traf sie praktisch ohne Vorwarnung. Es gab keinen Dauerregen, der die Bewohner hätte warnen können. Im Distrikt Rasuwa schien nach Angaben der Verwaltung die Sonne. Die Gefahr entstand rund 5 Kilometer oberhalb der Siedlungen. Als die Welle Timure erreichte, blieb kaum Zeit zur Flucht. Weiter flussabwärts stieg der Pegel des Trishuli an einer Messstation innerhalb von nur 30 Minuten um bis zu neun Meter.

Erschütterung in Deutschland messbar

Die Erdstöße beim Abrutsch wurden auch in Mitteldeutschland erfasst. Obwohl es sich nicht um ein klassisches Erdbeben handelte, heißt es von einem Sprecher des Helmholtz-Zentrums für Geoforschung: „Wir konnten die Erschütterung sogar in Sachsen-Anhalt mit unseren Messgeräten registrieren.“ Die Station steht in Flechtingen nahe Magdeburg.

In einem Post bei der Plattform „X“ ordnet Kyang Thang, langjähriger Beobachter des tibetischen Hochlands, die Größe des Bruchstücks und die Wassermassen ein. Er schreibt: „Die Gletscherfront, die eingestürzt ist, ist etwa 1,5 km breit und 1,4 km hoch. Allein die Höhe entspricht fast dem Doppelten des Burj Khalifa.“ Das höchste Gebäude der Welt steht in Dubai.

Timure und der Grenzbereich von Rasuwagadhi wurden bei der Naturkatastrophe schwer verwüstet, auch Syabrubesi und Dhunge Bazaar traf die Flut. Häuser verschwanden unter Schlamm, Fahrzeuge wurden begraben oder fortgerissen. Straßen und Brücken brachen weg. Strom- und Kommunikationsverbindungen fielen aus.

Darum ist die Vermisstenzahl so hoch

Das erklärt zugleich, weshalb die Zahl der Vermissten so gewaltig ist. Nicht jeder der derzeit Gesuchten wurde nachweislich von der Flut erfasst. Unter ihnen sind ganze Reisegruppen, deren Veranstalter sie nicht erreichen, sowie Bewohner abgeschnittener Täler. Nepal und China führen zudem getrennte, noch vorläufige Listen. Viele der Menschen könnten tot unter meterhohem Schlamm und Trümmern liegen. Andere warten vielleicht in einem Dorf, zu dem keine Straße mehr führt und aus dem kein Anruf mehr nach draußen dringt.