Berlin/München – Der Unternehmensberater Roland Berger (88) hat die Krisen in Deutschland kommen und gehen sehen. Er hat selbst miterlebt, wie Branchen aufstiegen und niedergingen. Berger hat Kanzler, Staaten und Wirtschaftskapitäne beraten, zählt Kanzler Friedrich Merz zu seinen guten Bekannten. Am Donnerstag hat Merz mit seiner Koalition eine Großreform vorgelegt, die nicht weniger schaffen soll, als den Wirtschaftsstandort Deutschland wieder fit und das Land zukunftsfähig zu machen – und Bürger und Wirtschaft zu entlasten. BILD fragte die Berater-Legende (schuf das einzige relevante europäische Beratungsunternehmen): Was taugt die Merz-Reform?
Berger reagiert verhalten: „Zunächst einmal sind diese Beschlüsse erst Absichtserklärungen. Eigentlich müssten die Parlamentsferien ausfallen, um schnell Gesetze und Maßnahmen zu verabschieden. Das wäre auch wichtig, um ein Zeichen noch vor den Wahlen im Herbst zu setzen – dafür, dass die demokratische Mitte in diesem Land handlungs- und reformfähig ist. Die Bürger müssten für Reformen nicht mehr die radikal Rechten (AfD) oder Linken (Die Linke) wählen.“
„Das reicht nicht“
Berger weiter: „Es ist viel Gutes dabei – etwa, dass der Staat acht Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst abbauen will, vor allem durch Entbürokratisierung und Digitalisierung.“ Sein aber: „Bis wann das geschehen soll, bleibt offen. In Summe ist mir zu viel dabei von der Sorte ‘Wasch mich, aber mach mich nicht nass‘.“ Richtig gut sei, dass bei Renten- und Gesundheitsreform endlich wirkliche Verbesserungen kämen. Aber: „Was wir aber beim Arbeitsrecht in Sachen Arbeitszeit und Flexibilisierung sehen, ist in Summe viel zu schwach. Das reicht nicht.“
Eine zentrale Frage sei, so Berger, wie ernst es der Staat tatsächlich mit der Digitalisierung meine: „Wenn er da ernsthaft und mit Nachdruck drangeht, dann kann das künftig wirklich einen Effekt haben – und auch zu deutlichen Einsparungen bei Staat und Bürokratie führen.“
„Entlastungsvolumen für Bürger viel zu gering“
Kritisch sieht Berger die Beschlüsse zur Industrie- und Wachstumspolitik: „Da wird versucht, durch Zölle, Subventionen und Protektionismus Industrien zu schützen, die nur begrenzt wettbewerbsfähig sind“ (z.B. Autoindustrie und Maschinenbau). Sinnvoller sei es, in zukunftsträchtige Technologiebranchen zu investieren. Bergers Fazit: „Das, was die Koalition in diesem Bereich macht, hat schon starke planwirtschaftliche Elemente.“
Die Steuerreform, so Berger, sei gar keine: „Das Entlastungsvolumen für die Bürger ist viel zu gering.“ Die Arbeit werde durch wachsende Lohnnebenkosten im Rahmen der Rentenreform für Unternehmen steigen. Gleichzeitig habe der Arbeitnehmer „weniger Netto vom Brutto“. Besonders dramatisch: „Bei Unternehmenssteuern passiert praktisch gar nichts.“