Es sollen so um die 2000 bis 4000 Menschen sein, die in Oleschky leben. Noch. Denn mit dem Ende des Sommers kommt auch das Ende spärlicher Ernten, die die Einwohner in ihren Gärten hatten. Jetzt steht der Herbst vor der Tür – und damit der Hunger. Die ukrainische Stadt südlich des Dnepr liegt nur vier Kilometer von Cherson entfernt. Ein Katzensprung, der nicht zu überwinden ist. Denn die Russen haben Oleshky seit Monaten eingekesselt. Niemand kommt raus und nichts kommt rein.
Die letzte Essenslieferung war laut ukrainischer Quellen am 26. Mai. Seitdem herrschen Zustände, bei denen Menschlichkeit keinen Platz mehr hat. In ihrer Not zu überleben, beklauen sich die letzten Einwohner gegenseitig. Sie schlachten ihre Hühner, weil sie kein Futter mehr für sie haben. Als ein Hilfskonvoi von den Russen abgeschossen wurde, griffen sich die Menschen direkt die Reste, die den Angriff überstanden.
Tauschhandel hat das Geld ersetzt. Wenn Menschen sterben, bleiben sie meist an Ort und Stelle liegen und werden von Hunden gefressen. Kinder betteln um Essen. Der Versuch, die Stadt zu verlassen, endet entweder im Tod oder die Russen schicken die notleidenden Menschen wieder weg. „Geh zurück und stirb dort“, sagen sie und lachen.
Die Straßen sind vermint, die Häuser zerbombt. Drohnen schwirren pausenlos durch die Luft, die Besatzer spielen Menschensafari. Der Tod ist das einzig Sichere in Oleschky. Und jetzt steht der Winter vor der Tür, Kälte und Hunger mit ihm.
Ukrainische Behörden und internationale Organisationen versuchen seit Monaten, über eine Evakuierung der Stadt zu verhandeln. Doch die Russen verweigern bislang einen humanitären Korridor und eine Feuerpause und nehmen stattdessen Hunderte Menschen als Geiseln. Kreml-Diktator Wladimir Putin schaut ungerührt zu, wie sich die Todesschlinge um Oleschky und seine Bewohner zuzieht.