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Pistorius erwägt eigene Raketen-Startbasis für Deutschland

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Die USA und Russland haben sie: eigene Raketenstartplätze für ihre Streitkräfte. Jetzt erwägt Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius auch einen Startplatz für deutsche Trägerraketen für Bundeswehr-Satelliten.

Bei einem Besuch des Kleinraketenherstellers Isar Aerospace vor den Toren Münchens berichtete der SPD-Politiker von ersten entsprechenden Überlegungen. Die Startmöglichkeiten von Norwegen oder Schottland und künftig Kanada würden in Zukunft nicht ausreichen, um reaktionsschnell Raketen zu starten, sagte Pistorius. Um handlungsfähig zu sein, sei ein Pool von Startmöglichkeiten erforderlich.

Notwendig sei eine „strategische Verteilung“ von Startplätzen, „um das Risiko der Ausfallsicherheit so weit wie möglich zu minimieren“. Die nationale Sicherheit dürfe „nicht im Stau, nenne ich es mal, kommerzieller Warteschlange hängen bleiben“, sagte Pistorius. Konkrete Standorte wollte er nicht nennen. Weltweit können derzeit von elf Staaten Trägerraketen abheben.

Der erst vor acht Jahren gegründete Kleinraketenentwickler Isar Aerospace nutzt derzeit den Startplatz Andøya Spaceport in Nordnorwegen und will nach Angaben von Konzernchef Daniel Metzler 2028 in Kanada einen weiteren Startplatz in Betrieb nehmen.

Bei den geplanten großen Satellitenflotten der Bundeswehr, wie der Aufklärungsflotte mit dem Projektnamen Spock 1 mit der Satellitenproduktion von Rheinmetall-Iceye und dem Folgesystem Spock 2 mit etwa 1000 Satelliten sowie der Kommunikationssatellitenflotte SatcomBw 4 mit Hunderten Satelliten, zeichnet sich ein enormer Bedarf an Trägerraketen und damit auch an Startmöglichkeiten ab. Um die Aufträge bewerben sich nicht nur die deutschen Kleinraketenentwickler, sondern auch die ArianeGroup, als Anbieter der schweren Trägerrakete Ariane 6. Bisher nutzte die Bundeswehr zum Teil Trägerraketen vom Elon Musk-Konzern SpaceX, etwa zum Start von Radarsatelliten (SARah-Projekt).

Zuerst müssen die deutschen Kleinraketenentwickler beweisen, dass ihre teils vollmundigen Versprechungen über Satellitentransporte in den Weltraum auch in der Praxis funktionieren. Frühere Ankündigungen haben sich als zu optimistisch herausgestellt. So laufen derzeit im mittlerweile fünften Anlauf seit Januar die Startvorbereitungen für den insgesamt zweiten Flug der Spectrum-Rakete von Isar Aerospace, die diesmal hoffentlich den Weltraum erreicht. Der Premierenflug im März 2025 endete nach 30 Sekunden in einer Explosion.

Das norwegische Startgelände kann nach Angaben von Branchenbeobachtern wie NextSpaceflight.com ab dem 6. August für den nächsten Spectrum-Start genutzt werden. Isar Aerospace-Chef Metzler wollte aber noch kein konkretes neues Startdatum nennen. Er gab nur wenige Details preis, die zum jüngsten Startabbruch führten. Angeblich verursachte zum zweiten Mal eine Heliumleckage an einem Zulieferteil den vierten Startabbruch.

Womöglich kommt der konkurrierende deutsche Kleinraketenentwickler Rocket Factory Augsburg (RFA) mit seinem Premierenflug seiner Kleinrakete RFA One dem Rivalen Isar Aerospace noch zuvor. Das RFA-Startgelände im schottischen SaxaVord Spaceport steht ab 10. August bereit.

Isar Aerospace plant neuen Produktionsstandort

Isar Aerospace-Chef Metzler äußerte sich trotz der Verzögerungen bei den Flügen seiner Spectrum-Rakete optimistisch zur weiteren Entwicklung. Mittlerweile gebe es zu fast 70 Prozent Anfragen über Startmöglichkeiten aus dem Militärbereich. Die Starts seien bis 2028 ausgebucht. Das Unternehmen will in diesem Jahr einen neuen Produktionsstandort mit 40.000 Quadratmetern Fläche im Großraum München in Betrieb nehmen.

Wie Metzler sagte, soll dort die Raketenproduktion auf industrieller Basis deutlich ausgebaut werden und ab dem Jahr 2030 sollen jährlich 40 Spectrum-Raketen gefertigt werden. „Soweit wir wissen, wird dies Europas größte, wahrscheinlich eine der weltweit größten Trägerraketenproduktionen sein, die end to end integriert ist“, sagte Metzler.

Isar Aerospace verfolgt ein Konzept mit über 90 Prozent Eigenfertigung der Bauteile. So entstehen die Triebwerke in einem 3D-Druckverfahren aus Pulver. Die Spectrum-Rakete soll rund eine Tonne Nutzlast in einen niedrigen Erdorbit transportieren können. Konkurrent Rocket Factory Augsburg strebt mit 1,3 bis 1,5 Tonnen eine höhere Nutzlast an. Zum Vergleich: Die Ariane-6-Rakete kann mit einem Start knapp 22 Tonnen Nutzlast ins All transportieren und die weltgrößte Rakete Starship von Elon Musk soll im Endausbau bis zu 200 Tonnen schaffen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Gerhard Hegmann ist freier Wirtschaftsredakteur und berichtet seit Jahrzehnten insbesondere über die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.