Pallas radikaler Plan gegen das Bahn-Chaos
Evelyn Palla bringt eine Fähigkeit mit, die keiner ihrer Vorgänger an der Bahnspitze hatte: Sie kann die Züge, mit denen die Deutsche Bahn Millionen Fahrgäste befördert, selbst fahren. Die Fotos von ihr in der Führerkabine sind nicht bloße Inszenierung. Sie stehen für den Anspruch einer Managerin mit Lokführerschein, die den Konzern näher an der Basis führen will – näher am Eisenbahnbetrieb als am aufgeblähten Verwaltungsapparat.
Seit Herbst vergangenen Jahres ist die gebürtige Südtirolerin Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, sie übernahm damit einen der schwierigsten Jobs des Landes. Denn über die Bahn lässt sich leicht meckern: marodes Schienennetz, kaputte Weichen, unpünktliche Züge. Fast jeder Bahnreisende kann eine Horrorgeschichte auspacken. An der DB-Spitze wird man schnell zum Buhmann der Nation. Evelyn Palla ist die erste Frau, die diesen Posten innehat.
Auch ihr Amtsantritt verlief, wie so viele Bahnfahrten, alles andere als nach Plan. Die mächtige Bahngewerkschaft EVG kündigte Widerstand gegen die Personalentscheidungen an. Die Gegenstimmen richteten sich jedoch nicht gegen Palla, sondern gegen den Kandidaten für die Infrastruktur-Sparte. Das passt zu Pallas ungemütlicher Lage. Sie muss Jahre der Unterfinanzierung aufholen, Fehlentscheidungen früherer Vorstände ausbaden – und das in einem schwerfälligen Unternehmen mit mehr als 200.000 Mitarbeitern. Doch Palla tritt entschlossen auf, wenn sie es muss. „Wir räumen auf“, erklärte sie bei ihrer Vorstellung in Berlin. Die Bahn müsse „mutiger, klarer und schneller“ werden.
Palla, Jahrgang 1973, ist keine geborene Eisenbahnerin. Sie startete bei Siemens in Großbritannien, wechselte zu Infineon und arbeitete bei E.on in München, Köln und Mailand. Erst 2011 führte ihr Weg sie zu den ÖBB nach Wien – dem Bahnunternehmen im Nachbarland, auf dessen zuverlässigen Betrieb deutsche Kunden seit Jahren neidisch blicken. Dort verantwortete sie ab 2015 im Vorstand den Regionalverkehr. Im Jahr 2019 dann der Wechsel nach Berlin zur Deutschen Bahn: zunächst als Finanzvorständin im Fernverkehr, ab 2022 als Chefin von DB Regio. Ihre Zeit im Regionalverkehr gilt als wichtigster Leistungsnachweis für den Posten der Vorstandsvorsitzenden. DB-Aufsichtsratschef Werner Gatzer erklärte, sie habe das Geschäftsfeld „aus schwierigsten in ruhige Fahrwasser geführt“. Bundeskanzler Friedrich Merz nannte sie eine „sehr gute Wahl“.
Was Palla seither angepackt hat, ist beachtlich. Sie möchte den Konzern vom Kopf auf die Füße stellen, wie sie sagt. Entscheidungen in die Breite verlagern. Der Konzernvorstand wird verkleinert, die Holding mit 3500 Mitarbeitern soll um 30 Prozent schrumpfen, die Zahl der Einheiten auf der ersten Führungsebene von 43 auf 22 sinken. Das Sanierungskonzept S3 ihres Vorgängers Richard Lutz bläst sie ab. Stattdessen setzt Palla auf Dezentralisierung: Sie gibt Ziele vor, die Wege dorthin bestimmen die Verantwortlichen vor Ort.
Palla haut nicht mit der Faust auf den Tisch – darin ähnelt sie ihrem Vorgänger. Doch wo Ex-Bahnchef Lutz kontrollieren wollte, vertraut sie der Expertise ihrer Angestellten. Wer sie auf Veranstaltungen trifft, sieht oft, wie sie mit dem Personal ins Gespräch kommt. Ihr wird eine größere Nähe zur Basis nachgesagt als früheren Bahn-Chefs. Harte Personalentscheidungen hat sie trotzdem nicht gescheut. Cargo-Vorständin Sigrid Nikutta musste als erste Führungskraft unter ihr gehen, Finanzvorständin Karin Dohm nach nicht einmal drei Monaten ihren Hut nehmen – obwohl sie erst nach Palla in den Vorstand berufen worden war. Gleichzeitig muss Palla die Erwartungen der Republik managen und auf die Dauerfrage, wann denn nun alles besser werde, immer wieder antworten: Es braucht Zeit. Das Pünktlichkeitsziel für 2026 liegt bei 60 Prozent, erst ab 2029 sind wieder 70 Prozent angepeilt. Da werden auch Phrasen aus der Mottenkiste bedient: Die Sanierung der Infrastruktur sei kein Sprint, sondern ein Marathon, so Palla. Eine Diagnose, die stimmt – sich aber trotzdem abnutzen kann.
Die Schonfrist als neue Chefin ist für Palla längst abgelaufen. Zeit zum Einrichten blieb ihr keine: Stuttgart 21 wurde weiter verschoben, die Korridorsanierung Hamburg–Berlin verzögerte sich um sechs Wochen, der Tod eines Zugbegleiters löste eine landesweite Sicherheitsdebatte aus. Ab 2028 könnte mit Italo ausgerechnet ein Wettbewerber aus Pallas Geburtsland in den deutschen Fernverkehr einsteigen. Doch mit Konkurrenz kennt sie sich aus: Im Gegensatz zum Fernverkehr, in dem die DB einen Marktanteil von über 90 Prozent hält, musste sie sich als Regio-Chefin den Kuchen mit vielen Wettbewerbern teilen – und hat sich behauptet. Unter ihrer Führung entwickelte sich dieser Deutsche-Bahn-Bereich als einer der wenigen wirtschaftlich positiv.
Nun möchte sie im gesamten Konzern die Kehrtwende vollziehen. 2025 erzielte die Bahn mit einem operativen Ergebnis von 297 Millionen Euro erstmals seit Jahren ein positives Ebit, der Umsatz lag bei 27 Milliarden Euro. Unter dem Strich standen aufgrund von Abschreibungen jedoch erneut 2,3 Milliarden Euro Verlust. „Wir bewegen uns Schritt für Schritt in Richtung der schwarzen Null“, sagte Palla. Zufriedenheit sei „fehl am Platz“. Erst wenn der Konzern „nachhaltig Jahresüberschüsse erwirtschaften und Investitionen aus eigener Kraft stemmen“ könne, sei man am Ziel.
Evelyn Palla hat den Verfall aufgehalten, Strukturen verändert und ein neues Führungsbild etabliert. 2026 könnte „die vielleicht größte Transformation werden, die die Bahn je erlebt hat“, sagt sie. Ungewohnt forsch für eine Chefin, die Erwartungen sonst eher bremst. Eine, die lieber das Gespräch sucht, als große Ansagen von oben zu machen.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.
Evelyn Palla ist nominiert für THE POWER LIST – Germany’s Top 50. POLITICO, WELT und BUSINESS INSIDER zeichnen im Rahmen der POWER LIST 2026 Persönlichkeiten aus, die Deutschland bewegen und an die Weltspitze bringen. Die POWER LIST steht für Relevanz und Zukunft. Die finale Liste wird am 3. Juni veröffentlicht. Alle Beiträge finden Sie schon vorab hier: welt.de/the-power-list