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Tel Aviv – Sie mussten zusehen, wie ihre Liebsten ermordet wurden. Wie ihre Freunde starben. Wie ihr Zuhause in Flammen aufging. Sie wurden eingesperrt, ihrer Freiheit beraubt, waren monatelang Geiseln der Hamas. Drei Jahre nach dem Angriff der Terroristen traf BILD in Israel Opfer und Zeugen des Massakers vom 7. Oktober, das über 1200 Menschen das Leben gekostet hat. Unsere Reporter blickten in Augen, die trotz der Gräueltaten, die sie sehen mussten, noch leuchten. Und sie hörten von ihnen Sätze voller Hoffnung, Mut und Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, noch zu leben.

Der Kibbuz Urim am Rande der Negev Wüste. Hier besucht BILD Luis Har. Der heute 73-Jährige war am 7. Oktober von der Hamas verschleppt und 129 Tage gefangen gehalten worden. „Es waren vier Monate der Angst. Angst, jederzeit von den Terroristen ermordet zu werden“, erzählt er den Reportern. Jeder einzelne Tag eine Qual.

Schließlich gelang es der israelischen Armee, ihn in einer Geheimoperation zu befreien. „Ich erzähle allen, dass ich zweieinhalb Jahre alt wäre. Denn mit dem Tag meiner Befreiung begann für mich ein neues Leben“, so der Rentner.

Sein Wohnzimmer, in dem er die Reporter empfängt, ist voller Andenken. Andenken an seine Befreiung, aber auch eine immer präsente Mahnung, wie kostbar das Leben ist. In einem schlichten Holzregal liegen zahlreiche Medaillen. Darunter eine Gedenkmedaille aus dem Vatikan. „Ich habe den Papst und den argentinischen Präsidenten Milei getroffen, bereiste nach meiner Befreiung die halbe Welt“, erzählt der gebürtige Argentinier.

„Kurz nach meiner Befreiung wollte ich tanzen“

Dann zeigt er auf ein großes Foto. Die schwarz-weiße Aufnahme hält den Moment seiner Befreiung fest. Luis: „Ich habe die Soldaten, die mich befreit haben, zu mir eingeladen. Alle waren hier. Ich habe für sie Pizza gebacken.“ Er sei ihnen sehr dankbar, schließlich hätten sie ihr Leben für ihn riskiert. „Einer von ihnen meinte sogar, dass er das Gefühl hat, er hätte seinen eigenen Vater befreit ...“

Trotz der traumatischen Erlebnisse, die ihn immer begleiten werden, hat der Israeli nie seine Lebensfreude verloren. „Schon kurz nach meiner Befreiung wollte ich tanzen gehen. Neben Kochen ist das meine große Leidenschaft.“ Und er gibt etwas von seiner Stärke ab: Er besucht Kranke, redet auf Veranstaltungen. „Meine Botschaft an die Menschen ist die Hoffnung. Trotz der manchmal schlimmen Sachen, die im Leben passieren, darf man sie nicht aufgeben.“

Der Kibbuz Be’eri an der Grenze zu Gaza. Ein Ort der schwersten Schande. In keinem anderen Kibbuz im Süden Israels gab es so viele Opfer. Die Terroristen ermordeten 102 Bewohner des Dorfes, zerstörten ihre Häuser. Doch nun wird die Stille der verlassenen Siedlung immer wieder durch Baulärm unterbrochen. Arbeiter errichten eine neue Klinik. Das alte Krankenhaus, das zentraler Schauplatz des Angriffs war, war durch die Hamas dem Erdboden gleichgemacht worden.

Unser Kibbuz soll wieder ein Paradies werden

„Vor dem Überfall war dieser Ort ein Paradies“, sagt der Kibbuz-Vorsitzende Gal Cohen (61), als er dem BILD-Reporter die Baustelle zeigt. Er selbst hatte Glück. Während des Angriffes konnte er sich in seinem Haus verstecken. „Wir waren eine gut funktionierende Gemeinschaft“, sagt er leise. Das Ziel sei jetzt, dass der Kibbuz wieder zum neuen Leben erweckt, wieder ein Paradies wird. „Bislang kehrten rund 100 von knapp 800 Bewohnern, die hier einst lebten, wieder nach Hause.“

Erster Lichtblick: 52 Gebäude wurden schon gebaut, geplant sind insgesamt 132 neue Einfamilienhäuser. Außerdem hat die Druckerei, die wichtigste Einnahmequelle des Kibbuz, bereits kurz nach dem Anschlag ihren Betrieb wieder aufgenommen. Und auch am Tag des Besuchs unserer Reporter füllt sich mittags die Kantine des Dorfes mit Mitarbeitern von auswärts, erweckt es zu neuem Leben.

„Wir wollen, dass unser Kibbuz weiterlebt, hoffen, dass wir gemeinsam unser Trauma überwinden“, sagt Cohen. Vielen ergeht es wie ihm: Der Kibbuz ist ihre Heimat. Ihr Zuhause. „Ich bin hier geboren. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht und meine Kinder großgezogen. Und hier will ich auch in Zukunft leben.“

„Unsere Familie wurde enger zusammengeschweißt“

Eine Wohnung im Zentrum Israels. Hier besucht BILD die Deutsch-Israelin Shoshan Haran (70). Sie wurde – anders als Gal Gohen – aus Be’eri verschleppt. Zusammen mit ihrer Tochter, ihrem Schwiegersohn und den beiden Enkeln. Tragisch: Ihr Mann und ihre Schwester wurden im Kibbuz ermordet. Nach 50 Tagen in Geiselhaft kam Shoshan Haran, eine weltbekannte Agrarwissenschaftlerin, wieder frei.

Können Sie das Erlebte je vergessen? „Nein. Das, was ich dort erlebt habe, wird mich jetzt für immer beschäftigen“, sagt sie. Und erzählt von der Zeit in Gefangenschaft. „Ich konnte mich mit einem der Geiselnehmer, der gut Englisch sprach, unterhalten. Er war ein junger Kerl. Und er schilderte mir, wie mit Falschinformationen schon in der Schule der Hass gegen Israel geschürt wird.“

„Nach meiner Freilassung musste ich mein Leben neu ordnen, ich war nun eine Witwe“, sagt die Wissenschaftlerin, die inzwischen in der Nähe ihrer Kinder wohnt. „Dieses furchtbare Ereignis hat unsere Familie noch enger zusammengeschweißt“, sagt sie.

Aufgeben war für Shoshan nie eine Option. Sie kämpfte für die Geiseln, die noch festgehalten wurden, sprach vor der UN und war bei Donald Trumps Amtseinführung in Washington. Und sie schrieb ein Buch über ihre Erlebnisse in Gaza, fasste das Unaussprechliche in Worte. „Ich will es auch ins Deutsche übersetzen lassen, möchte, dass die ganze Welt lesen kann, was uns damals widerfahren ist.“

„Bring Them Home“, ihr Lied gegen das Vergessen

In den Morgenstunden des 7. Oktober befand sich die Studentin Maayan Dee (26) zusammen mit ihren Freunden auf dem Nova-Festivalgelände, als sie zunächst von den Raketen der Hamas und dann von den Schüssen der Terroristen überrascht wurden. Mit einem Wagen, in dem vier weitere Freunde saßen, schaffte sie es, von dem Partygelände zu fliehen. Sie rasten vorbei an erschossenen Besuchern, versteckten sich in einem Bunker und schafften es, sich zu retten. Doch viele ihrer Bekannten wurden von den Terroristen erschossen.

Das ging nicht spurlos an ihr vorüber, wie sie gegenüber BILD erzählt. „Ich erlitt eine posttraumatische Belastungsstörung, nahm ab, war gereizt und antriebslos“, erinnert sich die Studentin an die Zeit danach. „Mit der Hilfe einer Therapie schaffte ich es wieder zurück ins Leben. Ich zog um und begann ein Anglistikstudium. Ich verarbeite das Erlebte beim Malen und Komponieren von Songs.“

Einer ist „Bring Them Home“ – „Bring sie nach Hause“. Das emotionale Lied ist den Geiseln in Gaza gewidmet. Es schildert die Sicht der Gefangenen. In den Zeilen ist die Rede von Dunkelheit, Isolation, aber auch von der Hoffnung auf Befreiung.