„Oft sieht die Wahrheit wie eine Lüge aus“
Das zentrale Glaubensbekenntnis aller, die hinter jeglichem Geschehen das Wirken dunkler Mächte erkennen, lautet: Nichts ist, wie es scheint. Sogenannte Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Der Vernunft, der Kritik sind sie nicht zugänglich. Andererseits: Vieles ist wirklich nicht so, wie es scheint. Die Sonne zum Beispiel geht weder auf noch unter. Es lohnt sich, unsere Wahrnehmungen auf Täuschungen zu überprüfen, ohne die Wirklichkeit zu einer großen Täuschung zu dämonisieren. Darum ging es dem lutherischen Pfarrer, Schulleiter und vor allem aber Dichter Johann Peter Hebel, der am 22. September 1826 – also vor genau 200 Jahren – in Schwetzingen, fernab seiner südbadischen Heimat, gestorben ist.
Lange Zeit galt er, besonders wegen seiner Kalendergeschichten, als biederer, harmloser „Volksdichter“. Tatsächlich ist er einer der größten Prosaisten der deutschen Literatur. Hebel verstand es auf einfache Weise hintergründig zu sein: „Oft sieht die Wahrheit wie eine Lüge aus.“
Johann Peter Hebel kam 1860 in Basel zur Welt, wo die Mutter, eine Bauerntochter, jeweils das halbe Jahr über bei einer wohlhabenden Bürgerfamilie arbeitete, von der sie achtungsvoll behandelt wurde. Zu ihrem Sohn war sie liebevoll und streng, sie legte in ihm den Keim für seinen späteren gesellschaftlichen Aufstieg. Sie starb, als Hebel 13 Jahre alt war – ein Verlust, über den er wenig sprach, der ihn aber sein Leben lang bedrückte. Den Vater, einen belesenen und schreibenden Weber, der aus dem Hunsrück zugewandert war, verlor er im Alter von einem Jahr. Zwischen Basel und dem heimatlichen Hausen im nahegelegenen Wiesental aufgewachsen, liebte Hebel seine südbadische Heimat – in der er allein war.
Lebenslanges Heimweh nach Südbaden
Sein Lebensraum blieb klein. Nach dem Besuch des Karlsruher Gymnasiums, das ihm Gönner ermöglichten, studierte er Theologie im 200 Kilometer entfernten Erlangen. Weiter kam er, soweit bekannt, nicht. Er wurde Lehrer in Lörrach, dann in Karlsruhe, der erst ein halbes Jahrhundert vor Hebels Geburt gegründeten und durchgeplanten großherzoglichen Stadt. Hebel stieg zum Leiter des „Gymnasium illustre“ auf, das er selbst besucht hatte. Am aufgeklärten Hof wurde er als Prediger geschätzt und mit Gutachten beauftragt. 1819 ernannte man ihn zum ersten Prälaten der lutherischen Landeskirche, und als solcher gehörte er der Badischen Ständeversammlung an, einem der ersten deutschen Parlamente. Bei dessen Eröffnung hielt er eine kurze Festrede, im damals üblichen, für Hebel aber ungewöhnlich unterwürfigen Ton.
Schenkt man den vielen beiläufigen Bemerkungen in Hebels Kalendergeschichten über gute Speisen Glauben, dann war er ein den diesseitigen Freuden durchaus zugewandter Mensch. Wie auch sein gesamtes Werk ein aufklärerischer und zugleich auf Gott vertrauender Optimismus auszeichnet. Man darf jedoch nicht übersehen, dass auch Melancholie Hebels Leben überschattete. Er machte schnell Karriere, verlor dadurch aber die geliebte Heimat. Nie kehrte er ganz in sie zurück. Nie auch bekam er die von ihm so ersehnte Stelle eines Landpfarrers. Er schrieb: „An einem friedlichen Landorte, unter redlichen Menschen als Pfarrer zu leben und zu sterben, war alles, was ich wünschte.“
Ein Ersatz dafür waren seine „Alemannischen Gedichte“ (1803), die sogleich ein Publikumserfolg wurden: ein Versuch, die Heimat im Wort aufzubewahren. Goethe schrieb in leicht herablassendem Geheimratston, Hebel habe mit diesen Gedichten „auf die naivste, anmutigste Weise durchaus das Universum verbauert“. Was Goethe nicht sah: Hebel, alles andere als ein naiver Dichter, hat die Welt der Bauern, der „kleinen Leute“, der Handwerker, der Vaganten und der Diebe selbstbewusst ins Universum gestellt.
Vor allem seine im Wesentlichen von 1803 bis 1815 geschriebenen Kalendergeschichten haben Hebel bis heute berühmt gemacht. Er schrieb sie für den „Badischen Landkalender“, der bald in „Rheinländischer Hausfreund“ umbenannt wurde. 1811 folgte in Buchform eine Auswahl unter dem Titel „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds“. Hebel war die Mitarbeit an dem Kalender angetragen worden, weil sich dessen Auflage zu Anfang des neuen Jahrhunderts in freiem Fall befand. Und Hebel, der die Redaktion übernahm, hatte schnell Erfolg. 1820 wurden 50.000 Exemplare verkauft, vor allem von fliegenden Händlern. Rechnet man die Zahl auf die deutsche Bevölkerung von heute um, dann wäre das eine Auflage von vier Millionen – etwa die Auflage der „Bild“-Zeitung zu ihren erfolgreichsten Zeiten.
Hebel hat, wie damals in Kalendern üblich, die meisten Geschichten nicht erfunden, sondern gefunden. Seine Kunst besteht nicht zuletzt im Retuschieren, Raffen, Dehnen. Aus Nachrichten macht er Kunstwerke. Und als Autor ist er oft gegenwärtig, als liefe er durch die Seiten: Der Hausfreund kommentiert, macht sich mit leichter Ironie lustig, fällt seinen Figuren ins Wort. Eine Vorliebe hat er für das Wort „merkwürdig“. Das hat einen Doppelsinn, meint „kurios“, aber auch „denkwürdig“: Unterhaltung und Belehrung. Die aufgeklärten Auftraggeber wollten Hebel veranlassen, im Kalender auf Astrologie zu verzichten. Hebel lehnt ab. Er nimmt den Aberglauben und den Vernunftglauben gleichermaßen ernst. Und bemüht sich, die Leser zum Staunen und Nachdenken zu bringen.
Und das durchaus robust. Dem geneigten Leser hält er vor, er sitze daheim „bei den Seinigen oder bei einem Schöpplein im ‚Adler‘, und er denkt just nicht weiter. Wenn aber die Sonne früh in ihrer stillen Herrlichkeit aufgeht, so weiß er nicht, wo sie herkommt, und wenn sie abends untergeht, weiß er nicht, wo sie hinzieht“. Blickt er zu den Sternen, „so meint er, sie seien alle wegen seiner da. Guter Freund, das ist nicht löblich, dass man so etwas alle Tage sieht, und fragt nie, was es bedeutet.“
Hebel aber fragt, gibt Antwort, erläutert. Er erklärt in mehreren Geschichten, ganz auf dem Stand des astronomischen Wissens seiner Zeit, dass die Welt eine Kugel ist, wie es im Weltall zugeht, wie groß die Entfernungen sind. Dieses Wissen, das wir Kopernikus verdanken, kann in den Nihilismus führen: der Mensch als ein verlorener Winzling im All. Nicht so bei Hebel. Er erklärt die Himmelsordnung als harmonisches und weise konstruiertes Werk Gottes. Um zum Verstehen zu ermuntern, erfindet er die schöne Wendung, „das Auge des Verstandes sieht mehr als das Auge des Leibes“. Hebel verbindet den pädagogischen Optimismus der Aufklärung, dem er sich verpflichtet fühlt, mit dem Glauben des überzeugten Lutheraners, dass Welt und All wohlgeordnet seien.
Hebel ist nicht viel in der Welt herumgekommen. Und ist doch ganz Weltbürger. Walter Benjamin, wie Ernst Bloch ein Bewunderer Hebels, schrieb zu dessen 100. Geburtstag: „Nichts liegt der provinziellen Heimatkunst ferner als der erklärte Kosmopolitismus seiner Schauplätze. Moskau und Amsterdam, Jerusalem und Mailand bilden den Horizont eines Erdkreises, in dessen Mittelpunkt Segringen, Brassenheim und Tuttlingen liegen.“ Man könnte die egalitäre Weltliste ergänzen um Philadelphia, Ensisheim, Krasnojarsk, Witlisbach, Ostindien und Duttlingen. Und erwähnen, dass Brassenheim – was Benjamin wohl entging – eine fiktive Ortschaft ist: Hebel mischte gern Fiktives in seine Realien.
Hebels Geschichten handeln oft von schlauen und am Ende doch nicht so schlauen Dieben, von jähzornigen und törichten Ordnungshütern oder von strebsamen Bauern oder Bürgern. Deswegen sind sie als brav und schlicht angesehen worden. Tatsächlich finden hinter der unauffälligen Oberfläche moralische Dramen statt. Etwa wenn ein französischer Soldat in Neiße einquartiert wird und das Bettzeug als das seiner Eltern erkennt, die vor Jahren von einem preußischen Husaren um all ihre Habe gebracht worden waren. Er stellt den Täter, nimmt aber nicht Rache, sie ist ihm „zu klein und verächtlich“. Er verzeiht ihm alles. Doch dass er seine Schwester getötet hat, das möge ihm Gott verzeihen. Mit diesen Worten geht er fort. Nach einem Vierteljahr soll der Husar, der keine ruhige Stunde mehr hatte, verstorben sein. Die Geschichte endet: „Es gibt Untaten, über die wächst kein Gras.“ Wie oft bei Hebel: ein alltagssprachlicher Ton. Und eine Milde, in die ein Tropfen alttestamentarischer Schärfe gemischt ist.
In Hebels Geschichten fehlen Fremden- und Judenhass vollständig. Wie er mehrfach schreibt, befindet er, dass im Morgenland, auf das damals eher ängstliche Blicke fielen, nicht „alles uneben“ sei. Verständige Muslime bevölkern seine Geschichten, auch feindliche Soldaten stoßen auf sein Mitgefühl. Das war ungewöhnlich in diesen Jahren des rasch aufkommenden, antifranzösischen Nationalgefühls. Und Hebel wurde dafür auch angefeindet. Wilhelm Grimm etwa warf ihm in scharfen Worten vor, dass er in seiner Geschichte „Der Brand von Moskau“ die mitten im eisigen Winter aus Russland fliehenden Soldaten Napoleons bedauerte, die in großer Zahl elendiglich erfroren.
Woher rührte dieser menschenfreundliche Zug in Hebels Werk? Sicher daher, dass er von milder, ausgleichender Gesinnung war, von der er sich nicht abbringen ließ. Sodann daher, dass Hebel nicht nur auf dem Papier Christ war: Jeder Mensch ist gleich nah zu Gott, egal ob Württemberger, Franzose oder Mongole. Nicht zuletzt rührte Hebels ganz auf Verständigung angelegter Geist daher, dass er Badener war. In diesem regierte ein Monarch, der der Aufklärung verpflichtet war, die Leibeigenschaft abschaffte, den Code Civil Napoleons übernahm, auf Ausgleich mit Frankreich aus war, die liberalste Verfassung Deutschlands in die Wege leitete und seine Untertanen Bürger nannte. Das Großherzogtum Baden war so wenig eine Demokratie wie Hebel ein Demokrat. Doch es wies einen möglichen Weg in ein besseres 19. Jahrhundert. In ein Bürger-Deutschland. Der Literaturwissenschaftler Jan Knopf nannte Hebels Werk ein „Maximalprogramm der Humanität, das geschichtlich seinesgleichen sucht. Auch wenn es der Geschichte nicht gewachsen war.“
Es gibt mehrere Gesamtausgaben von Hebels Werk. Lieferbar ist derzeit nur die im Wallstein-Verlag erschienene. Daneben sind zahlreiche Auswahlbände von Hebels Kalendergeschichten, biblischen Geschichten und alemannischen Gedichten auf dem Markt. Soeben ist, ebenfalls im Wallstein Verlag, erschienen: „Merkwürdigkeiten. Das Schatzkästlein und andere Kalendertexte“, hg. von Andreas Mauz. Unbedingt lesenswert, aber vergriffen ist eine kommentierte Auswahl, die der Jurist und Rechtshistoriker Michael Stolleis 2003 veröffentlicht hat: „Der menschenfreundliche Ton. Zwei Dutzend Geschichten von Johann Peter Hebel mit kleinem Kommentar“ (Insel Verlag). Das Buch hätte zu Hebels 200. Todestag eine Neuauflage verdient. Aktuell zum Jubiläum ist die Anthologie „Hebel Wirkungen. 30 Autorinnen und Autoren lesen Johann Peter Hebel“ erschienen (Nimbus-Verlag, mit einem Nachwort von Andreas Lang).