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Berlin – Ein Rettungswagen nach dem anderen fährt vor. Die Sanitäter springen raus, schieben die Patienten auf der Trage in die Notaufnahme des Charité-Krankenhauses. Es summt, die Tür knackt, schwingt auf. Ein Obdachloser wankt grölend heraus, Gesundheitsminister Carsten Linnemann (49, CDU) geht rein. Er ist ein Minister auf Praxistest. Vor wenigen Stunden hat der Bundestag der Notfallreform zugestimmt. Jetzt steht Linnemann dort, wo sie wirken soll: in einer der größten Notaufnahmen Deutschlands.

Prof. Martin Möckel, Leiter der Notfallmedizin, Oberarzt Felix Bangert und Pflegeleiterin Jessica Frömmer führen den Minister in die Eingangshalle. Der Wartebereich am Donnerstagnachmittag ist voll, hunderte Patienten kommen täglich. Voll-Stress für Pfleger und Ärzte. Die Patienten werden nach Dringlichkeit sortiert. Rot bedeutet: sofort. Blau: bis zu zwei Stunden Wartezeit. Es piept, Pfleger wuseln umher, sortieren eilig Patientenakten, es riecht nach Desinfektionsmittel.

Pflegeleiterin Jessica Frömmer erklärt das Grundproblem in der Notaufnahme: „Die große Kunst ist, schon im Vorfeld herauszufinden, wer wirklich ein Notfall ist. Wir erleben die komplette Bandbreite: vom Schockraum-Patienten bis zum Touristen, der seine Medikamente zu Hause vergessen hat und schnell ein Rezept braucht.“

Das soll sich durch die Reform ändern

Hier soll die Linnemann-Reform greifen: Bevor ein Patient überhaupt die Notaufnahme betritt, soll er medizinisch eingestuft werden. Ist er ein echter Notfall, wird er in der Notaufnahme behandelt. Ist es nicht so schlimm, in einer angeschlossenen Praxis. Dafür sollen „Integrierte Notfallzentren“ in Kliniken entstehen. Sie bestehen aus einer Ersteinschätzungsstelle, der „klassischen“ Notaufnahme und einer Notdienstpraxis – alles in oder an der Klinik. Kommt ein Patient mit verstauchtem Knöchel künftig in die Klinik, soll er nicht mehr zwangsläufig in der Notaufnahme landen, sondern in der angeschlossenen Praxis für leichtere Fälle. Das soll die Pfleger und Ärzte entlasten. Sie können sich auf die dringenden Fälle konzentrieren.

Die Ersteinschätzung findet entweder in der Ersteinschätzungsstelle in der Klinik statt oder vorab telefonisch unter der Nummer 116117. Wer vorher anruft, soll bei gleicher Dringlichkeit schneller drankommen als jemand, der direkt in die Klinik kommt. Die Notfallnummer 112 bleibt erhalten und wird mit der 116117 verknüpft.

Oberarzt Bangert sagt: „Täglich kommen Patienten in die Notaufnahme, die bei ambulanten Fachärztinnen und Fachärzten besser aufgehoben wären. Ich denke mir: Schade, dass die sich zu uns begeben müssen, wo es um echte Notfälle geht, weil ihnen anders nicht geholfen wird.“ Er hilft allen Patienten, doch der Frust wächst. Notfallmedizin-Leiter Martin Möckel warnt: „Die Notaufnahmen kommen zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Deshalb ist die Steuerung der Patienten entscheidend.“

Linnemann hört zu, nickt, schaut sich um, stellt immer wieder Rückfragen: „Wie machen das Dänemark oder die Niederlande?“, „Wie ist’s am Wochenende?“, „Wie viel machen Sie in der Verwaltung?“ Er ist kein Mediziner wie sein Vorgänger Karl Lauterbach (63, SPD), sondern promovierter Volkswirt. Er wurde zum letzten Mal als Kind in einer Notaufnahme versorgt und weiß, dass eine Mammut-Aufgabe vor ihm liegt. Linnemann: „Die Reform umzusetzen, braucht etwas Zeit. Die Kliniken müssen sich darauf einstellen. Aber die Reform ist überfällig. Das höre ich auch von allen Beteiligten. Der Besuch hat mir erneut gezeigt, die Patientensteuerung in Deutschland muss besser werden.“

Linnemanns Reform wird auch kritisiert

Dennoch gibt es Kritik: Haus- und Facharztpraxen sind vielerorts am Limit. Wie sollen sie zusätzliche Patienten auffangen? Und: Auch die Rettungsdienste machen sich Sorgen ums Geld: Arbeiter-Samariter-Chef Knut Fleckenstein: „Die Finanzierung bleibt unsicher. Rettungsdienste sollten von der Kostenbremse ausgenommen werden.“ Und ob Patienten durch die Reform wirklich seltener direkt in die Klinik kommen, muss die Praxis zeigen.

Linnemann jedenfalls gibt sich optimistisch: „Wir sollten unser Gesundheitssystem nicht schlechtreden. Es gehört zu den stärksten der Welt. Wir haben Spitzentechnik, starke Universitätskliniken und eine Medizin auf höchstem Niveau.“