Schwerin – Fünf Fischer von der Insel Rügen bekamen im November 1990 Besuch von einer Nachwuchspolitikerin, die sie nicht kannten. Sie kam in T-Shirt und Strickjacke und interessierte sich offenbar sehr für ihre Sorgen: Angela Merkel, die spätere Bundeskanzlerin. Nur einer der fünf Ostsee-Fischer aus dem 150-Seelen-Dorf Lobbe ist noch am Leben. Nur er kann am Sonntag noch seine Stimme zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern abgeben: Hans-Joachim Bull (69), den alle hier nur „Aggi“ nennen.
„Kommt rein, die Schuhe könnt ihr anlassen“, sagt Aggi, der noch immer seine schwarze Fischermütze trägt, und bittet die BILD-Reporter in sein Häuschen. Seine Frau Petra schneidet den Streuselkuchen an.
Auf dem Tisch liegt schon das berühmte Foto, das so ziemlich jedes internationale Magazin gedruckt hat, wenn es um Merkels Werdegang ging. Ein Foto wie ein Gemälde, aber auch wie aus einer anderen Zeit. Aggi erzählt, dass viele Leute gedacht hätten, sie seien reich mit dem Foto geworden. „Nichts haben wir gekriegt. Dass das Foto um die Welt ging, habe ich nicht einmal mitbekommen.“
Fast von allein kommt Aggi ins Erzählen, wie das damals vor 36 Jahren war: „Wir kamen gerade vom Fang, im Herbst war die Aalfischerei. Da kam sie mit einem Wartburg oder was sie da hatte.“ Die Fischer hätten ihrer Besucherin erst einmal die Hausordnung in ihrem Schuppen klargemacht: „Wer hier drin ist, trinkt einen Schnaps.“ Merkel habe sogar „zwei Schnäpse mitgetrunken“, zugehört, viele Fragen gestellt.
„Wir dachten: Was soll jetzt noch schiefgehen?“
Nur leider: Dabei sei es dann geblieben. „Wir haben damals gedacht, dass sie was für die Fischerei bewegen kann. Aber das hat nicht so geklappt“, sagt Bull. Fast 20 Jahre später sei sie als Kanzlerin zurückgekommen. Aggi zeigt Fotos von der Begegnung. „Da haben wir gedacht: Die Bundeskanzlerin war hier, was soll jetzt noch schiefgehen?“ Es ging aber schief, und wie: „Die Fischerei löste sich allmählich auf.“
Die CDU? Vorbei. Die AfD? „Keine Option“
Und heute? Wen will er am Sonntag wählen? Aggi sagt, er habe sein Leben lang CDU gewählt. „Doch jetzt muss ich sagen, dass ich enttäuscht bin. Mit der CDU ist es wirklich nur noch bergab gegangen.“ Dieses Mal macht er sein Kreuz woanders.
Auch wenn er nicht ganz mit der Sprache herauswill: Wahrscheinlich bei der SPD. „Sie wird das Rennen machen. Ich würde die auch unterstützen. Es kann nur noch besser werden.“ Die Alternativen: Mit der SED habe er nie etwas am Hut gehabt, mit der Linken auch nicht. Was er von den Grünen hält, hat er kürzlich einem italienischen Reporter anvertraut: „Die kommen hierher, um die Kormorane zu streicheln, und lassen sogar die Robben frei.“ Also nichts.
Die AfD? „Keine Option, nur Versprechungen.“ Versprechen hatte Aggi in den letzten vier Jahrzehnten genug.