„Mein Beitrag wird abqualifiziert“ – wenn ein deutscher Kunstexperte am Dogma rüttelt
Jan van Eyck stieg aus dem Nebel der Kunstgeschichte zu uns auf. Es ist nicht einmal sicher, wo und wann der Maler geboren wurde. Vielleicht war es um 1390 in Maaseik im heutigen belgisch-niederländischen Grenzgebiet. Vielleicht nicht. Sein monumentales Meisterwerk ist der um 1435 entstandene, sogenannte Genter Altar, den später sowohl Napoleons französische Revolutionstruppen als auch Hitlers Wehrmacht aus der dortigen St.-Bavo-Kathedrale rauben ließen. Heute steht der Altar wieder in Gent, wenngleich eine der 24 Tafeln 1934 gestohlen wurde und seitdem verschollen ist. Etliche Schatzjäger suchten bisher vergeblich.
Ein ebenso berühmtes Van-Eyck-Bild ist die sogenannte „Arnolfini-Hochzeit“. Um ihr ikonisches Gemälde baut die Londoner National Gallery eine spektakuläre Ausstellung, die erstmals alle von Jan van Eyck geschaffenen Porträts vereinen wird. Doch der Superstar der Spätgotik hält auch hier ein Rätsel bereit. Ist das angebliche Ehepaar Arnolfini in Wahrheit das Ehepaar van Eyck? Stellt dieses weltberühmte Gemälde also etwas anderes dar, als die Ausstellungsmacher vorgeben und was sie quasi in Stein des Museums gemeißelt haben?
Der deutsche Kunsthistoriker und Van-Eyck-Experte Stephan Kemperdick wagt es, an dem Dogma zu rütteln. Im Katalog zur Schau in der britischen Nationalgalerie veröffentlichte er seine Antithese unter dem Titel „Arnolfini? An Alternative View“. Wohl eher zähneknirschend ließen die Londoner seinen Text zu. Kemperdick ist nämlich als Kurator für die Kunst der Spätgotik und Malerei des 13. bis 16. Jahrhunderts nördlich der Alpen an der Berliner Gemäldegalerie zuständig für die Altniederländer. Und er bereichert die Ausstellung mit zwei Leihgaben, auf die man ungern verzichtet hätte.
Warum soll das porträtierte Paar nicht die Arnolfinis darstellen? Auf die Frage im Gespräch mit WELT antwortet Kemperdick: „Es gibt mehrere Gründe. Weil der Bildtitel auf einem Missverständnis beruht und weil auch die Daten der Familie gar nicht zum Entstehungsdatum passen können. Plus die demonstrativ in die Mitte gesetzte Signatur ‚Johannes de eyck fuit hic./.1434‘. Übersetzt also: Jan van Eyck war hier.“
Erstens gebe es ein Datierungsproblem: Giovanni Arnolfini war ein Kaufmann aus dem italienischen Lucca, der in der flämischen Handelsmetropole Brügge sein Geld verdiente. 1447 ehelichte er seine Frau Giovanna. Das wären 13 Jahre, nachdem Jan van Eyck die vermeintliche „Hochzeit“ gemalt hätte – wohl eine etwas sehr weitsichtige Zukunftsplanung. Bei einem anderen Arnolfini-Spross, der als Kandidat gehandelt wurde, war die Gattin bereits verstorben.
Zweitens liege ein Titelmissverständnis vor: In Inventaren der späteren Besitzerin Margarethe von Österreich (1480 bis 1530), der Habsburger Statthalterin der Niederlande, wird beschrieben, dass es sich bei dem Herrn auf dem Gemälde um einen „hernoul le fin“ oder „arnoult fin“ handele. Daraus schloss man im 19. Jahrhundert, es müsse der Kaufmann Arnolfini sein.
„Diese Annahme ist ein Irrtum“, behauptet Kemperdick: „‚Hernoul le fin‘ bedeutet übersetzt ‚der schlaue Arnold‘. Natürlich war der Arnold nicht schlau, sondern hielt sich nur dafür.“ Der „schlaue Arnold“ wollte die Frau verführen und gab dafür ein falsches Eheversprechen ab. Das Bett im Hintergrund ist bereitet. Die Frau war jedoch – auf dem Bild offensichtlich – längst keine Jungfrau mehr und schwanger von einem anderen. Der „schlaue Arnold“ steht als betrogener Betrüger und damit als Witzfigur da.
Was die Mitgliedschaft im „Orden des Heiligen Arnold“ bedeutet
„Diese Umdeutung entstand erst lange nach van Eycks Tod“, erklärt der Kunsthistoriker Kemperdick: „Gehörnte Ehemänner verspottete man gerne als Mitglied des ,Ordens des Heiligen Arnold‘. Margarete von Österreich war das Thema offenbar zu schlüpfrig, sodass sie ein Schloss an den angefügten Seitenflügeln anbringen ließ und sie das Stück zuklappen konnte. Das Bild hing bei ihr im Schlafzimmer.“
Drittens stelle sich noch die Signaturfrage: Hält van Eyck hier in dem sehr luxuriösen Raum die Hand seiner Ehefrau Margarete? Die zwischen beiden und über dem Spiegel deutlich platzierte Ich-war-hier-Signatur könne, so Kemperdick, dafür sprechen: „Meist wird eine der beiden kleinen Personen in dem Konvexspiegel für den Künstler selbst gehalten. Doch das ergibt wenig Sinn im Verhältnis zu der großen Inschrift. Und hätte ein Auftraggeber wie Arnolfini es zugelassen, dass sich der Maler so demonstrativ im Mittelpunkt mit dem Satz verewigt?“ Zudem könne man im Hintergrund eine Skulptur als „Heilige Margarete“ identifizieren, der Namenspatronin von Frau van Eyck.
Im Arnolfini-Krimi fielen noch weitere Aspekte auf: Ein kleines van-Eyck-Porträt, das sich in der Berliner Gemäldegalerie befindet und unzweifelhaft die gleichen Gesichtszüge wie „Arnolfini“ zeigt, ist wohl eher ein Selbstbildnis. Und: Margarete van Eyck brachte im Juni 1434 ihr erstes Kind zur Welt, kurze Zeit, nachdem sie hochschwanger Modell gestanden hatte.
„Die Theorie des Paarporträts der van Eycks existierte bereits im 19. Jahrhundert. Ein Großteil der Forschung sträubt sich aber hartnäckig, diese Möglichkeit auch nur zu erwägen.“, beklagt Stephan Kemperdick. Seine Deutung wird im Ausstellungskatalog an anderen Stellen dementiert, geradezu weggeschnippt.
Was nicht sein kann, darf nicht sein? Kemperdick verbirgt gegenüber WELT seinen Ärger nicht: „Mein Beitrag wird sofort abqualifiziert, was ich unfair finde.“ Und dumm ist es obendrein. Schließlich halten Diskussionen um Zuschreibungen, Interpretationen und Rätsel das Interesse an alter Kunst wach. Deshalb sollte man sie fördern und nicht unterdrücken. Das gilt von London bis Berlin.
„Van Eyck: The Portraits“, 21. November 2026 bis 11. April 2027, National Gallery, London