Marschmusik geht auch groovy
An einem sonnigen, aber kalten Januartag vor zwei Jahren fuhr ich in das Viertel Green Acres in Detroit, das erstaunlich langweilig aussieht. Einzelne Stadthäuser auf kleinen Grundstücken. Die meisten stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert, rote Backsteinbauten, gemütliche Einfamilienhäuser. Ich bin mit Juan Atkins verabredet. Einem, vielleicht dem, Erfinder dessen, was man seit einigen Jahrzehnten Techno nennt.
Atkins’ Haus liegt an einer Ecke zu der Straße, in der Aretha Franklin gewohnt hat.
Seine Frau öffnet die Tür mit einem Lächeln: Atkins mache sich gerade fertig, erzählte sie mir; sie hätten gestern eine lange Nacht gehabt. Ich fragte, ob ich mir noch etwas die Füße vertreten solle. Ihre Antwort: „Nein, das ist zu gefährlich. Es gibt hier viele Schießereien. Gestern haben sie einen Mann auf der anderen Straßenseite getötet. Kommen Sie rein!“
Erfinder des Techno: Juan Atkins schrieb Musikgeschichte
Ein paar Minuten später taucht Atkins in grauen Jogginghosen auf und bittet mich in sein kleines Büro. Er setzt sich an seinen Schreibtisch, mit geradem Rücken, wie ein Boss. Hinter ihm hängen gerahmte Notenblätter von „Amazing Grace“. Wir öffneten zwei Flaschen Heineken und begannen unsere Reise durch die Musikgeschichte.
Musikgeschichte ist immer dann besonders interessant, wenn es zu Brüchen, zu Aufbrüchen kommt. Etwa Johann Sebastian Bach für Kontrapunkt und Harmonik. Ludwig van Beethoven für die Symphonik und die Sprengung der strengen Sonatenhauptsatzform. Richard Wagner für das Musiktheater als Gesamtkunstwerk aus Musik, Literatur und Theater. Miles Davis, der die Improvisation von Akkordfolgen emanzipierte. Ella Fitzgerald, die mit dem Scat-Gesang die Stimme zum Instrument machte. James Brown, den Wegbereiter von Funk und Hip-Hop, der den Rhythmus über alles stellte.
In diese Reihe gehört Juan Atkins, der Anfang der 80er-Jahre mit ein paar Freunden die Idee hatte, elektronische Musik, wie die von Kraftwerk aus Deutschland, tanzbar zu machen.
Anfang und Mitte der 80er-Jahre ist Juan Atkins Bassist und Multi-Instrumentalist in der Party-Szene von Detroit. Seine Nordsterne sind Parliament und Funkadelic, der sogenannte P-Funk von George Clinton und die Slapping-Bass-Technik von Larry Graham. Und eben die Computer-Preußen von „Kraftwerk“. „Das Besondere an Kraftwerk“, sagt Atkins, „war ihre präzise und reglementierte Musik, das war der Unterschied. Meine Musik war damals sehr locker und organisch. Es war immer alles elektronisch, aber nicht so präzise und streng wie Kraftwerk.“
In Detroit will Techno kaum jemand hören. In Berlin schon
Atkins fängt an, das eine mit dem anderen zu verbinden. Elektronische Musik geht auch groovy. In Detroit will das kaum jemand hören.
In Berlin schon. Da beginnt es.
Atkins erinnert sich: „Es gab damals eine Konferenzreihe in Amerika, das ‚New Music Seminar‘. Sie fand in New York statt. Alle Leute aus der Dance-Music-Szene gingen alljährlich zu dieser Konferenz. Und Dimitri (Hegemann, aus Berlin – der Autor) war auch einmal dabei. Ich hatte vom Tresor gehört. Dimitri hatte die Platte ,Der Klang der Familie‘ herausgebracht, und er war in New York, um sie zu promoten. Der Ruf des Tresor-Clubs eilte ihm voraus. Ich glaube, einer der ersten DJs, die im Tresor auflegten, war Jeff Mills. Das Tresor-Label lizenzierte Musik aus Detroit. Das war einen kurzen Augenblick lang hip und angesagt. Ich spielte mit Jeff Mills. Es war im Keller. Es war surreal, blau-weißes Neon. Das ist es, woran ich mich erinnere. Schwer in Worte zu fassen. Jeder wollte im Tresor spielen. Dessen Ruf war, dass es dort heavy, krachend und voll war, und dass die Leute total darauf abgingen.“
Techno entwickelte sich zur vielleicht prägendsten popkulturellen Erscheinung der letzten vierzig Jahre. Ihr Erfinder, ihr Vorreiter wurde währenddessen weitgehend vergessen.
Wann immer Juan Atkins in den letzten Jahren spielte, waren seine DJ-Sets, seine Auftritte, seine Erscheinungen Hochämter der modernen Musikgeschichte. Er spielte nicht, um die Tanzfläche zu füllen. Er spielte, um seine Geister, seine musikalischen Vorfahren, zu beschwören. George Clinton. Larry Graham. James Brown. Nile Rodgers. Und immer wieder und vor allem Kraftwerk.
Egal ob Juan Atkins im klaustrophobischen Keller des Tresors stand, hinten in der DJ Booth unter der viel zu niedrigen Decke, oder im glamourösen Licht inszeniert auf einer privaten Party, es war immer ein Proseminar der DJ-Culture des 20. und 21. Jahrhunderts. Es ging um etwas. Es hatte einen heiligen Ernst. Und ernst schaute er auch, der alterslos-faltenlose, aber zugleich doch schwerkranke Mann.
Dank Detroit, dank Juan Atkins, it’s a dance
In Nashville wird in dieser Woche im National Museum of Afro American Music eine Hommage an Juan Atkins eröffnet. Der Maestro hatte sich sehr darauf gefreut. Nun ist er kurz vor der Eröffnung in Mexiko in einem Hotel vor einem Auftritt gestorben.
Am 5. Februar 2023 war ich in Berlin-Mitte bei Max Lenz – besser bekannt als Westbam – zum Abendessen zu Hause eingeladen. Wir sprachen über seine musikalischen Vorbilder. Er erwähnte Juan Atkins.
Leider habe er ihn nie kennengelernt. Ich wusste, dass Atkins in der Stadt ist, und schrieb ihm, ob er spontan dazukommen wolle. Dreißig Minuten später war er da. Und das Proseminar wurde zum Hauptseminar. Der Lehrling huldigte dem Lehrmeister. Er sei doch am Ende der wichtigste von allen, sagte der Lehrling.
29. Januar 2024, Detroit. Nach dem dreistündigen Gespräch mit Juan Atkins in seinem Haus gehen wir mit seiner Frau zusammen noch etwas essen. Danach will der Meister uns noch einen kleinen Club zeigen. Es ist ein sehr kleiner Club. Eher eine Bar. Es spielt ein DJ aus der Nachbarschaft. Vielleicht zwanzig Leute tanzen. Juan Atkins stellt sich mitten auf die Tanzfläche und staunt. Es gefällt ihm, was er hört. Seine rechte Hand bewegt sich wie der Taktstock eines Dirigenten. Nur flüssiger. Biegsamer. Nicht steif wie ein Stock. Sondern irgendwie weich wie eine Welle.
Techno ist ja am Ende eine elektronische und leicht beschleunigte Form von Marschmusik. Berlin eben.
Dank Detroit, dank Juan Atkins it’s a Dance.