Lucky Luke von A bis Z
A wie Arizona
Der Anfang von allem: Mit rundem Kinn, noch trickfilmtypischer Vier-Finger-Hand und ohne die Coolness, die später sein Markenzeichen werden sollte („Yep“), taucht Lucky Luke erstmals in Arizona auf oder, besser: im One-Shot „Arizona 1880“, erschienen im Herbst 1946 im „Spirou“. Dass sich Morris gleich an den Großen orientiert, beweist Blatt 18: Der Schurke dort zitiert Hergés Finsterling Rastapopoulos und eine Szene aus dem „Tim und Struppi“-Album „Die schwarze Insel“ (1938).
B wie Belgien
Das frühe 20. Jahrhundert hat den Comic doppelt geboren, einmal in den großen USA und einmal im kleinen Belgien. Es ist nicht ohne Ironie, dass der berühmteste Cowboy, den es hervorgebracht hat, einer der Belgier ist und mit Weste, Hemd und Halstuch die belgischen Farben trägt. „Lucky Luke“ aber ist undenkbar ohne Hergés „Tintin“, mit dem die belgische Klassik 1929 begann, und ohne das kreative Zentrum der Zeitschrift „Spirou“, das nicht nur den jungen Maurice de Bévère alias Morris (1923 bis 2001) entdeckte, sondern auch seinen Freund und Antipoden >Franquin.
C wie Cooper
„Es steckt viel Gary Cooper in Lucky Luke“, sagte Morris. Das gilt für Physis, Klamotten und sogar für die selbstgedrehten >Zigaretten. Cooper aber ist nur das wichtigste Vorbild unter vielen: den Stummfilmhelden Tom Mix oder James Stewart zum Beispiel. Und, wieder Morris: „Am Ende einer jeden Episode gibt es eine Erinnerung an einen der singenden Cowboys, sei es Roy Rogers oder Gene Autry.“
D wie Dalton
Morris’ größter Fehler? In „Die Gesetzlosen“ (1954, aber Band 81! – siehe >Koralle) hat er Bob, Grat, Bill und Emmett Dalton um die Ecke gebracht – und nachher bemerkt, wie gut er die vier >Outlaws noch brauchen konnte. Und so sind die Daltons als ihre Vettern Joe, Jack, William und Averell in „Vetternwirtschaft“ (1958, aber Band 21!) wiedergekehrt, um zu Fixsternen im „Lucky Luke“-Universum zu werden. Was in etwa so ist, als würde aus Billy auf einmal Willy the Kid.
E wie Erwachsen
Wenn es stimmt, dass es in Charles M. Schulz’ „Peanuts“ mit dem Hund Snoopy nur ein einziges Kind zu sehen gibt, dann ist für Lucky Luke das Gegenteil wahr: Morris’ verblüffend unkomischer Held ist der einzige Erwachsene in einer Welt voller missratener (aber dafür komischer) Kinder. In seinem habgierigen, missgünstigen, dummen, brutalen Wilden Westen hat alle Welt den Verstand verloren. Lucky ist, wer seinen noch hat. (Aber eben auch lonesome.)
F wie Franquin
Jeder Goethe braucht einen Schiller, jeder >Shakespeare einen Marlowe. André Franquin (1924 bis 1997) kam zeitgleich mit Morris zu „Spirou“, zusammen mit >Jijé gingen sie auch gemeinsam nach Amerika. Dort trennten sich ihre Wege nicht zuletzt stilistisch: Der Strich des reifen Franquin platzt förmlich aus den Panels, Morris hingegen nimmt sich zusehends zurück. Gegen die Wimmelbilder Franquins setzte er die nüchterne Geometrie seiner Draufsichten – den Zirkelschlag einer Wagenburg oder das von Joe Daltons Pistolenschüssen unterteilte Tortendiagramm eines Saloons. Vergleichen Sie mal die Hintergründe von „Lucky Luke“ und „Gaston“.
G wie Goscinny
Begnadeter Szenarist, der, man beachte die Reihenfolge, erst mit „Lucky Luke“ und dann mit „Asterix“ losgelegt hat. Ab 1954 arbeitet René Goscinny (1926 bis 1977) mit Morris zusammen, zunächst undercover, auch weil Goscinny als Gewerkschafter galt. Mit ihm und „Die Eisenbahn durch die Prärie“ (1957, Band 79) beginnt das Goldene Zeitalter des Lonesome Cowboys. Morris: „Ich folge tatsächlich ganz treu dem, was er verlangt.“
H wie Hill
Yep, es gibt eine Realverfilmung von „Lucky Luke“, genau genommen sind es sogar zwei. 1991 hat Terence Hill aus Morris’ Vorlage einen, nun ja, Terence-Hill-Film gemacht. 2004 (mit Til Schweiger) und 2009 (mit Jean Dujardin) wurde es auch nicht viel besser. Dass Terence Hill ab ’92 noch eine Fernsehserie dranhängte, haben wir glücklich vergessen.
I wie Indianer
Vermintes Gelände auch für >Goscinny, der jedem, der ihn Rassist nenne, eine schallende Ohrfeige versprach.
J wie Jijé
Der Pater familias der École Marcinelle, benannt nach dem Verlagssitz von „Spirou“, und damit der Mann, der Morris und >Franquin machen ließ. Joseph Gillain, wie Jijé (1914 bis 1980) mit bürgerlichem Namen hieß, quartierte die jungen Wilden bei sich in Waterloo ein und bot ihnen mit „Spirou“ ein Magazin, das weit weniger bürgerlich war als das rivalisierende „Tintin“-Magazin in Brüssel.
K wie Koralle
Zu den ewigen Rätseln deutscher „Lucky Luke“-Leser gehört die Frage, warum die Reihe mit Band 15 („Die Postkutsche“, 1968) beginnt. Des Rätsels Lösung: Die ersten 14 Bände sind nicht bei Ehapa, sondern im Koralle-Verlag erschienen und wurden später mit anderer Zählung neu integriert. Die Konsequenzen sind babylonisch: Band 1 („Dalton City“, 1969!) kommt seitdem als Band 36 daher, Band 14 („Der Kaiser von Amerika“, 1976) als 57. Alles Averell, oder was?
L wie Longevity
Wie alt ist Lucky Luke – also nicht der Comic, sondern der Mann? Einerseits ist das natürlich unmöglich zu sagen, andererseits: Ein bisschen nachrechnen kann man schon. So ist Luke beim Bau der ersten transkontinentalen Telegrafenleitung 1861 dabei („Der singende Draht“, 1977), aber auch beim Run auf Oklahoma am 22. April 1889 („Auf nach Oklahoma“, 1960). Lucky Luke müsste also eher in den 1830ern als in den 1840ern geboren sein und damit der Generation Mark Twain angehören. Dass er bei so manchem Abenteuer ü50 ist, sieht man ihm natürlich nicht an.
M wie Monochrom
Morris gilt als der Cartesianer des frankobelgischen Comics, der große Nüchterne der École Marcinelle. Sein Strich wird mit den Jahren so hager wie sein Held, vor allem sein Einsatz von Farbe bleibt sparsam. „Lucky Luke“, der Comic, denkt seine Bilder schwarz-weiß. Im Verlauf seiner Entwicklung setzt Morris Farbe immer öfter monochrom ein, bis es in „Familienkrieg in Painful Gulch“ (1962) ganze blaue oder rote Seiten gibt und die Figuren zu Scherenschnitten werden.
N wie Nothing Gulch
Die Heimatstadt von Lucky Luke und Schauplatz seiner Kindheit, von der Achdés-Band „Lucky Kid“ (2011) erzählt. Wo Nothing Gulch liegt: keine Ahnung, der Name deutet es an. Aber das Ortsschild verrät: „Eine schöne Stadt! Eine schöne Kirche! Ein schöner Galgen!“ Und am Ende reitet LucMarsupilamiky Kid ohnehin fort.
O wie Outlaw
Die Tendenz hatte Morris vorher schon, aber mit >Goscinny geht „Lucky Luke“ systematisch ad fontes, schreibt eine Geschichte des Westens in Episoden und wird, quasi im Vorüberreiten, zum Revolverheldenlexikon. „Jesse James“, „Billy the Kid“ oder „Calamity Jane“ werden zu Titelhelden, und Black Bart, die Verse schmiedende Nemesis von Wells Fargo, ist der heimliche Star von „Die Postkutsche“.
P wie Pferd
Der beste Freund des Cowboys, aber auch der beste Freund von Morris, der Pferde einfach kann. Da er als Trickfilmzeichner begonnen hat, ist er es gewohnt, Bewegung in Sequenzen zu zerlegen; auch die berühmten Phasenbilder des Eadweard Muybridge sollen ihm bei seinen galoppierenden Pferden geholfen haben, allen voran natürlich bei Jolly Jumper, der ab Sommer 1956 sogar langsam zur menschlichen Sprache findet. Noch zögerlich in „Der falsche Mexikaner“ und dann richtig in „Den Daltons auf der Spur“ (1960, Band 17).
Q wie Quatsch
… womit wir bei den Medien wären, dem Thema von „Der Daily Star“ (1984, Band 45). Horace P. Greeley, der die gleichnamige Zeitung verlegt, ist eine von vielen historischen „Lucky Luke“-Figuren und war übrigens nicht nur Verleger, sondern auch (erfolgloser) Präsidentschaftskandidat und Mitbegründer der Republikaner. Auf den Namen Quatsch aber hört hier ein Zeitungsjunge, der eigentlich Jack London heißt.
R wie Rantanplan
Von allen tierischen Begleitern der frankobelgischen Klassik der Dümmste und wahrscheinlich auch der Lustigste. Dabei ist die Reihe lang, reicht sie doch von Tims Struppi über Asterix’ Idefix bis zu Spirous Marsupilami. Der legendär unverständige Hund taucht erstmals 1960 auf (vielleicht nicht zufällig in dem Band, in dem Jolly Jumper richtig zu sprechen beginnt). Rantanplan sei der Anti-Rin-Tin-Tin (aus der gleichnamigen Fernsehserie), hat >Goscinny gesagt, denn der Wunderhund habe ihn und Morris „immer ein bisschen genervt“.
S wie Shakespeare
Darf nirgends, also auch in „Lucky Luke“, fehlen. Wird sowohl von Waldo Badmington in „Das Greenhorn“ (1968, Band 16) zitiert als auch, etwas überraschender, vom >Outlaw Frank James. Luke posiert sogar mal mit Totenschädel vor einem Shakespeare-Porträt. Es bleibt allerdings unklar, inwieweit ihn das zum Hamlet macht.
T wie Totengräber
Der Totengräber (Zylinder, Kutsche, Geierbegleitung) gehört seit 1948 fest ins Morris-Programm. Als Memento mori wird er umso wichtiger, als Morris seit dem Missgeschick mit den >Daltons vom Tod lieber die Finger lässt.
U wie Uderzo
Uderzo, Albert: der Zeichner, mit dem >Goscinny noch größere Erfolge als mit Morris feierte. Uderzo, Giovanni: die (fiktive) Figur, mit der Goscinny Uderzo in der Welt des Morris verewigt hat. Taucht so in „Der Kaiser von Amerika“ auf. Stammt aber quasi aus Rom.
V wie Van Cleef
Ein Belgowestern darf sich vorm Italowestern nicht fürchten. In „Der Kopfgeldjäger“ (1972, Band 26) wird er als Lee-Van-Cleef-Karikatur mühelos integriert.
W wie Western
Lucky Luke ist ein Kind des Kinos, auch wenn er seinen Namen wohl nicht von Harold Lloyds noch stummem Slapstick-Cowboy „Lonesome Luke“ bekommen hat. Der junge Morris war besonders von John Fords „Stagecoach“ (1939) mit John Wayne fasziniert, die allermeisten kanonischen Western jedoch waren, als Morris sein Lebenswerk begann, noch nicht mal gedreht. Doch so wie „Asterix“ auf unser Antikenbild wirkt, wirkt heute auch „Lucky Luke“ auf den Western zurück. Was das Verhältnis von Original und Parodie anbelangt, zieht der Schatten öfter mal schneller als der Mann.
X wie Xochitecotzingo
Nach allgemeinem Dafürhalten das einzige initiale X im gesamten „Lucky Luke“-Kosmos, dafür kommt es in einem echten Klassiker vor. In „Tortillas für die Daltons“ (1966, Band 28) überfallen die vier Brüder im mexikanischen Xochitecotzingo eine Bank. Leider gibt es dort statt eines Tresors nur einen Schuhkarton. Alles Averell mal wieder.
Y wie Yosemite (oder Yukon)
Morris ist auch ein Landschaftsmaler. Die amerikanische Weite hat er typisiert und gern zum Zentrum seiner Zeichnungen gemacht, sodass die Figuren darin verschwinden. Siehe den wie eine Torte geteilten Apache-Canyon, auf dessen Plateau menschliche Gestalten zu Tuschespritzern werden. In „Die Postkutsche“ gerät die Salzwüste gar gleich ganz zum „unbeschriebenen Blatt“ – der dahinjagende Luke wird zum Fall für die Lupe.
Z wie Zigarette
… hatte Luke von Gary >Cooper, ab seinem Abenteuer mit „Fingers“ (1983, Band 41) ist er sie los – zuerst hatten die Hanna-Barbera-Studios im Zuge einer Trickfilmreihe darum gebeten. Ein Sakrileg oder eine weise Entscheidung, ihn zum Nichtraucher zu machen? Vielleicht weder noch, sondern bloß der Weltgeist, der bei seinem Walten an einem Grashalm kaut.
Dieser Beitrag stammt aus der großen Lucky-Luke-Sonderausgabe der WELT AM SONNTAG anlässlich des 80. Geburtstags des berühmten Comics. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück gern hier bestellen .