Liegt es am Schmerbauch? Nicht mal Tom Cruise kann die gehypte Klima-Satire „Digger“ retten
Angeblich dauerte es bei den Dreharbeiten sechs Stunden, bis Tom Cruise die Schwabbelprothesen anhatte. Aber nur am Anfang. Denn Cruise ist bekannt für seinen zähnefletschenden Perfektionismus.
Das muss schneller gehen, Leute, befahl er. Unmöglich, beschieden ihm die Maskenbildner. Auf dem Ohr sei er taub, so Cruise. Bald hatte er die Zeit, die es dauerte, bis er sich äußerlich vom bekannten „Mission: Impossible“-Best-Ager in den schmerbäuchigen Ölmagnaten Digger Rockwell verwandelte, runter auf eine Stunde.
Es wäre schön, wenn man als Zuschauer die gleiche Möglichkeit hätte, die Laufzeit von Alejandro G. Iñárritus vermeintlichem Herbst-Hit „Digger“ radikal abzukürzen. Offiziell dauert der Film zwei Stunden, gefühlt eher sechs. Auf YouTube kann man Videos in zweifacher Geschwindigkeit abspielen. Im Kino geht das leider noch nicht. Dabei hätte das den weiteren Vorteil, dass das pausenlose Geschrei, das in „Digger“ auf einen einplärrt, charmant ins Teletubbige gezogen würde. Vielleicht wären dann auch ein paar Gags lustiger.
Praktisch alle Figuren – konsequent aus der Froschperspektive gefilmt – brüllen permanent aus Leibeskräften, am schlimmsten John Goodman als amerikanischer Präsident und Sandra Hüller als Diggers kleine Schwester. Ein schwacher Trost ist, dass der eine bald eingefroren und die andere auf Eis gelegt wird. Hüller hat eine Klitsche für irgendwas mit Nachhaltigkeit. Die ist aber nur so lange finanzierbar, wie das Öl, das ihr Bruder einem geschundenen Planeten abpresst, munter sprudelt. Damit ist allerdings schon in den ersten Minuten Schluss, als halb Grönland in die Luft fliegt.
Eben hat Digger noch mit einem verunsicherten Sicherheitsbeauftragten telefoniert. Da stürmt auch schon Riz Ahmed herein, sein oberster Sicherheitschef, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass alles für die Katz ist, der verunsicherte Sicherheitsbeauftragte inklusive. Es habe Bumm gemacht. Und das sei nicht mal das Schlimmste. Das Schlimmste sei, dass sich ein Eisberg von der zigfachen Größe Washingtons gelöst habe und auf Nordeuropa zutreibe – mit gravierenden Tsunamifolgen für Holland, Norwegen, Dänemark und so weiter. Die prognostizierten Kosten gehen in die Fantastillionen.
Ergebnis des Meetings mit dem Präsidenten und seinen graugesichtigen Beratern: Firewall aktivieren. Soll heißen: Füße stillhalten und aus dem Internet in Echtzeit alles Kompromittierende herausfiltern: Eisberg, Grönland, Katastrophe, Al Gore. Die anwesenden Militärs sind in ihrem tumben Bombardierungswillen Karikaturen von Karikaturen. Nur Tom Cruise gibt sich erkennbar Mühe, als Charakterdarsteller wahrgenommen zu werden, auf dass dabei endlich mal ein richtiger Oscar herausspringe. Die anderen scheinen entschlossen, die diversen in die Luft fliegenden Bohrinseln knallchargierend zu begleiten.
Als man innerlich schon das Handtuch werfen will, winkt Hoffnung durch einen Meta-Twist, auch wenn man ihn aus dem Augenwinkel schon lange hat kommen sehen: Wir wohnen gar keiner realistischen Szene bei, sondern nur einem Theaterstück über eben die Misere, die 20 Jahre zuvor die Welt zugrunde gerichtet hat. Als am Ende nach der Premiere die Türen aufgehen, holt das Publikum die Atemmasken heraus. Draußen ist noch mehr Dystopie als auf der Bühne. Das Stück im Film heißt „Fossil Fools“, ein Wortspiel, in dem fossile Brennstoffe und verknöcherte Volldeppen kurzgeschlossen werden.
Die Theater-Handlung hinter den Kulissen beschränkt sich auf einen abwechselnd Text lernenden und um seine Tochter besorgten Cruise. Letztere ist auf einem Propellerflugzeugflug in der Karibik verschollen. Ein schleimiger Produzent (Jesse Plemons) mit verbotener Frisur lauert ihm wiederholt auf. Schließlich erweist er sich als Retter in der Not – und als Verwandter des echten Digger.
Klingt verwirrend? Ist es auch. Zwischendurch gibt es bizarre Auftritte vor einer Art Mischung aus UN-Vollversammlung, Den Haag und EU‑Parlament. Auch hier sind alle graugesichtig, offenbar weil Politiker doch seltener an die frische Luft kommen, etwa unter der Sonne Mallorcas, als Digger ihnen wutschnaubend und jetzt auch endlich aus Leibeskräften brüllend unterstellt.
Der Film gibt irgendwann zu, dass er weiß, dass er ganz und gar unlustig ist – trotz der campen Ästhetik, die irgendwo zwischen Wes Anderson, „Hudsucker“, „Brazil“ und „Citizen Kane“ herumeiert. Das ist leider auch keine Hilfe. Ein Kritiker, der soeben der Londoner Weltpremiere beiwohnte, brachte es auf X auf den Punkt: „Digger“ sei „oberflächlich betrachtet ein absichtlich schlechter Film – und bei genauerem Hinsehen ein unabsichtlich schlechter“.
Warum das alles? Will Iñárritu vor dem Klimawandel warnen? Will er die Globalisierung bashen? Will er Verschwörungstheorien eines gewissenlosen militärisch-politisch-industriellen Komplexes befeuern? Will er ein melancholisches, selbstreferenzielles Rührstück über die Wirkungslosigkeit von Kunst drehen? Will er sich in Charlie Kaufman verwandeln (siehe „Adaption“, „Synecdoche, New York“ etc.)? Oder eifert er der Greek Weird Wave um Yorgos Lanthimos („Poor Things“) nach? Fragen über Fragen. Der Film bleibt die Antworten schuldig. Man verlässt ihn ratlos und tendenziell traurig über das Missverhältnis aus vor sich her getragenem Moralismus und unterschwelliger Eitelkeit.
Dabei ist die Produktion über alle Zweifel erhaben. Die Bilder, gedreht auf 35 Millimeter in VistaVision, sehen sehr hübsch aus. Die ganzen Sonnenuntergänge vor den Panoramafenstern des Diggerschen Anwesens sind herzallerliebst hingepinselt, als würde gleich Rhett Butler aus „Vom Winde verweht“ vorbeireiten. Kameramann Emmanuel Lubezki arbeitet mit seinem mexikanischen Kompatrioten Iñárritu seit „Birdman“ (2014) zusammen. Von Lubezki kommen etwa die grandiosen Aufnahmen von „The Revenant“ (2015), in dem, wir erinnern uns, Leonardo DiCaprio rohe Bisonleber aß und dafür zu Recht mit dem Oscar bedacht wurde.
Cruise hat sichtlich denselben Ehrgeiz und nimmt dafür all den Unsinn in Kauf. In einem der nachvollziehbareren Handlungsstränge regt er sich darüber auf, dass, was als Satire gemeint sei, in der Farce verebbe. Jedenfalls trifft Cruise keine Schuld an dem Debakel. Er streichelt seine moribunde Roboterkatze mit maximaler Hingabe und lässt sich von ihr nach allen Regeln der Kunst den Pyjama bepinkeln. Nicht auszuschließen, dass ihn die Academy aus purem Mitleid für den Oscar nominiert. Von Sandra Hüller ist nach ihren ersten Szenen nicht mehr viel zu sehen.
Abschmierender Anti-Öl-Aktivismus
Die Musik stammt übrigens von Cosmo Sheldrake, dem Sohn des Biologen Rupert Sheldrake. Der ist bekannt für seine esoterische Theorie der „morphischen Felder“, der zufolge sich einmal etablierte Muster in der Natur spontan an ganz anderer Stelle erneut ausprägen. So gesehen wäre „Digger“ vielleicht der zombifizierte und seelisch tote Wiedergänger von Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“.
Das große Problem ist die Konfusion, in der sich „Digger“ komplett verliert. Sie erstreckt sich auf Handlung, Spiel und Tonalität. 125 Millionen Dollar hat sich Warner Bros. den Schuss in den Ofen kosten lassen, kurz bevor das Studio für 111 Milliarden Dollar an Paramount Skydance geht. Es bewirbt ihn als „Komödie katastrophalen Ausmaßes“. Das ist näher an der Wahrheit, als es Warner lieb sein kann. Als echtes Theaterstück, ein wenig phlegmatischer und mit weniger Schaum vor dem Mund inszeniert, vielleicht von Marthaler an der Berliner Volksbühne, würde das Skript womöglich besser funktionieren. So bleibt leider nur zu konstatieren: Dieser Anti-Öl-Aktivismus schmiert ab – ein Rohrkrepierer.