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Plötzlich ist Leihmutterschaft keine Ausbeutung von Frauen mehr, sondern ein Akt der Selbstbestimmung. Auf diese Art kann man vieles hübsch verkaufen. Das Kopftuch. Die Vollverschleierung. Prostitution. Diese Sicht auf die Welt ist vor allem eines – wohlstandsverwöhnt.

Ich habe mich in den letzten Tagen eine Sache gefragt: Ob der Feminismus zu wohlstandsverwöhnt geworden ist. Ob er vergessen hat, für wen er da sein sollte. Nämlich für alle Frauen, nicht nur für die Super-Privilegierten unter ihnen.

Beim Thema Leihmutterschaft hatte sich auch Frauke Brosius-Gersdorf zu Wort gemeldet, die knapp verhinderte Bundesverfassungsrichterin. Sie ist überzeugte „My body, my choice“-Verfechterin. Ginge es nach ihr, würde Leihmutterschaft – also ein Kind für jemanden anderes auszutragen – erlaubt sein. Dann, wenn die Frau es „gut informiert, freiwillig und als autonome Entscheidung“, also völlig selbstbestimmt mache. Ein Verbot, sagt sie sinngemäß, sei übergriffige staatliche Bevormundung.

Unverbrüchlich an der Seite der Privilegierten

Ich habe mich gefragt, wie viele das wohl sein werden, diese freiwilligen, autonom handelnden Frauen. Die völlig selbstbestimmt ein Kind für jemand anders austragen, ohne das Geld zwingend zu brauchen. Normalerweise ist man auf der progressiven Seite ja für jedes noch so winzige Mikro-Privileg hochempfindlich. Steht unverbrüchlich an der Seite der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Nur hier argumentiert man plötzlich selbst von weit oben herab aus dem Elfenbeinturm. Für einen kleinen privilegierten Bruchteil will man ein Verbot aufweichen, das eine große Mehrheit vor Menschenhandel schützt.

Wenn das Kopftuch plötzlich Empowerment ist

Zumutungen für Frauen werden heutzutage gern als Selbstbestimmung deklariert. Das Kopftuch ist da ein wunderbares Beispiel. Es gilt inzwischen als antiquiert zu glauben, Frauen würden es aus Zwang tragen. Nein, sie tragen es aus Stolz! Kopftuch ist Empowerment! „Modest fashion“ ist angeblich ein erfolgreicher Modetrend, Frauen entscheiden sich ganz selbstbestimmt für die Verschleierung. Wer darin noch ein Symbol islamisch‑patriarchaler Strukturen sieht, gilt als arrogant und kolonialistisch. Dass das Kopftuch genau das in zahlreichen Ländern auf der Welt noch ist – was soll‘s. Über das Stadium der Unterdrückung sind wir längst hinaus. Bei uns ist Kopftuch Freiheit!

Ähnlich faszinierend ist die Logik bei der Prostitution. Grüne und SPD haben uns schon vor Jahren eines der liberalsten Gesetze Europas beschert. Wir mauserten uns damit zum Puff des Kontinents. Weil im Rotlichtmilieu natürlich alles völlig selbstbestimmt abläuft, spricht man statt von „Prostituierten“ jetzt von „Sexarbeiterinnen“. Es soll sich anhören wie ganz normale Arbeit. Die neue sensible Sprachregelung macht den Frauen den Job bestimmt gleich viel erträglicher.

Aus Interesse habe ich mal nachgeschaut. Über 80 Prozent der Prostituierten haben keinen deutschen Pass. Viele stammen aus Rumänien. Seit ein paar Jahren sind es besonders viele Ukrainerinnen. Wenn eine Nationalität in Statistiken überproportional auftaucht, liegt meist etwas im Argen. So gesehen schreien diese Zahlen förmlich nach einem Missstand. Aber man soll ja bekanntlich nicht auf Nationalitäten schauen, shame on me.

Das trojanische Pferd der Selbstbestimmung

Heute läuft Ausbeutung von Frauen eben raffinierter als früher. Wie erwähnt ist die neue Masche, Entscheidungen von Frauen als Ausdruck Selbstbestimmung zu verkaufen. Es funktioniert wie ein trojanisches Pferd. Man tut so, als meine man es besonders gut mit den Frauen. Ganz freiwillig fallen sie darauf herein. Aber tief im Inneren lauert der fiese Eroberungsplan.

Besonders ausgefuchst kommt die softe Variante der Leihmutterschaft daher, die „altruistische“. Hier gibt es kein großes Geld, nur Aufwandsentschädigung. Man spendet praktisch ein Baby. Für die Cousine, die keine Kinder austragen kann. Eine Freundin, die zu alt fürs Kinderkriegen ist. Einen männlichen Freund. Wenn im Freundes- oder Familienkreis Not herrscht, sollen eine Frau und ihre Gebärmutter ganz selbstlos einspringen dürfen.

Wer erwartet, dass Frauen aus reiner Güte Kinder für andere austragen, hält weibliche Selbstaufopferung offenbar für unerschöpflich. Woher weiß man eigentlich, dass kein familiärer Druck dahintersteckt? Dass nicht doch Geld fließt – nur eben unter der Hand? Wie zum Teufel überprüft man überhaupt Freiwilligkeit?

Der Milliardenmarkt der Zukunft

Wer glaubt, die Zukunft der Leihmutterschaft liege wie im Fall von Jens Spahn vor allem bei schwulen Pärchen, liegt falsch. Der potenzielle Markt ist unersättlich. Auch Single-Männer wollen heutzutage Babys. Ältere, reiche Karriere-Frauen sowieso. Mit 60 noch ein Kind. Warum der Biologie nicht selbstbestimmt ein Schnippchen schlagen, mit einer ebenfalls selbstbestimmten Leihmutter? Mit dem nötigen Kleingeld ist das Leben ein Wunschkonzert.

Und dann wären da noch die gebärfähigen Frauen, die ihr Kind selbst lieber nicht austragen wollen. Paris Hilton erklärte einmal, „der körperliche Teil“ einer Schwangerschaft bereite ihr Angst. Ihre zwei Kinder bekam sie mithilfe einer Leihmutter. Die Liste prominenter Hollywood-Beispiele ist lang.

Wenn Ausbeutung modern klingt

Wer jetzt schon wieder an Ausbeutung denkt – warum denn gleich so zugeknöpft? Man kann das alles auch anders betrachten. Super-selbstbestimmt eben. Warum nicht das Machtgefälle der Welt schamlos ausnutzen? Das biologische Privileg des Kinderkriegens egoistisch zum eigenen Vorteil nutzen? Statt sich Anfang 20 sterilisieren zu lassen – der neuste Schrei unter jungen Frauen –, wäre dann Gebärfreudigkeit der neue Hit. Als Studenten-Job ließe sich damit nebenher gut Geld verdienen. Ein, zwei Schwangerschaften und die eigene Immobilie ist finanziert. Der „gender pay gap“ würde rasch dahinschmelzen.

Wenn alle so heiß auf absolute Selbstbestimmung sind, warum machen wir eigentlich nicht gleich Nägel mit Köpfen? Es kann doch nicht nur um Frauenkörper gehen. Warum nicht gleich den Organhandel liberalisieren? Wer Geld braucht, verkauft seine zweite Niere. Warum noch Blut spenden, wenn man es auch lukrativ verticken kann? Wie wäre es mit ein paar heiklen, selbstbestimmten Menschenversuchen – gehen sie gut, dann hätte man ein für alle Mal ausgesorgt. Oder warum nicht gleich die freiwillige Sklaverei auf Zeit? Der Selbstausbeutung, pardon, Selbstbestimmung sind dann keine Grenzen mehr gesetzt. Mittelalterliche Zustände kann man auch ganz modern verkaufen.