„Leben dort noch Deutsche?“ – „Ich glaube nicht. Stalin hat sie alle weggebracht“
Auswandern – ein Dauerbrenner in den deutschen Medien. Erst kürzlich wurde gemeldet: Noch nie seit Beginn der offiziellen Wanderungsstatistik haben so viele Deutsche das Land verlassen wie im Jahr 2025 – nämlich mehr als 288.000, Rekord.
Auch Michael Riepl, ein Deutscher aus der Oberpfalz, lebt seit einigen Jahren im Ausland: mit Frau und Kind in Armenien. Er hat ein Buch geschrieben, das das Thema Deutschtum in der Diaspora mit einer historischen Facette vertieft, denn in „Ferne Heimat Altmontal“ erzählt er die Geschichte seiner Großmutter Hedwig Krämer, die 1919 als Kind deutscher Siedler in der (heute russisch besetzten) Oblast Saporischschja in der Südukraine geboren wurde und 2005 in Bayern starb.
Es gab in der Region um Halbstadt (heute: Molotschansk) zwischen dem Fluss Dnipro und dem Asowschen Meer seit dem frühen 19. Jahrhundert Siedlungen mit insgesamt Zehntausenden von Deutschen. Deutsche Kolonisten auf dem Gebiet des früheren Zarenreiches wurden von Katharina der Großen und später von Zar Alexander I. gezielt angeworben, um bis dato dünn besiedelte Gebiete für die Landwirtschaft zu erschließen. Die Krämers aus Baden zog es Anfang des 19. Jahrhunderts die Donau hinab und dann weiter entlang des Schwarzen Meers bis in die südliche Ukraine – andere zog es weiter bis an die Wolga oder in die Kaukasusregion.
Deutschland war also auch damals schon Auswanderungsland. „Ernteausfälle, politische Verfolgung und das Leid der napoleonischen Kriege trieben Menschen aus ihrer Heimat, die sie drückte wie ein alter Schuh“, schreibt Riepl in seinem Buch, das über das Leben seiner Großmutter hinaus die Geschichte einer ganzen Volksgruppe anschaulich macht, die für ihre Leistungen allenthalben bewundert wurde: „Mehl aus deutschen Mühlen war in ganz Russland begehrt. Die Deutschen modernisierten die Landwirtschaft, forsteten auf, rationalisierten, erfanden neue Pflugmaschinen und Bewässerungssysteme.“
Riepls 2006 gestorbene Großmutter hatte ein Typoskript hinterlassen, mehr als 300 schreibmaschinenbeschriebene Seiten. Der Enkel hat sie zur Grundlage seines Buches gemacht, das laut Untertitel „Das Leben meiner Großmutter zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus“ erzählt – und doch noch mehr als das, denn Riepl reiste selbst auch in diese Regionen, war im Zuge seiner Tätigkeiten für das Internationale Rote Kreuz in der Ukraine und in Armenien tätig, und schaltet Kapitel seiner Spurensuche in den Jahren 2018 bis 2025 zwischen die Lebensgeschichte seiner Oma.
Mit Gespür für alles, was riecht und schmeckt, schildert Riepl – auf Basis der Aufzeichnungen seiner Großmutter – die Welt der Hedwig Krämer: eine Welt, die längst untergegangen ist. Und doch erinnerungswürdig. Es waren Zeiten, in denen man zehn Kilometer noch ganz selbstverständlich zu Fuß ging. Und zwar morgens hin und abends zurück! Hedwigs Mutter backte das beste Brot des Dorfes. Die Wassermelonen auf den Feldern wurden groß und prall, das Klima der südlichen Ukraine ließ sie hervorragend gedeihen, bei Hitze kühlte man sich im Flüsschen Molotschna ab.
„In ihren Erinnerungen widmet meine Großmutter dieser Zeit zwanzig Seiten und spricht von ihrer ‚glücklichen Kindheit‘. Die Familie Krämer wuchs und wuchs, bald waren sie zu acht. Der Vater Johann, die Mutter Amanda und die Kinder Ernst, Anita, Johanna, Hedwig, Johann und Kurt.“
Noch in den 1920er Jahren lebten Zehntausende Deutsche in der Gegend von Halbstadt (Molotschansk). Im nahegelegenen Altmontal (Samoschne) war Hedwig Krämers Vater als Dorfschullehrer tätig gewesen. Doch als Gegner des Kommunismus gab er den Beruf auf und musste seine bald achtköpfige Familie durch Ackerbau und Obstgärten ernähren.
Sie wurden als Kulaken drangsaliert
Doch die Bolschewisten wurden immer argwöhnischer gegenüber allen selbstständigen Bauern. Wer sich den Kolchosen und Zwangskollektivierungen nicht anschloss, wurde zu den sogenannten Kulaken (systemfeindlichen „Großbauern“) gezählt, verunglimpft und bestraft. Stalins rigorose Politik, die auf den Getreide-Export setzte, verlangte von den landwirtschaftlichen Betrieben immer höhere Ernte-Abgaben.
Im Oktober 1931 wird Johann Krämers Vieh von der sowjetischen Geheimpolizei beschlagnahmt. Später lässt Stalin viele Kulaken deportieren oder liquidieren. „Stalins Wahnvorstellung von einer Kulakenverschwörung löste eine der größten Zwangsumsiedlungen der Weltgeschichte aus. Ab 1930 wurden 1,7 Millionen Menschen nach Sibirien, in den Ural oder nach Kasachstan deportiert.“
Und weiter erfahren wir: „Nachdem die Geheimpolizei Johann Krämer im Oktober 1931 zum ersten Mal aufgesucht und das gesamte Vieh beschlagnahmt hatte, sahen die Krämers ohnmächtig zu, wie Altmontal um sie herum langsam starb. Man holte die Wagners, die Hechts und die Lugers. Man holte sie nachts und hinterließ keine Spuren. Das Vieh und die Gerätschaften, das Geschirr und die Möbel wurden noch vor Sonnenaufgang weggeschafft. Zurück blieben leere Höfe wie abgenagtes Aas.“
Kurz vor Heiligabend 1931 plündern Stalins Schergen das Wohnhaus der Krämers, nehmen deren gesamtes Hab und Gut mit. „Von da an lebten die Krämers in einem leeren Haus und aßen getrocknetes Brot, das die Mutter auf dem Speicher versteckt hatte. Ihnen war klar, dass es nicht mehr um ihr Hab und Gut ging. Sie hatten nur noch ihr Leben. Niemand schlief, alle hatten Angst. Die Angst war gewollt, sie lähmte, verhinderte jeden Widerstand. Aber welchen Ausweg gab es schon? Wo sollten sie hin? Eine Familie mit sechs Kindern, mitten im Winter? Ohne Wagen, ohne Pferd, ohne gültige Papiere?“
Eindrücklich schildert Riepl – auf Basis der Notizen seiner Großmutter – die nun folgenden Jahre im Holodomor. Das war die gezielte Aushungerung durch Stalin, von der in Mitteleuropa immer noch viel zu wenig bekannt ist. Während die Sowjetunion 1931/32 jeweils zwei Millionen Tonnen Weizen exportiert, erleidet die einheimische Bevölkerung eine Hungerkatastrophe. Fünfeinhalb Millionen Sowjetbürger sterben, davon mehr als drei Millionen Menschen allein in der Ukraine, einer der fruchtbarsten Regionen der Welt.
Zufall oder Fügung: Eines Tages taucht bei den Krämers plötzlich ein entfernter Cousin von Hedwig auf. Er heißt Jascha und ist Kaukasusdeutscher, der mit seiner Familie in Annenfeld lebt, einer deutschen Siedlung in Aserbaidschan. Er „schmuggelt“ seine ausgehungerte, zwölfjährige Cousine auf einer zweitägigen Zugreise außer Landes.
Hedwig lebt nun fünf Jahre bei den Kaukasusdeutschen und hat furchtbar Heimweh. Sie besucht die deutsche Schule in Annenfeld und wird, wie alle Kinder damals, bei der Ernte eingesetzt. In den Ausläufern des Kleinen Kaukasus, an der Bahnstrecke von Baku in Richtung Tiflis (Georgien), ist die Ernährungslage etwas besser als in der Ukraine.
Ende der 1930er Jahre kehrt Hedwig in die Ukraine zurück und absolviert in Halbstadt/Molotschansk eine Ausbildung zur Hilfsärztin, einen Beruf, den es so nur in der Sowjetunion gab, fachlich angesiedelt zwischen Krankenschwester und Arzt.
Obwohl der Stalin-Terror jener Jahre immer schlimmer wird und Denunziationen Menschen willkürlich in den Gulag nach Sibirien bringen – es trifft auch Hedwigs Vater –, harrt der weibliche Teil der Familie Krämer noch aus. Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion ab 1941 sind über Nacht alle Deutschen Volksfeinde, für die einrückenden deutschen Besatzer wiederum sind es „Volksdeutsche“, die eine Mission zu erfüllen haben: Hitlers Idee vom „Lebensraum im Osten“ verwirklichen.
Wer sich für Auswirkungen der Zeitläufte auf normale Menschen interessiert, der liest „Ferne Heimat Altmontal“ wie ein lebendiges Geschichtsbuch, denn Riepl macht neben dem Leben seiner Oma die Geschichte einer ganzen Volksgruppe anschaulich und ihr Hin- und Hergeworfensein im „Reißwolf zweier Diktaturen“ (Natascha Wodin).
In der Diaspora des Deutschtums
Wie Hedwig Krämer ihre fast komplette Familie verlor, wie sie sich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs selbst nach Deutschland schmuggelte und wie sie sich dort ein neues Leben aufbaute, Landärztin in der Oberpfalz wurde und bis ins hohe Alter vor den Susliks warnte (Erdhörnchen, die es im Kaukasus gab, und die gern Gurken im Garten vertilgten), das wird von Riepl liebevoll geschildert. Lesenswert ist das, weil in der Großmutterbiografie eine Geschichte des Deutschtums in der sowjetischen Diaspora steckt. Ein Familienepos, das sich sicher auch zur Verfilmung anbietet.
Tatsächlich gibt es gerade einen kleinen Trend zu solchen Familiengeschichten. So war Henning Sußebachs „Anna oder Was vom Leben bleibt. Die Geschichte meiner Urgroßmutter“ (C.H. Beck) im vergangenen Jahr ein Bestseller, und für den kommenden September ist „Elsas Welt. Auf den Spuren meiner Großmutter. Eine Familiengeschichte aus Lodz“ von Andreas Kossert (Penguin) angekündigt.
Riepls Buch ist erzählerisch versiert komponiert. Eine Geschichte über Menschen, die im Kleinen ihr Auskommen und ein wenig Glück suchen – und von Staaten, Machthabern und deren Kriegen daran gehindert werden.
Zufall oder nicht: Heute lebt Riepl selbst mit Frau und Kind in Armenien, keine 80 Kilometer Luftlinie entfernt vom einstigen deutschen Dorf Annenfeld in Aserbaidschan, wo seine Großmutter Hedwig Krämer einige Jahre zu Hause war. Als Riepl 2018 als UN-Wahlbeobachter in Aserbaidschan unterwegs ist, fragt ihn sein Taxifahrer sarkastisch: „Welche Wahlen?“ Nebenbei erfährt Riepl, dass die Kaukasusdeutschen bis heute Respekt erfahren für das, was sie einst aufgebaut hatten. Als Riepl fragt: „Leben dort noch Deutsche?“, erklärt ihm der Taxifahrer: „Ich glaube nicht. Stalin hat sie alle weggebracht.“ Nur die deutschen Häuser, hört Riepl, stünden noch. „Dächer aus gebrannten Ziegeln. Den Unterschied siehst du sofort. Unsere Leute bauen anders.“
Michael Riepl. Ferne Heimat Altmontal. Das Leben meiner Großmutter zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus. C.H. Beck, 304 Seiten, 25 Euro