Lady Diana, Nazis, Wagner und Joseph Beuys. Hier bekommt Christoph Schlingensief, was er verdient
Vierzig Jahre ist Joseph Beuys nun tot. 16 Jahre sind vergangen, seit Christoph Schlingensief starb. Im Lichthof des Berliner Martin-Gropius-Baus kommt es jetzt zu einer posthumen, geisterhaften Begegnung dieser zwei bedeutenden, katholisch geprägten und multimedial außergewöhnlich präsenten westdeutschen Großkünstler. Genau an der Stelle im großen Lichthof des Gebäudes, wo vor 44 Jahren Beuys sein raumgreifendes Environment „Hirschdenkmäler (± Wurst–Lehm–Werkstatt)“ platziert hatte, ist nun Schlingensiefs großer „Animatograph“, so nannte er selbst diese Art Kunstwerk, „Kaprow City“ ausgestellt. Dem gebürtigen Oberhausener hätte es sicher gefallen, nun in die Fußstapfen des Krefelders zu treten – auch wenn diese nur noch für Menschen mit historischem Langzeitgedächtnis erkennbar sind.
Beuys’ „Hirschdenkmäler“ waren damals sein Beitrag zur legendären Ausstellung „Zeitgeist“, die fast alle berühmten Künstler der frühen 1980er-Jahre vereinigte – einer Epoche, in der bildende Künstler wie Rockstars gefeiert wurden und auch oft so auftraten. Vertreten waren aus Deutschland vor allem die damals heißen „jungen Wilden“, die zahlreiche Berührungen mit der Musikszene von Berlin und vor allem Düsseldorf (Hauptstadt der Neuen Deutschen Welle) hatten. Eines der zentralen Kunstwerke war Jörg Immendorfs Gemälde „Café Deutschland“.
Als internationale Größen nahmen Andy Warhol, Cy Twombly und Julian Schnabel teil – alle mit Arbeiten, die einen Bezug zu Deutschland und seiner Geschichte hatten: Twombly mit einer abstrakten Paraphrase auf Tischbeins Goethe-Gemälde, Warhol mit Siebdrucken, die das Olympiastadion und Friedrich den Großen zeigten.
Die Auseinandersetzung mit deutscher Mythologie war vorgegeben. Sie drängte sich auf an einem Ort, der damals noch kriegsbeschädigt war, dessen Haupteingang noch von der Berliner Mauer versperrt wurde und der zuvor zwei Ausstellungen über Schinkel und Preußen beherbergt hatte. Für Christoph Schlingensief kam die Ausstellung ein paar Jahre zu früh. Er studierte damals noch in München, wohnte in einer WG mit dem Musiker und Schriftsteller Thomas Meinecke und machte Neue-Deutsche-Welle-Musik mit einer Band namens „Vier Kaiserlein“. Sein erster Langfilm „Tunguska. Die Kisten sind da“ erschien erst 1983. Wäre er ein paar Jahre früher geboren und künstlerisch aktiv geworden, hätte Schlingensief mit Filmen wie „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ perfekt ins Beuteschema der „Zeitgeist“-Ausstellungsmacher gepasst.
Insofern ist es eine nachholende Gerechtigkeit, dass Schlingensief nun eine große eigene Schau im Gropius Bau bekommt. Zumal beim Gang durch die Ausstellung wieder spürbar wird, wie sehr er vom freien Geist der späten 1970er- und 1980er-Jahre geprägt war. Schlingensief blieb nicht nur äußerlich bis auf sein allzu frühes Lebensende immer ein junger Punk.
Schlingensief starb im Alter von 50
Dazu passt auch die rotzige Ansprache, die der jetzigen Ausstellung den Titel gegeben hat: „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“. Sie löst ganz unmittelbar noch einmal Trauer aus um den Künstler, der 2010 mit gerade 50 an Lungenkrebs starb, ohne jemals der typische dauerrauchende Klischeekandidat dafür gewesen zu sein. Diese Trauer tritt auch ein, weil man sich natürlich fragt, wie Schlingensief auf alles reagiert hätte, was seitdem den Bach runtergegangen ist.
Wie hätte er sich in der Coronazeit verhalten? Wie hätte er künstlerisch auf die großen Flüchtlingswellen reagiert? Was hätte er dazu gesagt, dass im Osten Europas ein jahrelanger, von einer wahnsinnig gewordenen Großmacht angezettelter Krieg tobt? Was hätte er mit AfD und BSW angefangen? Wie hätte er auf den Antisemitismus in der Kunstszene reagiert?
Die Themen, die er zu Lebzeiten berührte, wirken ohnehin noch erschütternd aktuell. Das gilt für den Züricher „Hamlet X“ mit tatsächlich oder vermeintlich aussteigewilligen Neonazis ebenso wie für seine Projekte in der ehemaligen deutschen Kolonie Namibia (lange bevor Kolonialismus zum Modethema und zur Chiffre für alles wurde) oder für die Gründung der Partei „Chance 2000“ im Jahre 1998. Mit der wollte Schlingensief unter anderem sechs Millionen Arbeitslose mobilisieren, um durch ein Massenbad den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen, an dem Helmut Kohl immer urlaubte.
Wenn man sich in dem Raum, der „Chance 2000“ gewidmet ist, die dadaistische Überfülle an verrückter Weisheit der Pamphlete, Flugblätter und Plakate anschaut, wird offensichtlich, was für ein langweiliges Kabarettprogramm etwa „Die Partei“ des Satirikers Martin Sonneborn heute ist. Genauso macht die Wiederbegegnung mit den Relikten von Schlingensiefs Theater- oder Operninszenierungen brutal klar, was für ein Gedankenverbrechen es ist, den plumpen Politikaktivisten Philipp Ruch und sein „Zentrum für politische Schönheit“ für den Schlingensief unserer Gegenwart zu halten. Ruch hält sich wahrscheinlich selbst dafür. Im November sitzt er bei einer Veranstaltung des Rahmenprogramms zur Ausstellung in der Volksbühne und strickt an diesem Mythos.
Natürlich verstand sich Schlingensief als politischer Künstler und auch als im weitesten Sinne progressiv. Aber der Künstler war bei ihm doch immer stärker als der Politiker und überwand den jedem Aktivismus innewohnenden Hang zur Plakativität. Das Rezept „Überforderung“, das er sich selbst und dem Publikum verordnete, ließ Eindimensionalität gar nicht zu. Und drängte bei dem Ex-Ministranten immer ein religiöses Moment an die Oberfläche, das sich allerdings kreativ synkretistisch vermengt äußerte.
Beispielhaft dafür ist die „Kirche der Angst“, die als Reaktion auf die Panik nach den Terroranschlägen von New York entstand. Sie sieht aus wie ein kleines Kirchengebäude aus den Südstaaten der USA, das auf dem Cover einer Bluesplatte abgebildet sein könnte – aber aus dem Glockentürmchen ertönt der Ruf des Muezzins.
Beim Überfordern des Publikums halfen Schlingensief auch die Behinderten, die Teil seines Schauspielensembles wurden und viele Filme und Theaterinszenierungen mitprägten. Dabei ging es nie nur darum, diese Menschen im modischen heutigen Sinne zu inkludieren oder „sichtbar“ zu machen. Sondern sie waren Komplizen, die mit ihrem besonderen Charisma, ihrer speziellen Kraft und ihrem abweichenden Blick erst die Radikalität vieler Schlingensief-Kunstwerke ermöglichten. Wer erlebt hat, wie frei, ruppig und zugleich liebevoll der Künstler und seine Behinderten-Gang miteinander spielten, der muss lachen über die Angestrengtheit, mit der im schriftlichen Material zur Ausstellung nun über die korrekte Bezeichnung für jene Menschen gerungen wird.
„Der könnte zu uns passen“
Sie sind auch präsent im Animatographen „Kaprow City“, der schon durch pure Größe und Vielschichtigkeit den Mittel- und Höhepunkt der Ausstellung bildet. Ursprünglich war dieses begehbare Objekt das Bühnenbild der letzten Inszenierung Schlingensiefs an der Berliner Volksbühne. Dort hatte der damalige Dramaturg Matthias Lilienthal (mittlerweile Intendant) 1993 einen Artikel über Schlingensiefs „Terror 2000“ im Stadtmagazin „Tip“ gelesen und gedacht: „Der könnte zu uns passen.“
Es wurde der Beginn einer neuen Theater-Ära. 13 Jahre lang prägte und dominierte Schlingensief zusammen mit Frank Castorf und Christoph Marthaler vom Rosa-Luxemburg-Platz aus die letzte künstlerisch relevante Ära des deutschsprachigen Theaters. Irgendwann landete er auch in Bayreuth – der Film eines verwesenden Hasen (Beuys! Beuys! Beuys!), der jetzt gewaltig groß an eine Wand im Gropius-Bau projiziert wird, gehört zu seiner Inszenierung von Richard Wagners „Parsifal“ 2004.
Zwei Jahre später ging es in dem Stück „Kaprow City“ irgendwie um die letzten Stunden von Prinzessin Diana vor ihrem Unfalltod. Die Zuschauer kamen auf die Bühne und wurden dort auf die 18 Räume des Bühnenbilds verteilt, von denen aus sie jeweils nur Bruchstücke des Geschehens verfolgen konnten. Inspiriert war das von „18 Happenings in 6 Parts“ des amerikanischen Künstlers Allan Kaprow aus dem Jahre 1959.
2007 hat Schlingensief dann die Drehbühne für eine Ausstellung im Zürcher Migros-Museum zu einem eigenständigen Objekt umgestaltet. Dieses kann man jetzt in Berlin gerührt als eine Art Autobiografie lesen. In einer Kammer laufen Filmchen, die Schlingensiefs Vater – ein Super-8-süchtiger Apotheker – von dem vielleicht acht oder zehn Jahre alten Sohn aufnahm, auch mehr oder weniger nackt beim Waschen.
In einer anderen Kammer sieht man den Film „Fremdverstümmelung“, den Schlingensief mit den Behinderten für seine Operninszenierung „Freax“ drehte. Ein Jesus mit sehr kurzen Armen wird ans Kreuz geschlagen. Wer von der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts auch nur gestreift wird, kann einen stummen Schwarz-Weiß-Film, in dem groteske Dinge mit Jesus passieren, niemals sehen, ohne an Luis Buñuel zu denken – erst recht nicht, wenn Menschen beteiligt sind, die Buñuel unbefangen als „Zwerge“ bezeichnet hätte.
Projiziert wird das aber auf eine beschriftete Schiefertafel, ein – darauf weist der Kurator Raphael Gygax hin – in der Kunstgeschichte eng mit Beuys verbundenes Material. Auf einmal ist man direkt bei dem Mann, der an gleicher Stelle vor 44 Jahren inmitten seiner Installation, zu der zentral ein Bügelbrett seiner Mutter gehörte, mit Zuschauern über das Universum, die Kunst und Tiere redete und sich so als lebendiger Teil seiner Kunst verstand – wie Schlingensief.
„Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“, bis 17. Januar 2028, Gropius Bau, Berlin