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Die Bilder aus Frankreich sind schockierend: Gewalttäter, die randalierend und plündernd durch die Straßen ziehen, vor Brandstiftung nicht zurückschrecken. Dabei habe ich Verständnis für eine friedlich protestierende Jugend. Auch hier in Deutschland hat sie jeden Grund, wütend auf unseren verschnarchten Staat zu sein.

Ich bin über einen interessanten Satz gestolpert. Gesagt hat ihn Ex-Innenminister Otto Schily (94, SPD) vor mehr als zwanzig Jahren. „Mir erscheint die westliche Gesellschaft zuweilen recht permissiv“, sagte er in einem alten Interview. Permissiv, las ich, bedeutet „nachsichtig“ oder „frei gewähren lassend“. Ein Verhalten mit viel emotionaler Wärme, aber wenig Regeln und Grenzen.

Es ging Schily um den islamistischen Terrorismus und den Hang des Westens, zu naiv und nachsichtig auf diese Bedrohung zu reagieren: „Unsere Kultur muss sich… behaupten wollen“, meinte Schily, und wer sich nicht behaupten könne, der sei „dekadent“.

Der Hang des Westens, zu naiv zu sein

In der damaligen Analyse des „Deutschlandfunks“ las ich, die einfachste Erklärung für Dekadenz sei der Verlust der Anspannung. Eine Anspannung, die in der Phase des Aufstiegs nötig sei, um sich zu behaupten. Sei das Ziel erreicht, erlösche diese aber und mit ihr die Disziplin, der Wille, der Antrieb.

Man kann diese Sätze auf alles Mögliche übertragen. Zum Beispiel auf die offene Haltung zur illegalen Migration in den letzten Jahren. Wir waren lange blind, was die Bedrohung des Islamismus angeht. Auch in Bezug auf die extreme Linke und dem Schulterschluss, der sich nun zwischen ihr und dem islamistischen Milieu abzeichnet. Zuletzt war er auch in Frankreich zu beobachten, bei den gewaltsamen Unruhen. Eine Horde von Gewalttätern, die randalierend und plündernd durch die Straßen zog, Rathäuser anzündete und beschädigte. Solche Zustände sollten uns eine Warnung sein.

Wir werden zum Rentnerstaat

Man kann diese Sätze aber auch anders anwenden: auf unsere alt und satt gewordene Gesellschaft. Einen Verlust der Anspannung gibt es auch hier, denn wir werden immer mehr zum Rentnerstaat. Viele Ältere haben ihr persönliches Ziel schon oder bald erreicht: den Ruhestand.

Die größte Gruppe der Wahlberechtigten sind bereits jetzt Menschen ab 70. Schaut man auf die über 50-Jährigen, machte ihr Anteil bei der letzten Bundestagswahl knapp 60 Prozent aus. Menschen bis 34 Jahren schaffen es dagegen zahlenmäßig nicht einmal auf 20 Prozent. Deshalb habe ich Verständnis für friedlich protestierende Schüler (wenn es denn Schüler sind). Denn auch hier in Deutschland zeigt der Staat der jungen Generation schon lange die kalte Schulter. Priorität hat die Besitzstandswahrung der Älteren. Und damit die Bewahrung des status quo.

Meister der Prokrastination

Im „Philosophie Magazin“ las ich, dass politische Philosophen schon seit 2500 Jahren fürchteten, Demokratie könnte am Pöbel scheitern, an zu heißspornigen Entscheidungen. Bei uns sei die Gefahr jedoch eine andere, so der Autor: Wir würden vielmehr an Trägheit zugrunde gehen. Die Stabilität werde nicht durch zu viel, sondern durch zu wenig Handlung gefährdet. Man könnte also sagen, wir werden Opfer unserer eigenen Verschnarchtheit.

In der Tat schaffen wir es, nötige Reformen seit Jahren zu prokrastinieren. Wir sind nur dann schnell, wenn es der eigenen Trägheit dient, um im Grunde nichts verändern zu müssen. Beim Schuldenmachen zum Beispiel waren wir fix. Als Geld für Verteidigung und Infrastruktur gebraucht wurde, wurden die Milliarden sogar noch vom alten Bundestag durchgewunken. Probleme mit Geld zuschütten, nennt man das, mit der geborgten Kohle der kommenden Generation. Ökonomen warnen schon lange, dass unser Haushalt bald nur noch aus Zinsen, Sozialem und Verteidigung bestehen könnte. Dann bleibt gar kein Spielraum mehr für Zukunftsinvestitionen.

Es ist etwas ins Rutschen geraten, das zeigen auch die PISA-Ergebnisse, die Anfang September veröffentlicht wurden. Es waren die schlechtesten Ergebnisse für Deutschland seit Beginn der Erhebung. Die Leistungen der Schüler sind noch grottiger als vor 25 Jahren, damals war der PISA-Schock in aller Munde. Jeder dritte Jugendliche hat heutzutage Probleme beim Rechnen und Lesen, so bitter sieht es aus.

Politiker reden zwar gerne davon, dass wir in Deutschland keine Rohstoffe, sondern nur unsere Köpfe haben – unsere Ideen, unseren Ingenieursgeist. Oft genug bleibt es aber bei Worten. Verwaltet wird weiter nur die Gegenwart.

Die Waffe der Jugend

Gott sei Dank sind wir ein freies Land. Bekanntlich sehr frei auf dem Weg zu uns hinein, aber immerhin, es darf auch gehen, wer will.

Das ist nämlich die stille Art zu protestieren, die Abstimmung mit den Füßen. Niemand ist so international und fremdsprachenaffin wie wir Jüngeren. Das ist unsere größte Waffe: Mobilität. Wir können jederzeit gehen, wenn uns das Gras woanders auf der Welt grüner erscheint. Den Patriotismus hat man uns sowieso fast gänzlich abtrainiert. Vielleicht erweist sich das ja in Zukunft noch als ungemein praktisch.