Kanada lieben, in Amerika leben
Kanada verließ sie 1965. Joni Mitchell folgte ihrem Bräutigam, dem Folksänger Chuck Mitchell, in den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten von Amerika, nach Detroit. Zwei Jahre hielt die Ehe. Sie zog nach New York und schließlich nach Los Angeles, wo sie mit ihren Liedern weltberühmt wurde. Als Hymne ging „A Case of You“ in die Musikgeschichte ein. Aber worauf? Natürlich auf die Liebe, die sich bei ihr nie erfüllte: Joni Mitchell klagte über ihre unstillbare Sehnsucht, indem sie das Du mit einem Bierkasten verglich, von dem sie, auch wenn sie ihn leerte, nicht betrunken würde.
Auf die Seele: „Liebe heißt, Seelen berühren.“ Und auf Kanada, auf ihre Heimat: „Auf der Rückseite eines Papp-Bierdeckels/ Im blauen Licht des Fernsehbildschirms/ Zeichnete ich eine Landkarte von Kanada, oh Kanada!“, singt sie mit ihrer elfenhaften Stimme zur Gitarre.
Die Beziehungen zwischen den USA und Kanada befinden sich derzeit, so heißt es in den Nachrichten, an ihrem Tiefpunkt. Im Jahr 1775 nahmen amerikanische Milizen Montreal ein, scheiterten aber an einem Schneesturm in der Schlacht von Quebec. Kanada blieb vorerst britisch. Halbwegs unabhängig wurde es erst 1867. Donald Trump behandelt es als Präsident nun verbal wie einen US‑Bundesstaat, den 51. Weil der Nachbar es aber anders sieht, erhebt Trump Fantasiezölle auf Waren aus dem Norden, auf Papier und Holz, Getreide und Maschinen, und erklärt, der Lake Ontario heiße jetzt „Lake America“. Kanadas Premierminister droht mit Gegenzöllen: „Wir sind angegriffen worden, wir befinden uns im Krieg“, erklärt Mark Carney.
Wechselhaft war das Verhältnis zwischen den Kulturen immer auch in der Musik. Als Trump vor zwei Jahren wiedergewählt wurde, kündigten einige Kanadier wieder einmal an, in ihre weiten Wälder und freieren Städte heimzukehren. Allen voran Neil Young, aber auch Joni Mitchell. Beide sind noch da. Die große Geste zählt wie die gesungene Sehnsucht. Schon „Night in the City“, 1968 erschienen, war der Folkszene von Toronto an der Yorkville Avenue gewidmet, aus der Joni Mitchell stammte und wo für sie alles besser war als in New York. In „River“ von 1971 wünschte sie sich zum Weihnachtsfest aus Kalifornien zurück nach Kanada zum Schlittschuhlaufen.
Auf demselben Album, „Blue“, sang sie „A Case of You“. Viel wurde darüber gerätselt, von wem Joni Mitchell sich damals verlassen und verraten fühlte. Es kann nur Leonard Cohen gewesen sein. Darauf weist ein Zitat aus Shakespeares „Julius Caesar“ hin, das Cohen gern auf sich bezogen deklamiert haben soll: „Ich bin beständig wie der Polarstern!“ Und die Sache mit der Seele, die von der Liebe berührt wird, aus der Poesie von Rainer Maria Rilke.
Cohen wollte Montreals singender Rilke sein. Dass er, Leonard Cohen, vor zehn Jahren am Vorabend der ersten Präsidentschaftswahl von Donald Trump starb, als Kanadier in Los Angeles, erschien vielen als Zeichen. „Kanada, oh Kanada!“, gesungen von Joni Mitchell, war tatsächlich eines.