Caracas (Venezuela) – Er liegt an einer Hauswand, leicht zugedeckt, den rechten Arm in Gips und an seiner Seite sein treuer, kleiner Hund. Benjamin wurde wahrscheinlich unter Trümmern eines Hauses verschüttet, gerettet und ärztlich versorgt. Doch der Fünfjährige vermisst seine Mama. Ihr Name ist Ninorca o Ninolaisa. Gleich viermal wurde sein Foto auf einer Website gepostet, die Vermisste und „wohlbehalten aufgefunden(e)“ Personen auflistet. Mehr als 8000 sind es schon.
Es sind herzzerreißende Szenen, die sich gerade in Venezuela abspielen. Das südamerikanische Land wurde von gleich zwei schweren Erdbeben heimgesucht. Das Erste hatte eine Stärke von 7,2, wenige Minuten später schüttelte ein Zweites den Norden des Landes mit einer Stärke von 7,5 durch. Die US-Erdbebenwarte hält 10.000 bis 100.000 Todesopfer für möglich.
Der kleine Benjamin wurde gefunden – andere sind noch vermisst, darunter komplette Familien. „Antonio, hier ist deine Mama, ich bin hier!“ Dieser Ruf hallt über die Trümmer eines 22-stöckigen Wohnhauses in Caracas. Angehörige klettern auf dem Schutt herum, horchen auf Lebenszeichen. „Tania, Tania“, ruft jemand verzweifelt. Auf der Straße weint ein Mann still vor sich hin. Teilweise sind mehrere Straßenzüge wie rasiert, die Stockwerke der Wohnhäuser aufeinander gestapelt. Wie viele Menschen noch in den Trümmern sind, kann noch niemand genau benennen.
Bislang bestätigt sind 164 Tote und mindestens 971 Verletzte – doch die Rettungsaktionen sind gerade erst angelaufen. Die Zahl der Vermissten ist inzwischen auf mehr als 12.000 gestiegen.
Internationale Hilfe macht sich auf den Weg
In Frankreich, den USA, Israel, Deutschland und vielen anderen Ländern mehr bereiten sich Spezialisten darauf vor, in das Krisengebiet zu fliegen, um zu helfen. Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodríguez (57) wandte sich im staatlichen Fernsehen an die Nation, rief den Notstand aus – und ihre Worte klingen wie ein stilles Gebet: „Es sind intensive Rettungsarbeiten zugange, um die Leben zu retten, die Gott uns retten lässt. Ich bitte Gott um Erleuchtung und dass er uns weiter beschützt.“