Jetzt können uns nur noch die Tuareg retten
Der Deutsche und sein Thermometer führen eine hitzige Beziehung. Ab 30 Grad Celsius wird die Quecksilbersäule zum Pegelmesser eines schwitzigen Jammertals. In diesen Tagen, wo vielerorts die 40-Grad-Marke gerissen wird, ächzt ein matter Nationalchor vom Flensburg-Fjord bis zum Bodensee. Dass der gemeine Germane am Ende seiner Kräfte ist, erkennt man daran, dass er sich der Funktionsjacke entledigt.
Schon Hölderlin wusste: „Wo aber Glut ist, flimmert das Rettende auch.“ Kühleren Beobachtern erscheint die Klimakrise als heiß ersehnte Disruption. Wie die Zukunft aussehen könnte, zeigte diese Woche etwa der Tierpark Hellabrunn in München. Dort wurde die „Dschungelwelt“ eröffnet, wo dem possierlichen Marderbären aus den Regenwäldern Südostasiens zwar das Gehege auf 25 Grad heruntergekühlt werden muss, aber er gewöhnt sich bestimmt schnell an die neuen Bedingungen. Wegweisend, dass dort der Evolution bei ihrer vornehmsten Eigenschaft zugesehen werden darf, der natürlichen Auslese. Zwei Fischkatzen sind gehalten, Jagd auf die heimische Bachforelle zu machen. Das spart Personal, und die Kinder können lernen, wie es zugeht im ungezähmten Raubtierkapitalismus.
Es liegt nahe, ganz Deutschland in spezialisierte Klima-Erlebnisparks zu verwandeln. Während München das Dschungel-Franchise übernimmt, mit auf dem Marienplatz marodierenden Schimpansen, die den kulinarischen Überschuss am Weißwurst-Äquator auf natürliche Weise regulieren, entsteht weiter nördlich die Lüneburger Atacama-Wüste. Die angezählte deutsche Eiche weicht der robusten Kaktusfeige. Ebenso muss ein trockener Rhein kein Symbol des nationalen Niedergangs sein. Es wäre schön, wenn der nächste „Mad Max“ in seinem erhabenen Canyon gedreht würde. Zwischen den Wracks aufgelassener Binnenschiffe jagen getunte Wüsten-Buggys den letzten sagenumwobenen Fässern Kölsch hinterher.
Diese „wüste Transformation“ wird nicht ohne das Know-how ausgewiesener Experten vonstattengehen. Statt McKinsey empfiehlt sich das stolze Nomadenvolk der Tuareg, uns im Rahmen lukrativer Beraterverträge das fachgerechte Anlegen des Tagelmusts beizubringen, dieses schicken indigoblauen Gesichtstuchs.
Ganz von allein, ohne die zufütternde Hand des Staates, wird auch die Fauna ein faszinierendes Upgrade erfahren. Die Stadttaube – fliegende Ratte der gemäßigten Breiten – wird von Wüstengeiern abgelöst, die majestätisch über den Autohäusern von Castrop-Rauxel kreisen. Der Bundesadler weicht dem Bundesskorpion, der zur hiesigen Debattenkultur viel besser passt. Auf den Autobahnen erübrigt sich der leidige Streit um das Tempolimit, sobald wir den Verkehr auf Dromedare umstellen. Die Autobauer, verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell, steigen im großen Stil in die Paarhufer-Züchtung ein. Statt Super Plus beziehen wir aus Saudi-Arabien künftig einhöckrige Trampeltiere, deren Emissionen sich auf organische Düngemittel beschränken und die im Stau um das Schkeuditzer Kreuz eine exzellente Übersicht bieten.
Und da die Asphaltdecke der A9 eine konstante Temperatur von 95 Grad aufweist, liegt der nächste Michelin-Stern-Trend auf der verbrannten Hand: Spiegelei auf Standstreifen-Teer, flambiert im Feinstaub der letzten Diesel-SUVs. Ein knirschender Abgang von Mikroplastik verleiht dem Schmankerl jene urbane Textur, an der sich Herden von Food-Bloggern ergötzen.
Das Deutschland von morgen ist ein flirrendes Wunderland, wo Fata Morganas den Kölner Dom auf die Alpen spiegeln und wir nach einer erfolgreichen Nachtschicht in den Sonnenaufgang zuckeln. Man kann wirklich einigem hinterhertrauern, aber doch bitte nicht dem Nieselregen.