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Berlin – Jawoll, dit is Berlin: Neukölln, unteres Ende der Sonnenallee, „Klein Istanbul“, High-Deck-Siedlung, Reißbrett-erträumte Sozial-Beton-Idylle der 70er/80er Jahre. Drei Viertel der Mieter sind hier auf Stütze oder andere Kohle vom Staat angewiesen – teils seit Generationen und aus Gewohnheit. Ein paar Meter weiter hatte sich einst der arme Osten mit der Mauer ausgesperrt, heute verrammelt sich hier eine Parallelgesellschaft vor dem gesamtdeutschen Staat, brennen Silvester schon mal Reisebusse. Die Siedlung ist Stütze-Land und Clan-Gebiet, Müll-Ecke und Fremdland für Bio-Deutsche.

Mittendrin in diesem auf Grund gelaufenen Sozial- und Integrations-Experiment steht an diesem Sonnentag ein Bio-Deutscher im kornblumenblauen Anzug: Stefan Evers (46), CDU-Finanzsenator der deutschen Pleite-Hauptstadt (wieder 5 Milliarden Euro Miese). Er gehört so erkennbar nicht hierher, dass ihn Jakov („Lebe hier seit 26 Jahren“) vom Fahrrad runter anhaut: „Politiker?!“

Evers ist seit ein paar Tagen so was wie der Notnagel der Berliner CDU. Weil sein Noch-Chef, der Noch-Regierende Bürgermeister Kai Wegner (53, CDU), einen Abgang hinlegen musste, soll er nun bei der Berlin-Wahl im September die Stadt vor Rot-Rot-Grün und dem Weiter-Verlottern retten. Drei Prozent ist die CDU zuletzt wieder hochgekommen: von 17 auf 20 Prozent. Immerhin wieder Platz zwei hinter der Linken.

BILD trifft Evers zum Brennpunkt-Streifzug – und fragt ihn, wer hier am Ende der Neuköllner Kopftuch-Zone das Sagen hat.

BILD: Staat oder Clans?

Evers: „Am Ende müssen immer wir es sein.“

Wer hat jetzt das Sagen?

Evers: „Ganz klar viele kriminelle Clans. Das ist ein Phänomen, mit dem wir schon lange zu tun haben. Jetzt kommt eine neue Generation, vollkommen irre, gewaltbereit. Sie betritt das Parkett und ficht ihre Macht- und Revierkämpfe aus. Und da müssen wir eine genauso harte Antwort darauf finden. Das ist etwas, was mit Waffen zu tun hat, Schusswaffengebrauch.“

Schusswaffen – noch so ein Berlin-Thema: 1119 Fälle weist die Kriminalitätsstatistik aus für Berlin. 515-mal wurde im Vorjahr geschossen. 40-mal scharf. Bei Messerdelikten ging es um 5,5 Prozent hoch.

Evers: „Wir müssen dafür sorgen, dass die, die meinen, dass ihnen hier die Stadt gehört, am Ende ohne Haus, ohne Villa, ohne Karre dastehen.“

Fahrrad-Jakov (wollte nicht aufs Foto) hatte ihn gerade noch angemotzt: „Macht mal was hier! Wieso ist es in Zehlendorf und Dahlem so sauber, hier so dreckig! Warum? Weil da die Reichen wohnen?“ Evers hatte versucht, zu erklären, dass es auch daran liegt, dass hier einfach mehr auf die Straße geschmissen wird. Stadtweit landeten im Vorjahr 55.000 Kubikmeter Müll auf den Straßen – so viel wie 675 Güterwaggons.

Jetzt steht Finanzsenator Evers im Alltagsmüll: Tüten, Verpackungen, Kippen und abgeballerte Schreckschuss-Patronen.

Evers: „Wenn es um diesen Schlendrian geht, haben wir vielleicht auch selbst irgendwann einen Punkt erreicht, wo uns die Stadt immer egaler wird. Und das müssen wir dann doch umdrehen. Am Ende geht es darum, dass man wieder Respekt einfordert vor der Stadt.“

Ein Grund für das Berliner Verlotterleben ist für Evers die Kostenlos-Mentalität, die sich tief reingefressen hat in die Stadt und ihren Schuldenhaushalt: Kitas? Im größten Nehmerland im Länderfinanzausgleich (4,2 Mrd./Jahr) – für alle kostenlos! Schulessen auch. Egal, ob Armutsmutter oder Millionenerbe. Die anderen Länder zahlen es ja.

Schuldenstadt und Kostenlos-Orgien: Wie geht das zusammen?

Evers: „Ich habe kein Verständnis für Kostenlos-Politik zugunsten von Gutverdienern. Wenn mir hier das Geld vor Ort fehlt für Jugendarbeit, für Familienarbeit, und ich mir aber gleichzeitig leiste, eine Gutverdiener-Familie im Grunewald mit kostenlosem Mittagessen auszustatten, kann ich das nicht erklären.“

Auf dem Weg zur Sonnenallee trifft Evers Thomas Kolb (65), den Außendienstchef des Ordnungsamtes Neukölln. Kolb ist auf Müll-Streife. Er brauche dringend geeignete Mitarbeiter, die auch früh und spät und am Wochenende arbeiten können. Er ist stolz, dass seine Leute dank erhöhter Bußgelder (Kippe: 250 Euro) deutlich mehr Geld einnehmen.

Aber wenn hier so viele von Bürgergeld leben – wer zahlt dann tatsächlich die Strafe?

Man guckt sich an.

Evers: „Wer staatliche Sozialleistungen bekommt, bei dem kann man auch erwarten, dass er etwas zurückgibt.“ Wer seine Strafen nicht zahlen kann, solle die dann abarbeiten mit Sozialstunden: „Gerade hier gibt es eine Menge Menschen, die durchaus in der Lage wären, zu arbeiten. Vielleicht nicht fünf Tage die Woche, vielleicht nur einen Tag.“ Auch Asylbewerber wolle er die Drecksecken aufräumen lassen: „Im Asylbewerberleistungsgesetz gibt es die Möglichkeit, Menschen zu gemeinnütziger Arbeit zu verpflichten.“

Wenn es nur der Müll wäre …

Evers: „Da ist auch die offene Drogenszene. Da muss man erstens sagen: Keiner wird freiwillig gerne drogensüchtig …“

Aber keiner hat die Szene gerne in seinem Hausflur sitzen …

Evers: „Korrekt. Und deswegen muss man auch hier sagen: Wir müssen dafür sorgen, dass Schulwege sicher sind. Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass Parks, dass Grünflächen auch Erholungsflächen sind. Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass man sich in der U-Bahn wohlfühlt.“

Selbstverständliche Sätze, die man in Berlin extra betonen muss.

Evers: „Diese Drogenschwemme, die uns zunehmend erreicht, wird Berlin alleine nicht bekämpfen können.“

Welche Drogen?

Evers: „Wir haben eine zunehmende Crack-Szene. Die Szene, die früher eher den Hasch (Cannabis, inzwischen legalisiert; A.d.R.) verkauft hat, die ist inzwischen mit härteren Drogen unterwegs.“

Der Spaziergang ist ins Stocken geraten, wir sind 100 Meter weitergekommen – auch, weil Evers in seinem Element ist, nun über die rasant wachsende Obdachlosen- und Alkoholszene spricht.

Parks, U-Bahnhöfe und Plätze sind okkupiert. Woher kommen die Leute?

Evers: „Das sind oft Menschen, die aus dem osteuropäischen Raum nach Deutschland kamen, hier ihren Lebenstraum zu verwirklichen suchten und dann vor Ort keine Perspektive gefunden haben.“

Was macht man denn mit ihnen?

Evers: „Ich glaube, wir müssen mit den Herkunftsländern mal ein ernstes Wort reden, wir müssen mit den Botschaften reden. Denn ich glaube nicht, dass hier noch die europäische Freizügigkeit greift. Hier gibt es kein Aufenthaltsrecht mehr für viele der Betroffenen.“

Und dann biegt der Interview-Rundgang auch thematisch wieder ein in die Sonnenallee – und all die No-Go-Areas für Juden; nach Neukölln, Kreuzberg: 2268 judenfeindliche Straftaten gab es 2025 in der deutschen Hauptstadt.

Evers: „Egal, woher ich komme, was ich glaube, wen und wie ich liebe – ich muss mich auf der Sonnenallee und überall sonst in der Stadt sicher fühlen können. Das ist im Moment genauso wenig der Fall. Und da müssen wir auch benennen, wo es herkommt. Natürlich hat das mit religiös-fundamentalistischen, mit kulturellen Hintergründen zu tun.“ Er zitiert Berliner Schuluntersuchungen: „30 Prozent der Schülerinnen und Schüler vertrauen eher der Scharia als dem Grundgesetz. Und da sind wir in Parallelstrukturen, glaube ich, nach wie vor unterbelichtet.“

Ist diese Stadt noch zu retten?

Evers: „Na selbstverständlich. Darum bin ich hier.“

Sind Sie stolz auf Berlin?

Evers: „Ich bin nicht auf alles stolz. Ich weiß aber, dass noch verdammt viel zu tun ist. Wer glaubt, wir wären durch und wir wären am Ende mit Berlin, der irrt sich.“

Die Fotografien, die Sie hier in Farbe und Schwarzweiß sehen, sind von Lars Dittrich (52). Der Unternehmer, der als Produzent unter anderem für die Bestsellerverfilmung „Er ist wieder da“ ausgezeichnet wurde, hat die Bilder in den vergangenen zwei Jahren bei seinen täglichen Spaziergängen durch die Hauptstadt aufgenommen. Besonders zieht ihn der Alexanderplatz an, als Kind sein Sehnsuchtsort. „Heute“, so Dittrich, „eher ein Zeichen der Verwahrlosung und der Verrohung der Gesellschaft.“