TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Wiesloch (Baden-Württemberg) – Rund zwei Monate vor der Weinlese kämpft eine der traditionsreichsten Winzergenossenschaften Deutschlands ums Überleben: Die 1935 gegründete „Winzer von Baden“ eG will mit Beginn des neuen Geschäftsjahres Anfang Juli einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht stellen. Betroffen sind rund 900 Winzer in mehr als 20 Ortschaften der Region.

Zwischen den Reben der Badischen Bergstraße und den Hügeln des Kraichgaus (Baden-Württemberg) wächst zwar der neue Jahrgang heran, doch die Stimmung ist angespannt. Auf knapp 600 Hektar Anbaufläche reifen Grauburgunder, Weißburgunder, Riesling oder Rosé. Statt Vorfreude auf die Weinlese sorgt jedoch die finanzielle Krise der Genossenschaft für große Unsicherheit.

Winzer von Baden stellt Insolvenzantrag

Der geschäftsführende Vorstandsvorsitzende Matthias Göhring bestätigte auf BILD-Anfrage: „Dieser Schritt wurde notwendig, da sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Weinbranche in den vergangenen Monaten nochmals deutlich verschlechtert haben. Gestiegene Kosten für Energie, Verpackung und Logistik sowie ein verändertes Konsumverhalten haben die finanzielle Situation des Unternehmens erheblich belastet“, heißt es in einer Pressemitteilung.

In der Insolvenz sieht die Geschäftsführung den einzigen Weg, den Betrieb unter den aktuellen Marktbedingungen neu aufzustellen und zu sanieren. In den kommenden Wochen soll ein vorläufiger Insolvenzverwalter gemeinsam mit der Geschäftsführung einen Restrukturierungsplan erarbeiten. Darüber berichtete die Fachzeitschrift „Weinwirtschaft“.

Betrieb läuft trotz Insolvenz weiter

Für Kunden soll sich zunächst nichts ändern. Der Verkauf sowie die Belieferung von Restaurants, Hotels und Gaststätten laufen normal weiter. Auch die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter sind über das Insolvenzgeld für die kommenden Monate gesichert. Die Beschäftigten wurden bereits in einer Betriebsversammlung über die Situation informiert.

Göhring betont, dass die Produktion einschließlich der 2026er-Ernte fortgeführt werden soll. Versprechen könne er das derzeit allerdings noch nicht. Zunächst müsse sich die Geschäftsführung mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter abstimmen.

Weinbranche steckt in der Krise

„Wir haben uns diesen Schritt nicht leicht gemacht. Doch angesichts der angespannten Marktlage im Weinbau ist eine tiefgreifende Restrukturierung unumgänglich“, sagt Göhring. Weiter erklärt er: „Mit der Expertise des vorläufigen Insolvenzverwalters und unserem motivierten Team werden wir alles daransetzen, das Unternehmen neu auszurichten, um die Marke ‚Winzer von Baden‘ zu erhalten.“

Die gesamte Branche leidet unter steigenden Kosten und einer sinkenden Nachfrage. Der Weinkonsum in Deutschland ist seit Jahren rückläufig und liegt aktuell bei rund 21,5 Litern pro Kopf. Nach Angaben von North Data weist die Genossenschaft für 2025 Verbindlichkeiten in Höhe von 6,84 Millionen Euro aus.

Schon zuvor hatten sich die wirtschaftlichen Probleme verschärft. Nach einem Bericht der „Rhein-Neckar-Zeitung“ wurden die Traubengeldauszahlungen 2025 vom März in den Sommer verschoben. Im Dezember 2025 erhielten die Mitgliedswinzer zudem nur zwei von vier fälligen Raten. Mehrere Genossenschaften, die zuliefern, kehrten der „Winzer von Baden“ eG in den vergangenen Monaten den Rücken, zuletzt die Winzergenossenschaft Zeutern. Göhring rechnet laut BILD-Informationen mit noch mehr Austritten.