„In jedem von uns ringen Tier und Gott miteinander, bis auf den Tod“
Wenn ein Roman ein Gemälde ist, im Zweifel eines von einer Schlacht hoch zu Pferde, mit Dutzenden Soldaten, die schwer bepackt durch den Schnee stapfen, dann ist die Short Story ein Aquarell, hingetuscht mit der Feder, ausgemalt mit verlaufenden Farbklecksen und mit ausgespartem Weißraum, der gleichwohl seine eigene Geschichte erzählt, elegant und ahnungsvoll.
Lauren Groff, 48 Jahre alt und vor langer Zeit in Florida gestrandet, ist fast schon eine Veteranin des Genres. „Raufbold“, gerade in deutscher Übersetzung bei Claassen erschienen, ist ihr dritter Band mit Erzählungen seit dem Debüt 2009. Ihre Geschichten erinnern an Capotes Frühwerk, „Die Grasharfe“ oder „Andere Stimmen, andere Räume“: Southern Gothic im besten Sinne, zudem zeitlos – und darin das Gegenteil jener anderen erstaunlichen Kurzgeschichtensammlung dieses Herbstes, Tony Tulathimuttes „Fiasko“. Dessen Figuren sind ähnlich verzweifelt wie Groffs, aber sie leben entschieden im digitalen Hier und Jetzt, während man sich in „Raufbold“ nur alle paar Dutzend Seiten daran erinnert, dass das Internet überhaupt existiert.
Die Perspektive ist durchweg weiblich, auch wenn Groffs abgeklärt-allwissende Erzähler jederzeit Zugang zur Sicht der Männer haben, besonders dann, wenn es sich um irgendwie gehandicapte Männer handelt, wie den geistig behinderten Buddy aus „Nach Sunland“. Nach dem Tod der Mutter ist seine 18-jährige Schwester mit dem Minderjährigen auf dem Weg in das gleichnamige Heim beziehungsweise „diese Irrenanstalt oben in Gainesville“, in die sie ihn „abzuschieben“ gedenkt, wie eine clevere Nervensäge, der sie unterwegs begegnet, es treffend formuliert. Für einen Moment glaubt man, man hätte Gut und Böse sinnvoll sortiert. Dann kommt, eine Spezialität Groffs, alles ganz anders.
In „Raufbold“, der kurzen Story, die dem Band den Titel leiht, weilen wir ein paar Stunden an der Seite eines „schmächtigen, schleichenden Mädchens mit den schlechten Zähnen und der schlechten Haut“. Die Abschürfungen am Knie hat sie sich schon außerhalb der Geschichte geholt – auch das macht Groff brillant, Stichwort Weißraum: ein Universum andeuten, das jenseits der ausgeschriebenen Zeilen liegt. Sie vergibt ihrem Schwimmtrainer, der „so kurze Shorts trug, dass sein bläulicher Sack herausquoll“. Und für einen Moment spürt sie den Impuls, den Arzt ihrer depressiven, zwangs- und essgestörten Mutter zu küssen, bevor er etwas sagt, das sie dazu bewegt, ihn zu hassen: Er wirbt um Mitleid und Verständnis für den Zustand der Mutter.
Wie ihre großen Kollegen von einst hat Groff den Menschen durchschaut: „In jedem von uns ringen Tier und Gott miteinander, bis auf den Tod.“ Überhaupt spielen die noch so geringe Hoffnung auf irgendeine Art von Erlösung sowie großartiges Nature Writing als Spiegel innerer Zustände wichtige Rollen. Die Heldinnen fühlen sich wie Tiere in Tierkörpern, klauen Nerze für 20.000 Dollar und wickeln sich nackt darin ein, den Pelz nach innen gewendet. In gleich mehreren Geschichten regen sich unter der Wasseroberfläche – ob in den Sümpfen Floridas oder unter dem ewigen Eis der Arktis – monströse dunkle Geschöpfe, leibhaftig gewordene Albträume. Ganz groß!
Lauren Groff: Raufbold. Erzählungen. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Claassen, 256 Seiten, 25 Euro.