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In Frankreichs Hauptstadt dient Kunst als Kontrastprogramm

· Culture

Kunst ist eine andere Ebene der Wirklichkeit, eine Welt in der Welt. Nirgendwo kann man das gerade besser bestätigt sehen als in Paris. Die französische Hauptstadt wurde am vergangenen Wochenende von massiven Unruhen erschüttert, die Bilder gingen um die Welt. Zahlreiche Personen wurden seitdem festgenommen. Die Spuren werden rasch beseitigt, und doch prangt auf dem monumentalen Reiterstandbild Heinrichs IV. auf der Île de la Cité ein drohendes „à samedi“, „bis Samstag“.

Zwischen den beiden brisanten Wochenenden fällt die Eröffnung der Art Basel Paris im Grand Palais, dem luftigen Glashaus, in dessen Belle-Époque-Architektur man Flugshows veranstalten könnte, so groß ist es. Das unberechenbare Draußen, die Anspannung in der Stadt und die Ungewissheit, wie es nun weitergeht mit der Fünften Republik: Davon ist hier rein gar nichts zu spüren, obwohl die Kunstmesse am Ende verkürzt wurde und vorsorglich vorzeitig geschlossen hat, wie am Abend des 23. Oktober bekannt wurde.

Bis zur Schließung lief es gut: Die VIP-Besucher hatten ihre üblichen Sorgen. Welchen Picasso man sich zum Beispiel kaufen sollte: einen rundlich-blauen Kopf von 1970 bei Thaddaeus Ropac für 3,5 Millionen oder doch sein hinreißendes Bildnis einer Frau mit gelbem Haar, orangefarbenen Augen und einem roten Barett von 1937, angeboten bei Acquavella Galleries für 45 Millionen Euro?

Nein, Politik spielt hier eher keine Rolle, dafür sind die Künstler im Erdgeschoss zu alt und zu etabliert. Oben, auf der umlaufenden Galerie, kann man jüngere Galerien erkunden und dabei auf die rechtwinklige Medina der Messestände hinuntersehen. Man kann sich schon mal einen Überblick verschaffen oder einfach kurz innehalten. Bei Neu zum Beispiel, der Berliner Galerie, die Cosima von Bonin vertritt. Die 1968 in Mombasa geborene deutsche Künstlerin hat nicht nur eine Menagerie von Leder- und Stofftieren ins Petit Palais gebracht, sie erinnert auch an ein Grundprinzip der französischen Geschichte: Wer das Volk nicht ernährt, verliert sein Vertrauen. Die Französische Revolution brach vor allem deshalb so unvermittelt und heftig aus, weil der absolutistische Staat fundamentale wirtschaftliche Probleme hatte und hoch verschuldet war – wie heute.

„Let them eat cake“, „Sollen sie doch Kuchen essen“, heißt das 2008 entstandene Stoffbild von Bonin, frei nach dem Bonmot, das der Frau Ludwigs XVI., Marie-Antoinette, zugeschrieben wird und das als Reaktion auf die Forderungen des Dritten Standes nach günstigerem Brot gefallen sein soll. Kurz danach kam die Revolution. Wahrscheinlich ist dieses Zitat erfunden, aber in das für 130.000 Euro angebotene Werk mit den weißen Comicfigurenhandschuhen ist auch ein Hermès-Beutel eingearbeitet, und das passt.

Der Kontrast zwischen einer voll im Saft stehenden französischen Luxusindustrie, die sich in Paris ein Kunsttempelchen nach dem anderen errichtet, und der Perspektivlosigkeit der Jugend in den Vorstädten produziert jene Bilderspektakel von geplünderten Céline-Boutiquen und rauchenden Barrikaden, die in endloser Wiederkehr durch die weltweiten Nachrichten strömen – und die vor der Kulisse einer weniger malerischen Stadt auch wesentlich matter aussehen würden.

Paris ist und bleibt eine Bildermaschine, die Welt nimmt gern, was sie hervorbringt. Das ist letztlich auch der Grund, warum sich die Art Basel, die wichtigste Kunstmesse des Planeten, 2022 hier eingefunden hat. In den Museen und Stiftungen der französischen Hauptstadt wird im Oktober ein hochkarätiges Programm aufgefahren. Internationale Sammler, so die Überlegung, zieht es sogleich doppelt stark hierher, insbesondere Amerikaner und Asiaten, die einen weiten Weg nach Europa haben. Über zweihundert Galerien sind vertreten, nicht wenige davon aus Deutschland.

Sprüth Magers bieten einen strahlenden Frank Stella aus den 1960er-Jahren an, der zackig aus dem traditionellen Leinwandrechteck ausbricht und aus dem Nachlass des Künstlers stammt. Gegenüber hat die Galerie Paula Cooper aus New York eine weitere Arbeit Stellas aus dem Jahr 1973 im Angebot, die aus Filz, bemalter Leinwand und Pappe zusammengesetzt ist und in ihren abgetönten Farben schon deutlich anders wirkt als die gegenüber.

Im kommenden Frühjahr wollen die beiden Kunsthändlerinnen Werke von Stella parallel in ihren New Yorker Räumen zeigen. David Zwirner hat drei hängende Plastiken aus Metall von Ruth Asawa (1926–2013) mitgebracht. Der Amerikanerin mit japanischen Wurzeln ist in der Fondation Beyeler in Basel/Riehen gerade eine erste europäische Retrospektive gewidmet.

Asawa studierte am legendären Black Mountain College bei Josef Albers und fing 1949 damit an, Skulpturen aus filigranem Metalldraht zu fertigen. Sie oszillieren zwischen abstrakter Konstruktion und biomorphen Formen. Die drei bei Zwirner gezeigten Werke aus Kupfer- und Bronzedraht entstanden zwischen 1957 und 1969 und kosten 2,2 bis 2,8 Millionen Euro.

Bei Daniel Buchholz funktioniert die vom einfallenden Tageslicht beschienene Skulptur „Salvador“ von Isa Genzken besonders gut, misst sie doch den vorhandenen Raum beinahe komplett aus. Es ist ein bis heute rasant wirkendes, schon 1980 computergestützt produziertes Werk Genzkens aus der Werkgruppe der „Hyperbolos“, das die Galerie im Auftrag eines Sammlers für 3,5 Millionen Euro anbietet.

Es gibt sie immer wieder, diese Highlights: etwa eine großformatige, 2021 entstandene winterliche Landschaft von Thomas Struth bei Marian Goodman, ein eindrucksvolles Gemälde aus dem Jahr 1997 von Miriam Cahn bei Meyer Riegger (240.000 Euro) oder das in Gelbtönen gehaltene Mixed-Media-Werk „Elementares Baumaterial“ von Sigmar Polke aus dem Jahr 1998, das mit einem an Hühnerdraht erinnernden Netzgespinst und irisierender Farbe unter Epoxidharz bei Barbara Gladstone eine Million Euro kosten soll.

Ja, es ist schwer, sich zu entscheiden. Eine changierende, zum näheren Hinschauen animierende, in Metall gestochene Landschaft von Matthew Barney gibt es bei Sadie Coles für 250.000 US-Dollar, ein Joke Painting von Richard Prince aus der Zeit der Pandemie für 5,5 Millionen Dollar, ein Glas Champagner für 23 Euro. Und dann steht sie plötzlich vor einem, die sogenannte Realität. Ein Stromkasten, verwittert und mit Graffiti bedeckt, schäbig und wie eben abmontiert. Es ist dann aber doch eine Arbeit von Klara Lidén, und schon verkauft für 45.000 Euro, verrät einem die Direktorin von Sadie Coles.

Die Art Basel Paris beginnt zu brummen. In der Qatar Lounge werden Crêpes gebacken. Die Security ist sichtbar und wachsam, aber von Belagerungszuständen kann keine Rede sein. Ja, der Louvre war kurz mal geschlossen, aber die Proteste finden ja eher woanders statt, an der Place de la Bastille und der Place de la République. Und wenn das nicht so bleibt? Es gibt da jetzt eine App, erzählt eine Galeristin, mit der man nachsehen kann, wo es gerade brennt, im übertragenen wie im Wortsinn. Ob die so zuverlässig funktioniert wie die der Art Basel, wird man herausfinden.

Dieser Beitrag stammt aus der großen Lucky-Luke-Sonderausgabe der WELT AM SONNTAG anlässlich des 80. Geburtstags des berühmten Comics. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück gern hier bestellen.