Voice of Freedom Повна версія

„Ich komme nicht von ihm los“

· Culture

Ein unerschöpfliches Thema: Rilke und die Frauen. Es waren ja so viele. Und meistens gleichzeitig. Eine Gattin hatte er auch. Aber die spielte bald schon keine Rolle mehr. Rilke wollte, musste alleine leben. Das Werk! Das Werk! Frauen waren für ihn zunächst einmal Förderinnen. Das Leben eines Mannes, der von seiner Kunst mehr schlecht als recht existierte, galt es zu organisieren.

Andererseits waren da die seelischen und sexuellen Bedürfnisse. Rilke war ein homme à femmes. Frauen regten ihn an. Aber nur, wenn alles unter Kontrolle bleibt. Rilke kannte sein Muster. Am bündigsten formulierte er es gegenüber Erika Mitterer. Natürlich, wie es sich für einen Dichter gehörte, im Gedicht: „Ich bin jener, den man nicht erreicht, / und im Recht nur, wo ich mich erwehre. / Dicht an Deinem Herzen wär ich Schwere, / aber aus der Ferne mach ich leicht.“ Verstanden?!

Wer es nicht verstand, war Baladine Klossowska. Und als Rilke sich 1920 in die jüdische Malerin verliebte, sah es anfangs so aus, als könnte er aus seinem Muster ausbrechen. Rauschhaft beschwor er seine Gefühle für sie. Es entstand einer jener Briefe, wie sie nur Rilke schreiben konnte, von beredter Leidenschaftlichkeit, dabei so zugewandt auf die begehrte Person bezogen, dass diese, wie vielleicht noch nie zuvor, sich zugleich verstanden und erhoben fühlen durfte.

Das hörte sich im Fall von Baladine, die Rilke als Zauberin Merline titulierte, so an: „Immer wieder bist Du’s, Merline, oh Geliebte der Erde und des Himmels, die ich besinge! Immer wieder ist es die Macht Deiner Arme, es ist ihr unaussprechlicher Ruhm, so Deinem Herzen zu gehorchen, Deinem Herzen, das, trüge es nicht diese strahlende Blüte –, längst ein Stern wäre, nicht so schrecklich groß wie die Venus, aber vom gleichen Feuer, vom gleichen himmlischen Brand!“

Rilke hielt es also mit der Feuermetapher. Baladine konterte mit einem anderen Element: „Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe.“ Doch sie musste zugeben: „Du scheinst und bist der Weg, der Weg ins Paradies.“ Darunter machte auch sie es nicht. Tatsächlich schälte sich aber bald heraus, dass ihre Rolle eine andere war in Rilkes Leben: Sie fand mit ihm zusammen seine letzte Heimstatt, den mittelalterlichen Wehrturm im Wallis, vom Dichter vollmundig „Schloss Muzot“ genannt. Bezahlt wurde es vom Schweizer Magnaten Werner Reinhart. Und immer wieder nach dem Rechten sehen durfte: Merline. Doch Rilke zog sich, wenn sie auftauchte, ins Hotel zurück. Merline nahm es hin. Sie nahm überhaupt vieles hin. Rilke war und blieb ihre große Passion. Noch 30 Jahre nach des Dichters Tod schrieb sie einer Freundin: „Ich komme nicht von ihm los.“

Baladine Klossowska und Rilke

Wer war diese Frau? Dieser Frage geht jetzt die Schriftstellerin Julia Franck nach. Ihr Buch glüht vor Empathie für die unglücklich Liebende – und bringt das Kunststück fertig, einerseits akribisch die Lebensspuren von Rilkes „letzter Geliebten“ zu rekonstruieren. Andererseits schmiegt es sich schwärmerisch dem hohen Ton von Merlines Liebesdiskurs an.

Franck arbeitet allerdings nicht die literarischen Muster heraus, nach denen dieser Diskurs geformt ist, in den viel aus Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, aber auch aus Bettine von Arnims „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ eingegangen ist. Stattdessen lässt Julia Franck Merlines Liebe wieder aufleben, in ihrer ganzen verzehrenden Intensität. Für denjenigen, der gerade selbst unglücklich verliebt ist, ein Seelenbad! Für Leute, die sich eher für Rilkes Biografie interessieren, etwas unbefriedigend. Denn Rilke kommt zu kurz.

Dabei hatte der, als Merline in sein Leben trat, die größte Schaffenskrise seines Lebens zu bestehen und rang um die „Duineser Elegien“, eines der gewaltigsten Lyrik-Werke der Weltliteratur. Und als es im Februar 1922 endlich vollendet war, ging es mit ihm gesundheitlich rapide bergab. Er hatte nur noch vier Jahre zu leben.

Auf seine Weise sorgte er trotzdem für Merline, die arm war, dazu ständig krank und zwei Söhne allein erzog. Die beiden Hochbegabten (einer davon sollte als Maler Balthus berühmt werden) förderte er und vermittelte sie nach Paris, wo der andere Sohn Privatsekretär von André Gide wurde, der ihn seinerseits protegierte.

Merline, die sich immer wieder, wie es Julia Franck ausdrückt, in ihren überlangen Briefen an Rilke „ausschüttete“, setzte dieser allerdings zunehmend auf Entzug. Er antwortete auf ihre Episteln nur noch sporadisch. Merline wäre so gern für Rilke gewesen, was Bettine von Arnim für Goethe war. Doch Merline wusste eben nicht, dass Goethe, der wortreichen Huldigungen müde, von Bettine irgendwann sagte, sie sei ihm eine „lästige Bremse“, will heißen: eine Fliege, die Krach macht. Traurig, aber wahr.

Julia Franck: Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe. Rilkes letzte Geliebte. Pfaueninsel, 174 Seiten, 22 Euro.